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Volume 16. April 1881, Nr. 29

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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Hofoper bewiesen. Das erkannte Wien, die erste Theaterstadt 
nächst Berlin, an, indem die Kais. Hofoper den bewährten 
Mann vor wenigen Wochen in die Leitung dieses vorzüglichen 
Instituts berief. Von Tetzlaffs Abgang datirt der Verfall des 
Friedrich-Wilhelmstädtischcn Theaters, das — hoffentlich vorüber 
gehende — Hinuntersinken dieser ehemals zweitbesten Berliner 
Bühne auf den Bellealliancethcatcr-Standpunkt. 
Gute Stücke und beliebte Darsteller sind vortreffliche Mittel, 
ein Theater zugkräftig zu machen, ein tüchtiger Regisseur muß aber 
auch ohne diese sein Theater interessant machen können. Mit 
Marlitt'schcn, Spielhagen'schen, Dewall'schcn oder Hackländerschen 
besten Romanen den Jahrgang einer Zeitschrift redigiren, oder 
mit „Krieg im Frieden", „Doktor Klaus", „Fledermaus" und 
„Mamsell Angot" ein Thcatcrjahr hindurch die Regie üben, 
das „kann Neumanns Kutscher auch". 
Ich nannte das Jahr 1874 das Glanzjahr der Friedrich- 
Wilhelmstadt seit dem Bestehen der Bühne. 
Reumann, Kleffel, Tetzlaff leiteten das schmucke Theater. An 
Darstellern wirkten: August Neumann, Bollmann, Broda, Brandt, 
Guthery (ein vortrefflicher Komiker, der in diesem Jahre vom 
Wallnertheater an das Theater der Schumannstraße übersiedelte), 
Leszinski I, Patonay, Max Schulz und tho’ last, not least 
in love Carl Swoboda. An Darstellerinnen: Helene Meinhardt 
und Albertine Stäuber, die Frls. Brandt, von Csepcsanyi, Preuß, 
Reichardt, Sandorie (der schönste Prinz Orlowsky), Frl.-von 
Savary, Elise Schmidt und Frl. Walles. 
Und nun kamen zur guten Leitung und zur vortrefflichen 
Darstellung Novitäten wie „Mamsel Angot", „Der Carneval 
in Rom" und „Die Fledermaus". Lecocq*) und Strauß**) 
gaben ihr Bestes. 
Es hieße „Säulen nach Athen tragen", wie August Neumann 
’) Sinnt, der Red.: Charles Lccocq, der Erbe des Rufs Offen 
bachs, geboren den 3. Juni >834 in Paris, stndirte am dortigen Conser- 
vatorium, besonders unter Leitung Halevhs und Benoist's und wirkte hier 
auf als Musiklehrcr. Seit 1869 hat er als Opernkomponist zum Theil auf 
alle Bühnen der Erde geschickt: „Le Cabaret de Rambonneau“, „Liline et 
Valentin“, „Les pres de St. Gervais“, „Le Mvosotis“, „Ondines au 
Champagne“, „Les jumeaux de Bergame“, „Gandolfo“, „Le barbier de 
Trouville“, „Le Iteau Hanois“, „Le testament de Mr. Crac“, „Fleur de 
thu“, „Les cent vierges“, „La fille de Madame Angot“, „Girofle- 
Girotiä“, „La petite marie“, „Le pornpon“, „Camargo“, „Graciella“. tc. 
Sein neuestes Opus „Janot“ hat trotz der vortrefflichen Darstellting durch 
Jeanne Grannicr in Paris nicht gefallen. Auch Lecocq scheint sich mit 
„Angot" und dem „Kleinen Herzog" ausgegeben zu haben. Stur einige wenige 
Werke dieses licderreichen Komponisten haben allgemeine Popularität er 
rungen, diese aber strotzen von reicher, leicht faßlicher Melodik, eleganten Harmo 
nien und frappanten Rhythmen. Bemerkt zu werden verdient noch, daß Lecocq 
auch eine Slnzahl französischer Romanzen imb Klavierstücke componirt und her 
ausgegeben hat, von denen mchreres in Frankreich nicht minder» beliebt 
geworden ist, wie die Melodien seiner besten Operetten. 
**) Sinnt, der Red.: Johann Strauß, Sohn des gleichnamigen, 
1804 geborenen Tanzcomponisten, des sogenannten „Walzerkönigs", hat 
nicht nur als Tanzcomponist ähnliche Erfolge aufzuweisen, wie sein Vater, 
sondern hat auch auf dem Gebiete der komischen Oper sich einen Stamen ge 
schaffen wie Offenbach und Lecocq. Er debütirte 1871 mit „Indigo", dem 
1873 „Der Carneval in Atom" (nach Sardou's „Piccolino") und 1874 
„Die Fledermaus" (nach der Posse „Le reveillon“ von Meilhac und Halevy), 
„Cagliostro" 1875, endlich „Blindekuh" und das „Spitzentuch der Königin" 
folgten. Bei allem Respekt vor dem Talent des Opcrncomponisten wird 
man doch immer die Walzer dieses Componisten voranstellen müssen. Der 
ungeheure Erfolg, den sein Walzer „An der schönen blauen Donau" ge 
funden, ist ein durchaus berechtigter, und man darf Hanslick beistimmen, 
wenn er behauptet, daß dieser Donauwalzer zu einer Art Volkshvmne ge 
worden sei, welche den lebensfrohen Zug des österreichischen National- 
charakters mit der gleichen Treue musikalisch wiederspiegelt, wie Haydns 
„Gott erhalte Franz den Kaiser" die sinnige und pietätvolle Seite desselben. 
einmal behauptete, wollte ich hier etwas zum Lobe der „Fleder 
maus" und von „Mamsell Angot" anführen. 
