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Volume 30. April 1881, Nr. 31

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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Zweigbahn zwischen Sagan und Glogau, nämlich an die Station 
Waltersdorf, ermöglicht und somit auch für den Wald, nicht bloß 
der Primkenauer, sondern auch der gräflich Kotzenau'schen Herrschaft 
(Burggraf zu Dohna) und der Stadt Bunzlau ein neuer Weg 
des Absatzes gewiesen. Aber in Rücksicht auf Ausnutzung des 
Forstes folgte der Herzog doch lieber der praktischen Erwägung, 
daß sachverständigen Privatleuten die Auffindung der Plätze zu 
vortheilhastem Holzabsatze leichter fallen müsse, als dem Groß 
grundbesitzer; daher er denn auch die überständigen Holzbestände, 
in Morgenpartien abgetheilt, an einzelne Kauflustige überließ. Er 
hatte die Freude zu erleben, daß sich ein Holzvertrieb entwickelte, 
der mit den Jahren immer mehr stieg und für ihn immer ergie 
biger ward. Dabei war er fortgesetzt darauf bedacht, die abge 
holzten Flächen, sofern dieselben sich nicht etwa zu anderer Ver 
werthung besser eigneten, sofort wieder aufzuforsten, ein Verfahren, 
welches insbesondere in Berücksichtigung der Natur der vielen 
Sandhügel am südlichen Saume seiner Herrschaft das allein richtige 
und für die ganze Landschaft segensreiche war. Ich habe zwischen 
1850 und 1860 vielfältig Gelegenheit gehabt, die „alte" Herrschaft 
Primkenau von Ost nach West zu durchwandern; ich erhielt meine 
erste Anstellung 1863 am südlichen Saume des Bunzlauer Kreises 
und hatte wiederum Veranlassung, dieselbe von Süd nach Nord 
zu durchstreifen; ich habe sie 1880 nach ftinfzehnjähriger Abwesen 
heit abermals in beiden Richtungen durchreist und mußte gestehen: 
Jener Mann hatte recht, der beim Tode des Herzogs bewundernd 
schrieb: „Hier hat eine großartige Schöpfting stattgefunden!" Und 
diese ganze Reorganisation ist das eigenste Werk des Herzogs; 
denn nicht nur, daß er auö sich selbst den ersten Gedanken dazu 
gefaßt hat; nicht nur, daß von ihm der Plan dazu entworfen 
ist: — auch die Durchführung defielben hat er bis ins Einzelnste 
und Kleinste bestimmt, geleitet und überwacht. Bei seinem aus 
geprägten Unabhängigkeitssinne hatte er einen Widerwillen gegen 
alles bureaukratischc Wesen, gegen Schreiberei und Vielregicrerei; 
so wollte er auch auf seinem Gebiete im vollen Sinne des Wortes 
„Herr" sein, dem allein die Initiative zu allem gebühre, und er 
kannte bei der bis auf die Einzelheiten sich erstreckenden Durch- 
führung dieses seines Grundsatzes „keine Hindernisse". Wer aber 
auch nur flüchtig das Gebiet dieses fürstlichen Wirkens überschaut, 
der erkennt, wohin sein Auge fällt, daneben auch wohl, daß es 
ein vornehmer Herr im edelsten und vollsten Sinne des Wortes 
war, der hier waltete, dem nicht das Nützlichkeitsprinzip die 
alleinige Richtschnur seines Schaffens war; daß hier eine Persön 
lichkeit wirkte, deren Gedanken sich auch in künstlerischer Form zu 
verkörpern pflegten; man erkennt bei gründlicherer Einsichtnahme, 
daß cs dem Herzoge gelungen ist, die großartigsten landwirth- 
schaftlichen Meliorationen, soweit es ihm bei seinen Lebzeiten ver 
gönnt war, so durchzuführen, daß Felder und Wiesen als Fort 
setzungen und Ausläufer seines umnittelbar bei dem Schlosse ge 
schaffenen Partes erscheinen. Wohin das Auge fällt: an der An 
lage der Wege, an den über die Feldflur zerstreuten einzelnen oder 
gruppenweis gepflanzten Bäumen und Sträuchern erkennt der ge 
übte Blick das Walten eines „vornehmen Gemüthes". — 
Der geneigte Leser erkennt leicht, die Welt dieses Edlen lvar 
das Landleben mit der Wirksamkeit, zu welcher cs Gelegenheit 
giebt, und mit den Genüffen, die sich dem Geiste und Gemüthe 
hier austhun. Unter letzteren stand ihm die Jagd sehr hoch. 
Darum verwandelte er einen Theil seines Forstes, in der Größe 
von 14000 Morgen durch eine Umzäunung in einen Wildpark, 
den er mit zahlreichen Arten von Wild bevölkerte, sowie er der- ; 
gleichen auch an anderen dazu geeigneten Orten aussetzte. Nach j 
vollendeter Separation umgab er auch die letzteren Flächen mit ! 
meilenlangen Wildzäunen, um dieselben von den Rustikalgrundstückcn f 
zu trennen, und diese damit vor Wildschaden zu bewahren. 
