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Periodical volume 16. October 1880, Nr. 3

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Hölle, den Blick aus den Augen des Siegers von Fehrbellin, 
den vergaß er nicht. 
Unterwegs erfuhren sie, daß der Kurfürst Mittags zwölf Uhr 
ganz nnerwartet und so rasch zum Thor hineingeritten sei, 
daß die Wache kaum Zeit gehabt, das Gewehr zu er 
greifen. Den Statthalter habe er mit den Worten: „Siehe da, 
ich komme jetzt gerade zu rechter Zeit," beim Mittagessen über 
rascht, er wolle aber am andern Tage schon wieder fort, um 
die Verfolgung der Schweden fortzusetzen. Man vernahm, 
daß Dragoner, Reuter und Fußknechte den Befehl zum Aus 
rücken erhalten hatten, und der Rittmeister Lindholz beeilte 
sich, um Abschied von Heinrich zu nehmen. 
„Sieh mit nach der Kleinen, mein Junge," sagte er beim 
Abschied, „wenn dn in Tcinpelhof bist, reiß dich los von 
dem Weibervolk und konnu unter die Adlerfahnen. Noch ein 
Händedruck und Heinrich Lindholz ritt langsam seinem Hause 
zu- Er ivußte, mm fand er Lottchen bleich und in Thränen; 
sie hatte sich gefürchtet, sie hatte sich um ihn gesorgt und 
würde wahrscheinlich schon aus dem Fenster sehen. Aber die 
Fenster waren fest geschlossen, als er hinauf sah, die Sonne j 
lag blendend darauf und auf dem ganzen Molkenmarkte war j 
kein Mensch zu sehen. Er stieg ab und ließ den eisernen ! 
Klopfer an der Thür schwer niederfallen. Ein Hansknecht ! 
öffnete und führte das Pferd fort; im Hausflur war es kühl, ! 
dunkel lind still, aber Lottchen kam ihm nicht entgegen mit 
einem freudigen: Gott sei Dank! Kopfschüttelnd stieg er die i 
Treppe hinan, und fand sie auch nicht im Wvhngemach. Er 
betrat die untersten Stufen der Wendeltreppen und blickte auf 
eine kleine Thür, die sich in halber Höhe derselben befand; 
sie mußte in einen Raum unmittelbar über der Hausthür ! 
führen. Wie mit einer Art Ueberwindung näherte er sich ! 
dieser Thür und legte das Ohr daran, es tvar todtcnstill da- | 
hinter. Nun durchsuchte er das ganze Haus, Lottchen war 
nicht zu finden, endlich hörte er ihre Stimme in der Küche 
und trat über die Schn'clle derselben. Lottchen stand am 
Heerde, in einem schlichten Kleide von blauer Leinwand, 
einer großen weißen Schürze und einem weißen Häubchen 
auf dem dunkeln Haar. Von der Hitze waren ihre Wangen 
dunkel angeglüht, die Aermel hatte sie aufgestreift, so daß 
die schönen, weißen Arme sichtbar wurden. Eben ergriff sie 
den Keffel mit grünen Nüssen, der auf dem Heerde stand 
und hob ihn mit beiden Händen herunter. Die junge Frau 
sah reizend aus in dieser häuslichen. Beschäftigung, selbst 
Heinrichs Augen ruhten mit Wohlgefallen auf ihr. Da wandte 
sie sich nach ihm um; fremd und kalt blickten ihn die sonst ! 
so freundlichen braunen Augen an. 
„Bist Du zurück," fragte sie gleichgültig, von Angst lag 
nichts in ihren Zügen, „geh nur hinauf, ich will Dir zu essen 
bringen." Er tvar so erstaunt über ihren Ton, daß er einen 
Augenblick wie angewurzelt stehen blieb. 
„Was willst Du hier in der Küche," sagte sie in scharfem 
Ton, „die ist das Reich der Weiber, Männer gehören hier 
nicht her." 
„Lottchen," rief er immer erstaunter. Dann trat er 
näher und tvolltc sie umfassen, aber sie wich ihm aus. 
„Du hast mich nicht begrüßt," sagte er fast verletzt. 
„Wozu," erwiderte sie. 
