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Periodical volume 9. April 1881, Nr. 28

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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persönliche Motive verfolgen, und von solchen spreche ich nicht, 
behaupten, Berlin träte dadurch erst wirklich in die Reihe der 
Weltstädte ein, wenn es eine internationale Ausstellung abhielte, 
es wäre aus Courtoisie schon verpflichtet, die Welt zu sich zu Gast 
zu laden, recht seine Toilette zu machen, und den Beweis zu 
liefern, daß diese jüngste Weltstadt würdig wäre, als ebenbürtige 
Schwester aufgenommen zu werden. Da, meine Herren, liegt des 
Pudels Kern: die Hausbesitzer glauben, recht theuer ihre 
Häuser verkaufen zu können, die Herren Baumeister und 
Architekten bekommen über die Maßen zu thun, was die 
Gründerzeit noch an schlechten Gebäuden übergelassen, wird zu Palais 
umgeschaffen, vielleicht wird der äußere Anblick ein besserer: aber dop 
pelte Steuern, ein neuer Krach, Subhastationen und Elend wird der 
Erfolg. Meine Herren! zu solchem Luxus sind wir zu arm; Frankreich, 
das vor wenigen Jahren 5 Milliarden an uns gezahlt und mehr als 
diese Summe außerdem an National - Vermögen verloren, weiß 
heute davon nichts mehr; im vorigen Jahre hat es an Einnahmen 
ein Plus von 160 Millionen. Und wir: uns bescheint nicht so 
ein glücklicher Himmel; wir sind bestimmt, im Schweiße unseres 
Angesichts von früh bis spät eifrig und zäh zu arbeiten und die 
am meisten zur Arbeit verdammt, wegen des ungünstigsten Himmels, 
wir Ostpreußen sind wahrlich nicht die schlechtesten Söhne des 
Vaterlandes. Diese Gewissenhaftigkeit, diese Solidität, diese Zähig 
keit hat uns, die von der Natur am meisten Vernachlässigten, doch 
zum ersten Volke der Welt gemacht und wird uns als solche be 
stehen lassen, trotz der von der Natur glücklicher veranlagten 
Fremden, trotz der momentan traurigen inneren Zustände. Wir 
sind aber verpflichtet, vor Experimenten uns zu hüten; wir dürfen 
uns nicht durch Schmeicheleien verlocken lassen und uns einreden, 
wir sind eine reiche Stadt und fähig, einen großen Luxus zu 
treiben. Wir werden das nie werden, wir werden überhaupt auf 
hören eine glückliche Stadt zu sein, wenn wir aufhören zu ar 
beiten und die Wege der Solidität zu wandeln. Sage man mir 
nicht, ich wäre ein krasser Materialist und idealen Zielen unzu 
gänglich. 
Zu meinem Glück widerlegt solche Behauptung mein ftüheres 
Leben: wer seit Jahren mit Zähigkeit und Fleiß einem Ziele zu 
steuert, wie unsere Ausstellung 1879 war und dieses Ziel nie aus 
dem Auge verliert, bis es erreicht, der hat durch Thaten solche 
Aussprüche Lügen gestraft. Nein, im Gegentheil, ich liebe mein 
Kind — und als solches betrachte ich die Berliner Industrie und 
Gewerbe — viel zu sehr und heiß, als daß ich es Gefahren aus 
setzen möchte, die unter Umständen verhängnißvoll werden können. 
Ich will es schützen und hüten und den Weg ihm weisen, den ich 
für den sicheren, heilbringenden und besten halte. 
Um zum Ende meiner Betrachtungen zu kommen, muß ich 
einen Blick zurückwerfen aufs vergangenene Jahr und nochmals der 
Düffeldorfer Ausstellung erwähnen. Der Glanzpunkt darin war 
das Berg- und Hüttenwesen und die Eisenindustrie, gerade diese 
Zweige waren sachgemäß, einheitlich mit Geschmack und Noblesse 
vorgeführt und vorzüglich dargestellt. Keine internationale Aus 
stellung hat bis jetzt eine so vorzügliche Leistung aufzuführen ge 
habt, wie es dieser Zweig der Düsseldorfer Ausstellung war. Dazu 
waren die Leistungen in der Eisen-Industrie so grandios und über 
raschend, daß wir den Engländem als absolut ebenbürtig auf diesem 
Gebiete uns darstellen und daß diese geradezu stumm waren vor 
Erstaunen. Ich fühlte beim Anschauen dieser Herrlichkeiten ge 
rechten deutschen Stolz; zu meinem Glücke wurde auch der Ber 
liner Lokalpatriotismus nicht gekränkt. Die anderen Gebiete der 
Ausstellung, soweit sie bei uns überhaupt vertreten sein konnten, 
waren bei uns bester. Geschlagen waren wir auf keinen: weiteren 
Felde, manche waren bei uns hervorragend besser. Beim Durch 
wandern der Düffeldorfer Ausstellung nun wurde es mir absolut 
lar, wohin ich bei dieser wichtigen Frage meinen Entschluß zu 
fassen hätte: das nächste Ziel, das wir zu erstreben haben und 
das Erfolg bringen muß und Risiko nicht in sich faßt ist eine 
„Allgemeine deutsche Gewerbe-Ausstellung". 
