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Periodical volume 30. April 1881, Nr. 31

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Die oben gekennzeichnete Lage der Stadt, einerseits auf dem 
Wege von Sagan, Krossen und Glogau nach Görlitz, Bunzlau, 
Liegnitz bezw. Schweidnitz und Breslau und einerseits in west 
östlicher Richtung aus der Lausitz auf die Oderstädte Beuthen, 
Köben, Steinau rc. zu, brachte es mit sich, daß in den großen 
Kriegen, welche in den letzten drei Jahrhunderten Schlesiens Wohl 
stand so vielfältig schädigten, auch die in Rede stehende Herrschaft 
in wirthschastlichcr Hinsicht sehr viel gelitten hat. 
Im dreißigjährigen Kriege ward Primkenau theils von den 
Schweden, theils von den Kaiserlichen schwer heimgesucht, von 
beiden, wie die Heeresmassen eben hin und wieder flutheten, viel 
fach gebrandschatzt und oft mit fast unerschwinglichen Lasten belegt; 
noch 1642 brannten die Schweden Primkenau abermals nieder. 
Der nahe, mitten im Walde gelegene dörfische Ort Armadebrunn 
soll längere Zeit der Lagcrort eines Heerhaufens des schwedischen 
Generals Torstenson gewesen sein, der in demselben Jahre die 
gewaltige Schlacht bei Leipzig-Breitenfeld gewann. 
Glimpflicher erging es Primkenau, als die Preußen während 
der schlesischen Kriege die Gegend durchzogen; aber 1806 und 1807, 
als Schlesien von den Franzosen occupirt und von französischen 
und rheinbündischen Truppen besetzt war, hatte Primkenau wegen 
seiner Nähe an der Festung Glogau wieder bedeutende Kriegslasten 
zu tragen, und 1813 waren cs bald die Franzosen, bald die Russen, 
welche Stadt und Land mit zahlreichen Einquartierungen belegten 
und mit bedeutenden Fouragelieferungen heimsuchten. Zur Zeit 
des Waffenstillstandes 1813 bezog vom 7. Juni bis 13. August 
die Württembergische Division in und um Primkenau ihre Can- 
tonnirungsquarticre, und noch heute zeugen die von ihnen in der 
Nähe Primkenaus aufgeworfenen Schanzen von jener großen, aber 
auch traurigen Zeit; denn lieber noch spricht der niederschlesische 
Bauer, der jene Zeit mit durchlebte, von den Russen als von den 
Württembergern, die nach alledem, was der Volksmund noch von 
ihnen erzählt, in Schlesien mit furchtbarer Härte aufgetreten sein 
müssen. 
Die nach den Befreiungskriegen eintretende bessernde Zeit 
hat wegen mancherlei zusammenwirkender Ursachen einen wirth- 
schastlichen Aufschwung für die Gegend nicht gebracht; derselbe 
vollzieht sich erst in der folgenden Phase, die wir als 
III. Aie Zeit der Zlestauration der Herrschaft primkenau durch den 
Herzog von Augustenöurg 
bezeichnen wollen. 
Der Herzog Christian August von Schleswig-Holstein-Sonder- 
burg-Augustcnburg kaufte im September 1853 die zwischen 3 und 
4 Quadratmeilen umfassende Herrschaft Primkenau, die außer dem 
gleichnamigen Städtchen noch 14 Dörfer mit einer Einwohnerzahl 
von 6500 Seelen umfaßte, für 950,000 Thlr. gleich 2,850,000 Mk. 
Damals war die Herrschaft fast ausschließlich ein Forstgut. Zwar 
gehörten zu ihr 6 herrschaftliche Höfe oder Vorwerke, aber nur 
mit verhältnismäßig kleinen Acker- und Wiesenflächen von bezw. 
300, 700 und 900 preußischen Morgen, die, von nur zwei Beamten 
bewirthschaftet, gegen die 38,075 Morgen Forst nicht mehr als 
eine nebensächliche Bedeutung hatten. 
Die Beachtung der Uebersicht über die jeweiligen Besitzer 
ergiebt ja auch, daß die Herrschaft Primkenau länger als ein Jahr 
hundert hindurch nichts weiter als eine Waare gewesen ist, die aus 
einer Hand in die andere überging, ja die gerade in jener Zeit, 
nach den schlesischen Kriegen (von 1740—1763), in welcher auch 
auf dem land- und sorsttvirthschaftlichen Gebiete in der ganzen 
Provinz so große Fortschritte gentacht wurden, gewistermaßen ein 
herrenloses Gut war, nämlich insofern als keiner der Besitzer seinen 
bleibenden Wohnsitz innerhalb ihres Gebietes nahm, sondern viel 
mehr die verschiedenen Verwaltungszweige nur einzelnen Beamten 
überlasten waren, und also dem Ganzen ein allumsastcnder Blick 
und der einheiUiche Wille eines wahren Herren fehlte. So trug 
denn die Herrschaft, als sie in Besitz des Augustenburgers überging, 
noch alle mittelalterlichen Servitute auf ihrem altersschwachen 
Rücken: 553 Nahrungsbesitzer in der Stadt und in den Dörfern 
übten in den herrschaftlichen Forsten die ausgedehntesten Holz-, 
Kien- und Streu- und auf den Bruchgrundstücken die uneinge 
schränkte Hutungs- und Grasereigerechtsamen aus. Unter diesen 
Verhältniffen war eine rationelle Bewirthschaftung des Forstes 
und des Bruches seitens des Dominialbesitzers unmöglich und eine 
zeitmäße der Vorwerke durch deren große Zerstückelung in kleine 
Parzellen, welche zwischen den Rustikalländereien zerstreut lagen, 
wenigstens sehr erschwert. 
