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Volume 16. April 1881, Nr. 29

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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daß ihm alle Lust verging, das Wagstück zu unternehmen; 
denn wenn er verrathen wurde, hätte er nie die Scham und 
den Aerger überwunden. Jetzt aber in seiner langen, weißen 
Jacke unter der Maske, die wie ein Pechpflaster auf seinen: 
triefenden Kopfe klebte, vergaß er Alles über die Lust und den 
Glanz, besten Theilnchmer er war. Der Wein tobte in seinem 
Gehirn und klopfte in allen Pulsen, doch er fühlte es nicht- 
Es war ihm über die Maßen behaglich, und der furchtsame 
Mann, welcher sonst keinen Stein betrat, den er nicht genau 
kannte und vorsichtig geprüft hatte, stürzte sich ohne Bedenken 
unter den bunten Schwarm und sprang wie besessen, rechts 
und links Stöße austheilend, darin umher. Ohne Zweifel 
wäre er bald von seinen Begleitern getrennt gewesen, wenn 
ihn nicht Harlekin getreulich begleitet hätte, der dann und 
wann mit einem schallenden Schlage auf den Rücken ihn fest 
hielt und seinen Jubel mäßigte- 
Die groteske Gestalt, die seltsamen Bewegungen und die 
sonderbaren Laute, tvclche Lampe von Zeit zu Zeit ausstieß, 
erregten Lachen, Witz und Hohnworte bei Bielen; aber Pan- 
talvn kehrte sich an nichts, und erst als ein ungeheurer Hahn 
mit fünf oder sechs Hühnern ihn krähend anlief, seine Flügel 
schüttelte und die ganze gefiederte Gesellschaft gegen ihn auf 
flog, gerieth er in Angst, retirirte, duckte sich, sprang zurück 
und machte seine Sache so possirlich und natürlich, daß sich 
ein ganzer weiter Kreis von Zuschauern um ihn sammelte, 
die ihm unter heftigem Lachen Beifall klatschten. 
Endlich ließ man ihn frei, aber vergebens sah er nach 
seinen Bekannten aus. Die seltsamsten Nasen, Schnäbel, 
Warzen und andere wunderliche Unförmlichkeiten umringten 
ihn. Fledermäuse schwirrten umher, eiu Storch pickte ihn an, 
ein Wunderdoctor gab ihm eine Hand voll Pillen und eine 
schlanke Columbine eine Ohrfeige. Er sah allen Spaniern ins 
Gesicht, lief allen Harlekins nach, die ihn statt der Antwort 
abbläuten, hielt einen fest, der ihm dafür einen derben Stoß 
versetzte, und sagte endlich ganz lustig: „Gut, wenn sie mich 
nicht aufsuchen, suche ich sie noch viel weniger. Es ist ganz 
prächtig hier; Element, was bin ich durstig! Heda, Spanier 
oder Jude, was bist Du eigentlich, alter Graubart? Was 
siehst Du inich an? gefalle ich Dir vielleicht?" 
Lampe richtete diese Worte an einen Herrn in spanischer 
Tracht, der in einer Maske mit langem tveißen Bart lang 
sam an ihm vorüberging, dann stehen blieb, ihn aufmerksam 
betrachtete unb endlich den Kopf schüttelte. 
„Ich gefalle Dir also nicht?" fuhr Lampe fort. „Auch 
gut; cs ist merkwürdig, cs geht mir ebenso, Jude, Du siehst 
aus wie ein Harpax, tvie ein Geizhals, fast wie . . ." Hier 
hielt er ein, tvarf dann noch einen Blick auf die Gestalt und 
fing an ganz ungeheuer zu lachen. Es kam ihm vor, als 
hätte ihm Jemand ins Ohr gesagt, Herr Heinhold sei hier, 
und das sei er, der vor ihm stehe. Er wußte nicht, wer es 
eigentlich gesagt, aber der Gedanke war erschütternd komisch für 
ihn. „Sapperment!" rief er, „es ist zum Todtlachcn, aber wo 
ist mein Harlekin? Hast Du ihn nicht gesehen, Jude? Wenn 
Du wüßtest, was ich weiß; wenn Du wüßtest, was ich jetzt denke!" 
Die Maske streckte den Arm aus und hielt den davon 
eilenden Lampe fest. Aus den hohlen Augen warf sie einen 
sonderbar starren Blick auf ihn, und unter dem Bart hervor 
sagte sie mit dumpfer Stimme: „Es ist nicht möglich, daß 
wir uns kennen." 