Verhinderten ihn auch die Zeitverhältniffe in den letzten Jahren 
an der Abhaltung großer Jagden, zu welchen er in den ersten 
Zeiten seiner Herrschaft zu Anfang jedes Winters große Gesell 
schaften auf seinem Schlosse zu versammeln pflegte; fand er sich 
darnach bei vorgerücktem Alter auch selbst weniger zur Ausübung 
des Waidwcrks aufgelegt, so verlor der Wildstand selbst seinen 
Reiz für ihn nicht, und es gewährte ihm eine besondere Freude, 
seinen fürstlichen Söhnen oder anderen Freunden bei ihren Besuchen 
auf seinem Jagdrevier ein seltenes waidmännisches Vergnügen zu 
bereiten. Als ein besonders gehegtes Jagdwild hebe ich das 
Auerhuhn hervor, wovon ich selbst einmal ein Paar Hähne ge 
sehen habe, welche eine Spannweite von weit über 1 in hatten. 
Im Dezember 1880 schoß der in Baierhaus stationirte herzogliche 
Hülfsjäger im herzoglichen Thiergarten einen Steinadler (Aquila 
chrysuetos), dessen Flügelspannweitc 2 m betrug. Ein schwerer 
Schlag traf den Wildstand, als vor einigen Jahren unter dem 
Hochwild der Milzbrand ausbrach; Hunderte schöner Wildthicre 
sind an der häßlichen Seuche gestorben. 
Ich glaube die Grundlinien eines Wirkens gezeichnet zu haben, 
aus welchem allen Schichten der betheiligten Bevölkerung ein reicher 
Segen erwachsen konnte: der Tagelöhner fand nun eine lohnendere 
Beschäftigung als ftüher; die kleinen Grundbesitzer, die an und 
zwischen den Latifundien des herzoglichen Besitzthums ihre Liegen 
schaften hatten, fanden an der Bewirthschaftung seiner Vorwerke 
ein Vorbild, dem nachzustreben sie je länger je mehr als einen 
Vortheil erkannt haben. Ja es dürften seine Musterwirthschaften 
sogar von segensreichem Einflüsse auf die Großgrundbesitzer, dje an 
der Peripherie der Primkenauer Herrschaft angesessen sind: auf die 
Prinzen, Grafen und Herren v. Dohna, v. Rittberg, v. d. Recke, 
v. Logau, v. Biron, v. Eckertsberg re. gewesen sein. 
Fühlten sich auch manche, namentlich unter den kleinen Leuten, 
durch die Separation, sei es mit Recht oder Unrecht, in ihren 
Wünschen verletzt oder in ihrem Interesse beeinflußt, so wuchs doch 
bei der weit überwiegenden Mehrzahl die Popularität des Herzogs 
in dem Maße, als man ihn genauer kennen lernte; und cs möchte 
dieselbe eine wohl noch allgemeinere geworden sein, wenn ihm Gott 
so lange das Leben geftistet, bis die Betroffenen in die neuen 
Verhältnisse der Separation sich vollkommen einzuleben Zeit ge 
habt hätten. Aber soweit war dieselbe doch schon gediehen, sagt 
jene Skizze, die uns zur Grundlage dient, daß man je länger je 
mehr in allen Schichten der Bevölkerung in Lagen der Rathlosigkcit 
und Noth als ultiwum refugium das eine Wort zu hören bekam: 
„Ich gehe zum Herzoge!" Ueberblickt man seine Wirksamkeit in 
diesem Theile der „schlesischen Perle in der Krone Preußens", so 
kann man, — ich möchte sagen: im verjüngten Maßstabe — seine Be 
deutung für den bcregten Landstrich Schlesiens mit den Worten be 
zeichnen, welche seine hohe Wichtigkeit für die Herzogthümer 
Schleswig-Holstein darzulegen geeignet sind; wenn nämlich von 
ihm gesagt ward: „Das Schicksal der Herzogthümer bis zum Jahre 
1850 hat wiederholt von des Herzogs Entscheidung abgehangen. 
Diese Entscheidung hat er stets im Interesse der Herzogthümer ge 
troffen, und die unparteiische Geschichte, welcher die Thatsachen 
vollständig vorliegen, wird hinzufügen, daß, toenn diese Gebiete 
Deutschland gehören, dieses Ergebniß wesentlich dem Herzoge mit 
! zu verdanken ist." 
IV. Die Stadt und Herrschaft primkenau in ihrer jetzigen chcliatt. 
Treten wir in die Phase der Entwickelung nach 1869 ein, so 
ist zunächst hervorzuheben, daß Seine Durchlaucht Herr Herzog 
Friedrich, der hochselige Vater I. K. H. der Prinzessin Wilhelm 
- von Preußen, die Wege seines Vaters betrat und zur Aus- 
i sührung zu bringen suchte, was der hochselige Herzog unvollendet 
hatte zurücklaffen müssen. Nun ist Stadt und Herrschaft Primkenau 
aus drei Seiten von sich weit hinziehenden Kiefern-, Tannen- und 
Eichenwaldungcn umsäumt; auf der Nordseite liegt das Bruch mit
	        
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