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Periodical volume 9. April 1881, Nr. 28

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Lottchen Lindhst;. 
Eine Berlinische Geschichte aus dem 17. Jahrhundert von £mTooifta Lelckicl. 
(Schluß.*) 
„Ich habe heute eine seltsame Kunde erhalten, mein Sohn," 
redctete Frau von Scharben eines Tages den Rathsherrn an, 
der in Angelegenheiten der Refügirtcn nach Tempelhof 
gekommen war, „die ich Euch nicht vorenthalten will, wenn 
sie auch noch einmal die dunkelsten Stunden der Vergangenheit 
in Eure Seele rufe» wird. Da kam ich heut ins Gespräch 
mit einer greisen Dame, die trotz ihres hohen Alters sich 
nicht gescheut hat, um des Glaubens willen ihre Heimath zu 
verlassen, eine Dame aus dein stolzen Hause Bethune." 
Der Rathsherr zuckte zusammen, beim Klang des Namens 
Bethune war ihm noch immer zu Muthe, als rühre Jemand 
mit rauher Hand an eine schmerzende Wunde. Die Johanniterin 
sah es wohl, aber ruhig fuhr sie fort: „Die Dame sagte mir, 
sie habe mir einen Gruß zu bringen von einer Todten und 
auf mein Befragen erzählte sie mir eine Geschichte, die Anderen 
dunkel und seltsam scheinen mag, uns Beiden aber hell genug 
ist. Die Dame hat einen Vetter gehabt, einen leichtsinnigen 
Cavalier, der mit einer schönen Frau vermählt war- Die 
Frau war schön und hatte feuriges Blut, aber sie gab, das 
räumte die Dame ein, dem Gemahl keinen Anlaß zur Klage, 
während dieser sie aufs Schnödeste vernachlässigte und sich 
offenbarer Untreue gegen sie schuldig machte. Darüber gerieth 
er in Streit mit dem Bruder der Dame, es kam zum Zwei 
kampf, Herr von Bethune ward verwundet und genas nicht 
wieder von seiner Wunde, obgleich er am Leben blieb. An 
Geist und Körper krank, siegte er dahin, seine Gattin aber 
ergab sich allen Vergnügungen des Pariser Hofes. In zahl 
lose Liebesabenteuer waren Bruder und Schwester verwickelt, 
aber erst leise, dann lauter sprach man davon, Herr von Bethune 
habe in jenem Zweikampf Gift bekommen. Die Geschwister 
entzogen sich der Anklage durch die Flucht. Ihre großen 
Verbindungen sollen sie im Auslande zu unzähligen Intriguen 
benutzt haben, dann hörte man gar nichts mehr von ihnen. 
Vor ein paar Jahren wurde eine Wärterin für den geistes 
kranken, siechen Herrn von Bethune gesucht, es meldete sich 
eine stille blaffe Frau im Büßerinnenkleid. Sie ward an 
genommen, und hat ihn noch ein Jahr treulich gepflegt; nach 
seinem Tode ließ man ihr ein Kämmerchen in dem großen 
prächtigen Schlöffe, sie war selbst hinfällig geworden, Frau 
von Bethune hatte sie noch besucht und ihr erzählt, daß sie 
nach Deutschland auszuwandern denke. Da habe sie ihr 
gesagt, sie solle nach Berlin gehen, mich aufsuchen und mir 
sagen, sie sei in Frieden gestorben. Sie ist wirklich ein paar 
Tage darauf heimgegangen. Ich habe der Dame nicht gesagt, 
daß die Büßerin, die im Dachkämmerchen des Schloffes 
Villebon im Chartrain starb, einst seine Herrin gewesen, wozu 
auch, wir wissen es, und ich habe Gott gedankt, daß er auch 
diese Seele gerettet hat." 