Nur das Eine möchte ich für alle Theaterzeiten festhalten, die 
Berliner Kritik, dieses nach der Meinung einiger Leute hochweise 
Collegium, ferner das ortsübliche Premierenpublikum*), das 
schaudervollste, das ich mir denken kann, fand die erste Vorstellung 
der „Fledermaus", in der Albin Swoboda und seine Frau, die 
ehemalige reizende Fischer mitwirkten, keineswegs schön und 
prophezeiten durchweg und soviel mir bewußt, ohne jede Ausnahme, 
dem lustigen Stücke kein langes Leben. 
Das Panketheater zeichnete sich auch noch durch ein anderes 
Jahresereigniß aus. Das Herzoglich Meiningen'sche Hof 
theater stellte sich der Reichshauptstadt vor und zwar in 76 Vor 
stellungen. Während im Sommertheater der Schumannstraße die 
freundlichen Weisen der Fledermaus ihr „Glücklich ist, wer vergißt, 
was nicht mehr zu ändern ist" ertönen ließen, rasselten aus dem 
Wintcrtheatcr die Füsiladen der „Bluthochzeit", und während rechts 
Mamsell Angot-Stauber erzählte, wer ihre Mutter war, be 
schloß links Tell-Barnay des Tyrannen Tod. 
(Schluß folgt.) 
Anekdoten und Lharakterrügc uns dem Leben König 
Friedrich Mchelms IV. 
Nach Mittheilungen aus unserem Leserkreise**) von (Pmil Somintst. 
Die ersten Subscriptionsbälle fanden im Schauspielhause statt 
und sah man als Abschluß der Dekorationen durch ein großes 
Portal eine sehr gut gemalte Schweizer Landschaft. Friedrich 
Wilhelm IV. sprach sich über diese Dekoration sehr anerkennend 
aus, indem er, mit der Lorgnette die Damen im ersten Rang be 
trachtend, sein Lob mit den Worten schloß: „Ganz wie in der 
Schweiz, — eine Mayer-ei neben der andern." 
Am 1. Februar 1842 wurde dem Prinzen Albrecht eine 
Tochter geboren, Ihre Königliche Hoheit die jetzige verwittwete 
Herzogin Alexandrine von Meklenburg - Schwerin. Bekanntlich wird 
jedes neue Glied unseres Königshauses bei seiner Geburt mit 
Kanonenschüssen begrüßt, die dem Volke das freudige Ereigniß ver 
künden sollen. Als nun bei dieser Gelegenheit der Kommandeur 
der Artillerie von dem Könige seine Befehle wegen der Salutschüsse 
erhalten hatte, blieb der Officier noch zögernd in dem Zimmer 
stehen. Der König sah ihn fragend an. „Majestät, ich habe 
meine Instruktion für die Geburt eines Prinzen und auch die für 
eine Prinzessin. Wenn nun aher der liebe Gott uns einen Prinzen 
und zugleich auch eine Prinzessin schenkt wie dann?" „Dann 
mein Lieber" — lachte der König hell auf — „dann nach unserem 
alten Preußischen Wahlspruche: 8uuw ouiqus!" (Jedem das Seine). 
*) Das Premierenpublikum unserer Theater schildere ich einmal, 
wie es ist. Ich tarire den Geisteszustand eines Menschen auch danach, 
ob er ein Gewohnheitsläufer in die Berliner Theaterpremieren ist, ob nicht. 
**) Anm. der Red.: Mitgetheilt wurden uns die heute unseren Lesern 
erzählten von: Hauptmann H. Berlin, Neuenburgerstraße; Dr. Th. 11. 
in H.; G. St. Berlin SL, Linienstraße; Major L. St.; G. in Berlin; 
von einem 87 jährigen; Hist. Gym.-Ver. Prenzlau; ferner von einem 
freundlichen Leser der Rheinisch-Westphälischen Post (Red. D. B. Wiemann 
in Barmen-Elberfeld). 
Allen besten Dank und damit die Bitte an alle unsere 
Leser um weitere freundliche Zusendung. Am Schluffe unserer 
Mittheilungen werden wir ein ausführliches Charakterbild König Friedrich 
Wilhelms IV. an der Hand der vortrefflichen Biographie, welche Ält- 
meistcr von Ranke kürzlich veröffentlicht hat, bringen-
	        
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