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Volume 30. April 1881, Nr. 31

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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der. „Herr Lampe!" schrie eine Stimme in sein Ohr, 
„machen Sic, daß Sic fortkommen." — „Hinaus mit dem 
Lampe! fort mit dem elenden Lampe!" schrieen Andere, 
und plötzlich war er an der Thür ans einem Gange 
zwischen km Spalier der Soldaten, wo er, sechs oder sieben 
Mal rnndumgedreht, sich endlich unter dem kalten, nassen 
Nachthimmcl erblickte. — Schaudernd stand er, und doch war 
er froh und verzweiflungsvoll zugleich. In seinem dünnen 
Kleide, dem rauhen Wetter Preis gegeben, mitten in der 
Dunkelheit allein, hinausgeworfen, verspottet, von Allen er 
kannt, von seinen Verführern verrathen, war er plötzlich ganz 
nüchtern, und sein Herz füllte sich mit namenlosem Jammer. 
Er riß die Maske von seinem Gesicht, ballte die Fäuste und 
hätte sich sicher ein Leid gethan, wäre er nicht ein so gesetzter, 
nachdenkender Mann gewesen. 
So kam es denn, daß, als er eine Minute lang an der 
Brücke gestanden, die über den Stroin führt, und seufzend 
ins Wasser gesehen hatte, er ganz gelassen sagte: „Ich will 
nach Hause gehen, aber es ist merkwürdig! . . . Lampe, was 
hast du gethan? Welche Schande erwartet dich! und mein 
Nockelor, mein Hut, mein Rock, meine Stulpenstiefeln — 
gerechter Himmel! Alles ist verloren. - Nichts habe ich, als 
diesen vermaledeiten Anzug! Die Spitzbuben, die Galgenvögel! 
sic haben mir Alles abgenommen." 
„Haben Sie keinen Mantel, Herr Lampe?" fragte eine 
Stimme neben ihm mit unterdrücktem Lachen. 
Der Flüchtling sah sich erschrocken um; eine dunkle, ver 
hüllte Gestalt stand neben ihm. „Kennen auch Sie mich?" 
rief er mit zornigem Entsetzen, „kennt mich denn die ganze 
Welt? Ja, ich bin Lampe, der unglückliche Lampe, und habe 
nichts, gar nichts, um meine Blöße zu bedecken." 
„Dann wird man Sie auffangen und einsperren," sagte 
die Andere. 
Der trübe Schein einer Laterne fiel ans sie, er sah eine 
Maske tief eingehüllt in einen weiten, schwarzen Ueberwnrf. 
Mehr konnte er nicht erkennen; da aber zu gleicher Zeit, nicht 
fern von ihm, die Schritte einiger nahenden Personen hörbar 
wurden, deren schrecklicher Ruf: „Lampe, holla Lampe!" ihn 
Alles fürchten ließ, faßte er flehend nach ihrem Gewände und 
sagte zitternd: „Helfen Sie mir, schützen Sie mich, in meinem 
ganzen Leben will ich es nicht vergessen!" 
Statt der Antwort ergriff die Maske seine Hand und 
zog ihn rasch über die Brücke. Dort am Platze stand ein 
Wagen, der sie erwartete. Sie öffnete den Schlag. „Steigen 
Sie ein," sagte sie schnell. Lampe leistete mit einer jähen 
Anstrengung Folge; im nächsten Augenblick saß die Unbekannte 
neben ihm. 
„Da ist er!" schrieen die Verfolger. „Lampe im Wagen, 
halt! halt!" — Die Räder raffelten über das Pflaster, mit 
einem Dankgebete siel der arme Geängstigtc in die Kiffen zurück. 
Fünftes Kapitel. 
