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Volume 2. April 1881, Nr. 27

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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sreiungsjahre, sie schien fester als irgend eine etablirte Macht. 
Aber schon lauerte das Verderben. 
In jenen stillen Jahren, die der großen Aufregung folgten, 
wo man's gehe» ließ, wo die Wachsamkeit lullte, da geschah's. 
Eines Tages, wie aus dem Boden aufgestiegen, waren zwei Con- 
eurrenzmächte da: die Grünthaler und die Josth'sche. 
Jetzt wo sich ein steterer Ueberblick über ein halbes Jahr 
hundert ermöglicht, ist die Gelegenheit gegeben, auch ihnen gerecht 
zu werden. Es ist jetzt die Möglichkeit da, die Dinge aus dem 
Zusammenhange zu erklären, das Zurückliegende aus dem Gegen 
wärtigen zu verstehen. Beide Neu-Getränke hatten einen aus 
gesprochenen Hcroldscharaktcr, sie waren Vorläufer, sie kündigten 
an. Man kann sagen: Berlin war für die Baiersche noch nicht 
reif, aber das Seidel wurde bereits geahnt. Das Grünthaler, 
die Josth'sche sie waren eine Culmbacher von der milderen Observanz; 
die Josth'sche (in ihrem Hange nach Milde) bis zum Coriander 
niedcrstcigend. Beide waren, was sie sein konnten. Darin lag 
ihr Verdienst, aber doch auch ihre Schwäche. Ihr Wesen war 
und blieb — die Halbheit. Und die Halbheit hat noch nie die 
Welt erobert, am wenigsten Berlin. 
So herrschten denn die alten Mächte vorläufig weiter. Aber 
nicht auf lange. Die Nothwendigkeit einer Wandlung hatte sich 
zu fühlbar herausgestellt, als daß es hätte bleiben können wie es 
war. Die Welt, wenn auch nach weiter nichts, sehnte sich wenigstens 
nach Durchbrechung des Monopols, und siehe da, was den beiden 
Vorläufern des Seidels nicht hatte glücken wollen, das glückte 
nmnnehr, in eben diesen Jnterregnumstagen, einer dritten Macht, 
die, an das Alte sich klug und weise anlehnend, ziemlich gleich 
zeitig mit jenen beiden ins Dasein sprang. 
Diese dritte Macht (der Leser ahnt bereits, welche) hatte von 
vornherein den Vorzug, alles Fremdartigen entkleidet, auf unserem 
Boden aufzutreten; — märkisch national, ein Ding für sich, so 
erschien die Werderschc. Sie war dem Landesgeschmack geschickt 
adaptirt, sie stellte sich einerseits in Gegensatz gegen die Weiße 
und hatte doch wiederum so viel von ihr an sich, daß sie wie 
zwei Schwestern waren, dasselbe Temperament, dasselbe prickelnde 
Wesen, im Ucbrigen reine Geschmackssache: blond oder braun. 
In Kruken auftretend, und über dreimal gebrauchten Korken eine 
blasse, längst ausgelaugte Strippe zu leichtem Knoten schürzend, 
war sie, die Werdersche, in ihrer äußerlichen Erscheinung schon, 
der ausgesprochene und bald auch der glückliche Concurrent der 
älteren Schwester, und die bekannten Kellerschilder, diese glücklich- 
realistische Mischung von Stillleben und Genre, bequemten sich 
mehr und mehr, neben der blonden Weißen die braune Werdersche 
ebenbürtig cinzurangiren. Die Verhältnisse, ohne daß ein Plan 
dahin geleitet hätte, führten über Nacht zu einer Theilung der 
Herrschaft. Die Werdersche hielt mehr und mehr ihren Einzug 
über die Hintertreppe; in den Regionen der Küche und Kinderstube 
erwuchs ihr das süße Gcftihl, eine Mission gefunden und erfüllt 
zu haben; sic wurde Nähr-Bier in des Wortes verwegenster Be 
deutung und das gegenwärtige Geschlecht, wenn auch aus zweiter 
Hand erst, hat Kraft und Leben gesogen aus der „Werderschen." 
Dessen seien wir gedenk. Das Leben mag uns losreißen von 
unserer Amme; aber ein Undankbarer, der sic nicht kennen will, 
oder bei ihrem Anblick sich schämt. — Theodor Fontane. 
M i s 11111 n. 
Dr. Wielen, Keldprobst der Ärmer. (Siche Bild Seite 361.) 
Am 3. März 1831 trat der gegenwärtige Feldprobst der preußi 
schen Armee als Garnisonprediger von Wesel in den Dienst der 
Armee. Die fünfzigjährige Wiederkehr dieses Tages ist festlich 
begangen worden und wir bringen in Erinnerung dieses Tages, 
das Portrait des Jubilars für weitere Kreise, Portrait und einige 
biographische Notizen. 