Sie hatte auf einem zinnernen Brett allerlei Eßbares zu- j 
sammengcstellt und schritt jetzt an ihm vorbei die Treppe 
hinauf in's Wvhngemach. Er folgte ihr und nahm am Tische 
Platz. Sie bediente ihn schweigend, aber er aß wenig, er 
verstand seine Frau nicht. Als sie abgeräuint, blieb sie vor 
ihm stehen und sah, die Arme über der Brust gekreuzt, ernst 
zu ihm nieder. 
„Heinrich," begann sie mit ruhiger Stimme, so ruhig, 
daß sie fast unnatürlich klang, „warum sprichst Du mit 
Fremden über Dinge, die nur Dich und Dein Weib angehen?" 
„Was meinst Du?" fragte er erstaunt aussehend. 
Sie strich eine dunkle Locke, die unter dein Häubchen 
hervorquoll, zurück linb fuhr fort: „Du beklagst Dich, daß ich 
Dich unglücklich gemacht, hast Du mich denn schon einmal 
gefragt, ob Du mich glücklich machst?" 
Heinrich zuckte zusammen, daran hatte er noch nie gedacht. 
„Bin ich denn gefragt worden, ob ich Dich heirathen 
wollte," sagte sie jetzt heftiger, „meine Mutter und Dein Vater 
hatten es beschlossen. Du hieltest um meine Hand an, ich 
wagte nicht nein zu sagen, ich wußte ja kaum, was ich that; 
ich war ja die einfältige Lotte, die froh sein mußte, wenn sie 
geführt und gegängelt wurde. —" 
„Lottchen," rief er überrascht von der Bitterkeit, die aus 
ihren Worten, und dem Ton, der aus ihrer Stimme sprach, aber 
nachher fuhr sie fort: „Hab ich's gewußt, daß Du Dich hinaus 
sehnst in die Welt, hast Du mir je solche Wünsche anvertraut, 
meinst Du, ich hätte Dich zurückgehalten? Hätte ich nicht 
auch lieber eineil Mann, dessen Namen mit dem des Kurfürsten 
zusammen genannt wird, als einen Knaben, der in meine 
Wciber-Arbeit hiileinredet und davor zittert, ich könnte einen 
Fehler in der Wochenrechnung machen. Ich kailn kein Haus 
führen, ich bin zu dünnn dazu, das hat Dir meine Mutter 
gesagt, das glauben sie Alle, aber niemals habt Ihr mir das 
Gcriilgste ailvertralit. Thli Du, was Dli willst, verträume 
Deiil Leben auf dem Molkenmarkt, aber eins sage ich Dir, in 
meine Hausfrauenrechte lasse ich mir nicht mehr hineinreden, 
nicht von Dir, nicht von der Mutter. Die dumme Lotte hat 
sehr lange geschlafen, sie ist sehr unsanft erweckt worden, aber 
sic bleibt wach!" 
Danlit ging sie zur Thür hiilaris. In Heinrichs Brust 
stürmten die Gedanken wild durcheinailder. Sic hatte Recht, sie 
>var nur ein so seltsam stilles Kiild, freundlich gegen Jeden, aber 
wenig zugänglich; das Lernen fiel ihr schwer, auch ihre Finger 
waren nicht geschickt und ihre Mutter war ungeduldig. Das 
schwere Unglück, das sie in jungen Jahren schon getroffen, 
hatte sie hesttg und bitter geinacht; Lottchen hatte ihren Vater 
nie gesehen, sie wurde erst nach seinem urlerklärlichen Ver- 
schwindcn geboren und wuchs unter den Augen einer herrischen, 
eigenwilligen Mutter auf; Ohm Hans und Vetter Heinrich 
waren eigentlich die eiilzigcn Menschen, die sie kannte. Immer 
wie eiil unmündiges Kind behandelt, blieb sic ein solches, be 
sonders da ihr eine eigenthümliche Schreckhaftigkeit und Scheu 
eigen war, die unbcsieglich schien uild immer aufs Neue den 
Zorn ihrer Mutter hervorrief. Von der inneren Entwickelung 
Lvttchens hatten die Ihrigen keine Ahnung, die kannte nur 
Einer unb den vermied Frau Antonia. Darum mußte Hciilrich 
erstaunt fein, als er Lottchen plötzlich so entschieden, so zu 
sammenhängend und so bitter sprechen hörte. Aber allch ihn 
erfaßte jetzt der Zorn, klang es aus ihren Worten nicht wie 
Verachtung, „einen berühmten Mann wollte sie haben," er 
sprailg auf.
        
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