Gerade als es am Sonntag Mittag Zwölf schlug, öffnete 
Herr Johannes Heinhold die Thür seines Cabinets und trat 
in das Wohnzimmer, wo der Tisch gedeckt war, wie es die 
Sitte mit sich brachte. Mademoiselle Marie trat auf der andern 
Seite mit dem Silbcrkorbe herein, in dein die schweren Gabeln 
und Löffel lagen- Als sie ihren Vormund erblickte, blieb sie 
stehen und machte einen tiefen Knix. Heute waren ihre frischen 
Wangen ein wenig blaß, oder machte es das Corset von 
rosigem Seidendammast, dessen Kragen, mit schwarzen Kanten 
besetzt. Hals, Brust und Körper umschloß? Der blumige, 
schwere Stoff ihres Kleides rauschte ihr auf dem Fußboden 
nach. Herr Hcinhold seufzte leise, als er ihr nachblickte, wie 
sie bei ihm vorüberging, die Füßchen in den zierlichen, rothen, 
goldigen Saffianschuhcn mit zollhohen Hacken und ihre weißen 
Hände in Handschuhen von schwarzem Scidcnfilet. Er run 
zelte seine hohe Stirn und sah seitwärts in ihr Gesicht, das 
still lind bedächtig über den Tisch blickte, abwägend, wo noch 
etwas fehle. 
„Sie scheinen mißgestimmt zu sein?" sagte sie nach einem 
Weilchen, als sie den Kopf aufhob und den alten, Herrn neben 
sich sah- 
„Ich bin, wie ich immer bin, mein Kiild," erwiderte er 
sanft, ihr Kinn berührend, „möchte jedoch sagen, daß ich Deine 
hellen Augen trübe und, wie es scheint, ein wenig roth finde." 
„Das macht, weil ich nicht ausgeschlafen habe!" rief die 
juilgc Dame lachend, „denn, Gott steh' uns bei! was gab es 
heute Nacht für Lärm im Hause! Es kam und ging, die 
Thüreir knarrten, es polterte über meinem Kopf, Schritte eilten 
hin und her, kurz, ich wachte zwei, drei Mal auf, lind, wie 
man so furchtsanl ist, es fielen mir Geschichten ein, so daß 
ich mies; ängstigte und nicht wieder einschlafen konnte." 
Herr Heinhold hatte sich gegen das Fenster gewendet lind 
slichte seinen Verdruß und seine Verlegenheit zu verbergen. 
„Gustav ist spät nach Halise gekoinmen," sagte er nach einem 
Wcilcheil; „er muß das abstellen, und Du, mein Kiild, nlllßt 
dabei das Beste thun." 
„Ich?" rief das schöne Mädchen erstaunt, „ich, lieber 
Papa? Wie könnte meine arme, steine Person ein so großes 
Wunder bewirken?" 
„Es ist ein altes, wahres Wort," erwiderte der Handels- 
herr, iildem er sich lnnwelldete lind sie freundlich betrachtete, 
„daß Weiberlist über alle List geht. Siehst Du wohl, Mäd 
chen, da färben sich nun Deine Lippen und Wangen; Du 
weißt recht gut, was ich meine; das Blut komint roth vom 
Herzen her uild schreit den Verrath in alle Welt. Deine 
Stimme allein soll leuglien und folgt doch auch nur wider 
strebend. Wäre nicht heute Soniltag, ein heiliger, stiller Tag, 
der ungestört bleiben soll durch irdisches Dichten und Trachten, 
ich würde Dir offen sagen, was ich weiß und was ich will. 
Rlir das Eine inerke Dir: Wir alle müffeil sorgen, daß dieses 
Hauses Glück uild Friede wohl erhalten bleiben und nicht 
etwa ein böser Feind sich eiilschleicht, der uns in Kuinmer und 
Sorge bringt." 
„In Wahrheit!" ries Mademoiselle Marie, den hübschen 
Mund zum Lachen zwingcild, „ich weiß ilicht, ivas des lieben 
Papa's Sorge so sehr erregen kann." 
„Es ist auch Sorge um Dich dabei," versicherte er, ihre 
Hand drückend. 
„Tausend Dailk dailn für diesen Beweis Ihrer väterlichen 
Güte." 
Herr Heiilhold legte die Hand auf ihre hochgewölbte 
Stirn uild sah ihr mit Wohlgefallen in die klaren Augen. 
„Du bist meine liebe Tochter," sagte er, und sollst es immer 
bleiben. Wenn aber ein Gärtner ein Bälinlcheil hat voll herr 
licher Blüthen und Früchte, wenl lnöchte er solchen Schatz am
	        
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