Dr. Thielen ist als der zweite Sohn des Schiffbaumeisters 
Thielen und dessen Ehestau geb. Hülsmann am 24. Oktober 1806 
zu Mühlheim an der Ruhr geboren, genoß den ersten Unterricht 
in seiner Vaterstadt, besuchte die Gymnasien zu Detmold und 
Duisburg und studirte dann, zuerst in Bonn später in Berlin 
Theologie. Hier besonders gewann Neander den tiefsten und 
bleibendsten Einfluß auf seine theologische Bildung. 
Seiner ersten Garnison haben wir Erwähnung gethan. Schon 
1832 wurde er als Divisionsprediger bei der 14. Division nach 
Düsseldorf und 13 Jahre später als Militairobcrpfarrer des 
II. Armeecorps nach Stettin versetzt. Schon zwei Jahre später 
siedelte er in die Rheinische Heimath in gleicher Stellung wie 
beim II. zum VIII. Corps nach Coblenz über. Wie seiner Zeit 
in Düsseldorf zum Hofe des Prinzen Friedrich, so stand er in 
Coblenz in der allernächsten persönlichen Beziehung zu dem des da 
maligen Prinzen von Preußen, der seit 1849 als Generalgouver 
neur von Rheinland-Westphalen in Coblenz residirte. 1853 zum 
Consistorialrath, 1854 zum Hosprediger ernannt, leitete er unter 
anderem den Unterricht der Prinzessin Louise, der nachmaligen 
Großherzogin von Baden. 
Als der Feldprobst der Armee Dr. Bollert im Jahre 1860 
schwer erkrankte, wurde Dr. Thielen mit der Wahrnehmung der 
Geschäfte betraut und nach Bollerts am 11. März 1862 erfolgtem 
Tode zum evangelischen Feldprobst der Armee und zum Mitglieds 
des evangelischen Kirchenraths ernannt. 
Bei der denkwürdigen Feier der Weihe von 142 Fahnen und 
Standarten vor dem Standbilde Friedrichs des Großen am 17. 
und 18. Januar 1861 hielt Dr. Thielen die Weihrede und auch 
am 18. Oktober desselben Jahres, bei der Krönung in Königsberg 
fungirte er als stellvertretender Feldprobst, wie er dann später auch 
am 22. September 1866 und 1871 die Dankesgottesdienste der 
rückkehrenden Truppen leitete und bei Enthüllung der Siegessäule 
auf dem Königsplatz das Dankgebet sprach. Auf einem der am 
Fuße des Denkmals angebrachten Reliefs ist in der Gestalt des 
Geistlichen, der die ausziehenden Truppen segnet, der charaktervolle 
Kopf des preußischen Feldprobstes wiederzuerkennen. — 
Aestzug in Wcrkin unter Joachim II. (siehe Illustration 
Seite 367). Joachim II. gehört zu den besten hohenzollernschen 
Regenten. Und zwar nicht deshalb, weil er der erste Kurfürst, 
der sich zur Reformation bekannte und auch natürlich nicht des 
halb, weil er wie einer seiner Nachfolger König Friedrich I. den 
Luxus mehr liebte, als die Mehrzahl der brandenburgischen Herrscher. 
Ich setze das aber hier her, weil ich der Meinung bin, daß die in 
brandenburgischen Schulbüchern so gerühmte Sparsamkeit einzelner 
unserer Herrscher allein uns nicht groß gemacht hätte. Gerade 
zwei der politisch bedeutendsten brandenburgischen Regenten, die 
oben genannten, litten an der preußischen Sparkrankheit nicht. 
Er ist der bedeutendste Hohenzoller unter der ganzen Reihe 
brandenburgischer Herrscher, welche bis zum großen Kurfürsten 
regierten. Bedeutend durch seinen eigenen hellen Verstand, und 
dadurch, daß er sich — ähnlich wie König Wilhelm seinen Kanzler 
Bismarck — einen Mann zum Gehülfen wählte, Lampert Diestel- 
m eh er, in dessen Kopf zum ersten Male jener schaffende Gedanke auf 
dämmerte, der nach und nach die preußische Monarchie ins Leben ge 
rufen hat. Lampcrt Diestelmeyer war ein Schneiderssohn aus 
Leipzig, dann Professor in seiner Vaterstadt und 38 Jahr alt, 
als ihn 1550 Kurfürst Joachim II. von dem Profefforkatheder weg 
als Geheimen Rath und als „Orator", als Gesandten bei Ver 
schickungen an die Höfe, in die Marken rief. Der Mann führte 
über dreißig Jahre lang das brandcnburgische Kanzlersiegel und 
fein genial organisirender Kopf lenkte die Staatsgeschäfte so um 
sichtig, daß damals trotz der schwierigen Zeitläufte die Keime zu 
der dereinstigen Größe der brandenburgischen Monarchie gelegt 
wurden. Lampert Diestelmeyer war es, der die Hand auf Mag
	        
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