Doch kaum hatte das lichte und umsichtige Auge des „alten 
Herzogs", wie ihn die Leute der Umgegend gern nannten, seine 
neue Besitzung gesehen, als in seinem umfassenden Geiste auch 
schon ein Plan von dem, was werden sollte, fertig stand, und 
bald ging eS an ein Arbeiten, dem nur der Tod des Herzogs 
— derselbe erfolgte am 11. März 1869 — ein Ziel setzen konnte. 
Unmittelbar nach Abschluß des Kaufes setzte der Herzog, dessen 
Grundsatz war: „Der Mensch muß wissen, was er will" und 
„dann keine Schwierigkeiten kennen" — seine eiserne Energie daran, 
sich und den Seinen einen heimischen Wohnsitz zu schaffen; denn 
in das sogenannte „Schloß zu Primkenau" war es unmöglich, 
seine Gemahlin einzuführen*), dasselbe wird nach seinem damaligen 
Zustande geschildert als ein Gebäude kleinlichster Art, und dazu 
nicht nur von einer Menge umzäunter Gärtchen, sondern auch von 
herrschaftlichen und bürgerlichen Stallgebäuden wahrhaft eingeschnürt, 
in aufgefahrenen Steinhaufen und aufgestelltem Klafterholz gewisser 
maßen begraben; es diente in seinen unteren Räumen geradezu 
zur Holz-Remise. Sofort nach der Besitzergreifung fielen die Zäune 
und die herrschaftlichen Gebäude, ihnen folgten die bald ange 
kauften bürgerlichen Hintergebäude mit ihren Höfen, und um das 
durch Um- und Anbau erweiterte, aber doch noch in sehr beschei 
denen Dimensionen gehaltene Schloß — Luxusbauten waren nicht 
nach des Herzogs Sinne — verwandelte sich im Frühjahr 1854 
die unmittelbare Umgebung in einen Blumengarten und der an 
grenzende 442 Morgen umfassende „Oberwald" mit seinen alten 
prächtigen Bäumen und zahlreichen Sträuchern der mannigfaltigsten 
Holzarten in einen herrlichen Park, bei deffen Anlegung das geübte 
fürstliche Auge alles Vorhandene ebenso sorgsam zu benutzen, als 
alles Kleinliche und jeglichen der Natur angethanenen Zwang zu 
vermeiden wußte. So konnte die hechselige Herzogin schon im 
August 1854 mit den Prinzessinnen in die neue Heimath einziehen, 
welche von nun an der bleibende Wohnsitz des hohen Hauses sein 
sollte. - 
In Verbindung mit diesem Anfange ward bereits das zweite 
Werk eingeleitet, an dessen Vervollkommnung der Herzog, nachdem 
er es einmal in Angriff genommen, bis an das Ende seines Lebens 
fortgearbeitct hat. Zur Herrschaft Primkenau gehörte nämlich ein 
Theil des „Sprotta-Bruches". Die Sprotta (Sprotte) ist ein 
Nebenflüßchen auf der rechten Seite des Bobers, welches am 
nördlichen Saume einer Hügelreihe, die die Wafferscheide zwischen 
dem Schwarzwaster, das zur Katzbach, und der Kalten-Bach, die 
zur Oder geht, bilden, seine Quellbäche, und zwar zwischen den 
Städten Lüben und Kotzenau sammelt. Als eigentlichen Ursprung 
derselben bezeichnet der Volksmund dasiger Gegend den Ueberrest 
des Schloßgrabens bei den herrschaftlichen Gebäuden des Ritter 
gutes Spröttchen. Durch reiche Laubwald- und schöne Wiesen- 
*) Wir folgen hier einer „Skizze der letzten fünfzehn Lebensjahre 
Seiner Hochfürstlichen Durchlaucht des Herzogs Christian August von 
Schleswig- Holstein - Sonderburg-Augustenburg", welche im Anschluffe an 
die Beschreibung Seiner „feierlichen Beisetzung auf Primkenau" 1869 im 
Druck erschien.
        
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