„Nein, es ist ganz unmöglich!" rief Lampe. „Es ist 
merkwürdig!" 
„Man treibt, wie es scheint, ein falsches Spiel mit mir," 
fuhr der Jude lebhafter fort, „und will sich durch die Dar 
stellung solcher Gaukeleien auf. meine Kosten belustigen. Aber 
man irrt sich; ich lasse mich nicht täuschen." 
„Kein verständiger Kaufmann wird sich täuschen lassen," 
sagte Lampe. „Valuta baar, das ist die Hauptsache." 
„Wer Sie auch sein mögen, Herr," erwiderte die Maske, 
„Sie spielen Ihre Rolle ziemlich gut, doch seien Sie sicher, 
um der zu sein, der Sie sein wollen, fehlt Ihnen doch die 
rechte Haltung." 
„Um der zu sein, der ich sein will?" rief Pantalon nach 
denkend. „Ich weiß wirklich nicht, wer ich sein will." 
„Ist es nicht Ihre Absicht, mir einzubilden, daß ich den 
Buchhalter Lampe vor mir sehe?" fragte die Maske. 
Lampe starrte den Juden an. Ein Anflug seltsamer 
Ahnung kain über ihn, er konnte sie jedoch nicht in sich auf 
nehmen. „Still!" rief er lustig, „machen Sie keinen schlechten 
Spaß, werther Herr. Allerdings Lampe. Gotthilf Samuel 
Lampe, so genannt in der heiligen Taufe, aber kein Wort 
davon, zu Niemandem, besonders nicht etwa zu Herrn Johannes 
Heinhold, den alten Geizhals, Sie wiffen — Geizhals. Wir 
sagten: schmutziger, nichtswürdiger Geizhals! Es ist merk 
würdig! Wenn er das wüßte!" 
Mit einer verächtlichen Handbewegung wendete sich die 
Maske ab. „Wenn ich von solchen Bosheiten beleidigt werden 
könnte, so möchten Sie Ihren Zweck erreichen!" rief sie, „aber 
noch einmal. Sie verfehlen diesen bei nur. Gehe darum der 
Narr zu anderen Narren, oder ist das, weshalb ich hier bin, 
wirklich wahr, so eilen Sie, zeigen Sie mir, was ich zu sehen 
wünsche, und geben Sie eine Rolle auf, die nicht für Sie 
paßt, die Rolle des ehrlichen, albernen Lampe." 
„Herr Gott!" stammelte Lampe, denn es war ihm wirk 
lich, als spräche der gestrenge Principal, sein würdigster Herr 
Heinhold. „Es ist aber doch nicht wahr!" schrie er: „Sie 
wollen mich erschrecken. Sie Spaßvogel. Sie sind es ja auf 
keinen Fall, und ich glaube es Ihnen doch nimmermehr, bei 
aller Mühe Ihrer werthen Person!" 
„Eine Viertelstunde bleibe ich noch in diesem Narren 
hause," sagte die Maske zornig. „Ist es Ihnen dann nicht 
gefällig, mir Aufschluß zu ertheilen, so nehme ich an, daß 
man fteventlichen Spott mit mir und meinen väterlichen 
Schmerzen trieb; daß Alles eitel Lüge und Bosheit war, und 
eine berechnete Nichtswürdigkeit Unehre auf mich und meinen 
Sohn werfen wollte. Lasten Sie mein Kleid los, und schämen 
Sie Sich, wenn Sie das können. Als ein Possenreißer stehen 
Sie vor mir, der Unheil fördern will; denn wenn ich leicht 
sinnig glaubte, es sei in Wahrheit der Lampe ein solcher ver 
pesteter, frecher Taugenichts, nie sollte sein Fuß wieder über 
meine Schwelle treten." 
Der kleine Pantalon stand wie angedonnert. Ein Schauer 
rann durch sein Herz, es war das Vorgefühl seines einstigen 
Erwachens. Er sah sich um, und ein weinerlicher Gedanke 
überschlich ihn. Sein Rausch drohte zu zerreißen; allein es 
war ein einziger schrecklicher Augenblick, dann kehrte der heitere 
Leichtsinn in seine Brust zurück. — 
(Fortsetzung folgt.)
	        
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