Diese Angelegenheit, in geschickte Hände gelegt, muß Erfolg 
bringen. Vom Staate wäre meiner Ansicht nach kaum mehr als 
wohlwollendes Entgegenkommen, Hülseleistung der Staatsorgane 
und Unterstützung durch Frachten k. zu verlangen; das Wohlwollen 
der Stadt ist der Sache gewiß, die Unterstützung derselben hätte 
auch nur in ähnlicher Weise wie bei der Berliner Gewerbe-Aus 
stellung zu erfolgen. Die jüngst stattgehabten und noch zu veran 
staltenden Ausstellungen geben ein genaues Bild der gesammten 
Industrie Deutschlands. Denn es haben sich dadurch präsentirt: 
Bayern, Würtemberg, Sachsen, Baden, Mecklenburg, die thürin 
gischen Staaten, Rheinland, Westfalen, Hannover, Ost- und West 
preußen, Posen, Schlesien, Provinz Sachsen, Berlin. Es fehlt 
kaum ein namhaftes Gebiet. Nun heißt es aus dem uns vorge 
führten umfassenden Material das Beste auszusuchen und zur 
Stelle zu bringen. Die rechten Kräfte zu finden ist nunmehr auch 
leicht. Eine wohlwollende Förderung von Seiten der Regierung 
veranlaßt sicher, sollte der Patriotismus und das eigene Geschäfts 
interesse es nicht thun, alle die großen Werke, zu uns zu kommen 
und wahrlich, wir sind ein Bild zu geben im Stande, das uns 
zur Ehre gereichen wird und unseren: Namen Achtung verschaffen, 
weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Lassen Sic zu der 
Rheinischen Eisen-Industrie die von Schlesien hinzukommen; dem 
hinzufügen Thüringens Braunkohlenwerke, so ist die Montan-Jn- 
dustrie brillant vertreten. Lassen Sie uns Bayerns kunstgewerb 
liche Arbeiten wetteifern mit Frankfurt a. M. und Berlin und wir 
werden den Beweis liefern, daß wir viel, sehr viel gelernt; lassen 
Sie uns Würtemberg's Fach- und Fortbildungsschulen ordentlich 
zur Vorführung bringen, und so könnte ich Vieles noch anführen, 
was fähig ist, dem deutschen Namen Ehre zu machen. Solche 
Ausstellung erfordert Millionen weniger, als eine internationale, 
ihr Haus läßt diese Summe schon ersparen und ich halte es für 
durchführbar, etwas Großes zu schaffen mit eigenen Mitteln, ohne 
namhafte Unterstützung von staatlicher oder städtischer Seite, und 
sicher ohne Deficit. Es sichert diese Ausstellung auch jedem Theil- 
nehmer Erfolg. 
Zum Schluß noch will ich bemerken, daß auch ich de:- An 
sicht huldige, Berlin wird seiner Zeit in den sauern Apfel beißen 
und eine internationale Ausstellung veranstalten müssen. Ich er 
blicke hierin aber kein Glück, sondern eine Pflicht; und würde 
neidlos Rom z. B. den Vorzug lassen und die zweitnächste etwa uns 
sichern. Nach Lage der Verhältnisse aber kann ich mich nur da 
hin aussprechen: wir haben uns vor Experin:enten vorläufig zu 
hüten und das Sichere, Erreichbare, positiv Vortheil bringende 
zu erstreben; nach Allem, was ich gesagt, kann ich diese nur finden 
in einer 
Allgemeinen Deutschen Gewerbe-Ausstellung 
und dafür zu wirken, dahin zu streben halte ich für das für uns 
wünschenswertheste Ziel. Möchte diese Ansicht recht weite Ver 
breitung finden, möchte durch Annahme derselben der heftig ent 
brannte Streit bald ein Ende nehmen und alle Kräfte sich ver 
einigen für Durchführung dieses Zieles. 
Ich würde mit Freuden begrüßen eine recht lebhafte Dis 
kussion über dieses Thema in heutiger Versammlung, um etwa 
von mir nicht erwähnte Punkte klar stellen, eventuell widerlegen 
zu können. Um nun aber wirklich praktisch zu handeln und dieser 
Frage den rechten Weg zu weisen, erlaube ich mir Ihnen folgende 
Resolution vorzuschlagen, welche ich Ihnen zur Annahme empfehle: 
Die von den Vereinigten Berliner Kaufleuten und Industriellen 
zur Wahrung ihrer Jntereffen berechnete und zahlreich aus dem ge 
sammten Handelsstande besuchte Versannnlung erklärt: 
a) es sollen fernerhin internationale Ausstellungen nur nach
        
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