Schweigend küßte Heinrich die Hand der Dame und ging 
nachdenklich heim. Frau von Scharben habe Recht, noch 
einmal hatte ihn die Vergangenheit mit allen Schauern 
angefaßt, aber doppelt lieblich lachte ihm die Gegenwart, als 
*) Anmerk, der Red.: Die ersten beiden Quartale dieses Jahr- j 
gangs, in denen die Erzählung Lottchen Lindholz enthalten, sind in den 
wenigen Exemplaren, die hiervon noch vorhanden, zum Preise von 2 Mk. ! 
pro Quartal zu beziehen. 
ihm in dem alten Hause auf dem Molkenmarkt sein Weib 
entgegen kam, sein Kind auf deni Arme. 
„Ich weiß nicht, was mit dem Ohm Andreas ist," redete 
sie ihn an, „es ist eine Unruhe in ihn gefahren, was mag 
er nur.vorhaben." 
Oheim Andreas aber schwieg, nur sah man ihn mehr 
fach seine alten Waffen hervorsuchcn und eines Tages über 
raschte er die Verwandten mit der Nachricht, daß er sein Haus 
an Levin verkauft habe. 
Lottchen und Heinrich waren gerade aus der Kirche ge 
kommen, man hatte einen großen Bußtag im ganzen Kur 
fürstenthum gehalten wegen der grausamen Verfolgung der 
Reformirten in Frankreich, sie starrten den Ohm ganz entsetzt an. 
„Aber wo bleibt Ihr denn, Ohm," fragte endlich Lottchen. 
„Ich ziehe gegen den Erbfeind," entgegncte er, „ich Halts 
hier nicht aus, ein fideles Bierhuhn werde ich niemals wieder 
werden, aber meinen Mann stehe ich noch. Der kaiserliche 
Gesandte Baron Freitag ist hier und unterhandelt mit dem 
Kurfürsten wegen eines Succurses von 7000 Mann wider 
den Türken, Schöning und Barfuß führen ihn, sie werden 
den Lindholz nicht verachten." 
Lottchen wollte etwas erwidern, Heinrich winkte ihr mit 
den Augen, und leise sagte er: „Laß ihn, er hat Recht, 
wärest Du nicht und das Kind, ich ginge mit ihin, ein Mann 
ohne Weib und Kind ist ein elend Ding, ich weiß es jetzt 
auch." 
Und der Oberstwachtmeister nahm wirklich noch einmal 
das Schwert zur Hand. „Ist ein ander Ding heut um 
Brandenburg als damals, da ich zum ersten Mal die Kugeln 
pfeifen hörte. Hei, der Pole, die stolze Stadt Hamburg, der 
Däne, der Kaiser, sie suchen bei uns Hülse; draußen Unruhe 
und Streit, bei uns Ruhe und Friede, überall weht siegreich 
unser rother Adler und der Graf von Hohenzollern, wie sich der 
Kurfürst mit Genehmhaltung von Kaiser und Reich seit einem 
Jahre zum Andenken an seinen Ursprung wieder nennt, ist der 
mächtigste Fürst im Reich. Da ist es Zeit für uns Alle 
abzuscheiden, wir haben die Sonne gesehen, nach langer Nacht, 
aber ich will scheiden, wo die Trommeln ivirbeln, die Kugeln 
pfeifen und der rothe Aar zu meinen Häupten flattert und 
wenn Ihr nun hört, daß ich gefallen bin, dann denkt mein 
letztes Wort sei gewesen: Brandenburg und die Hohenzollern!" 
Das war der Abschied des Oberstwachtmeisters von den 
Seinigen. 
Dreißigstes Kapitel. 
Sakankement und Walpkaquet. 
Hoch schwarzer Adler fliege 
Die Pfade find'st Du leicht. 
Es hat sie Dir zum Siege 
Der rothe Aar gezeigt. 
George Hesetüel. 
Durch den leichten Nebel eines September-Abends kam 
raschen Schrittes ein Mann aus der Königsstraße auf die 
Kurfürsten-Brücke zu; er ttug einen französischen Rock mit 
weiten Aermeln und großen Ueberschlägen, darüber einen 
weiteren Rock von schwarzem Sammet mit braunem Pelz be 
setzt ohne Aermel, feine Manschetten, Strümpfe und Schuhe; 
die Locken der Perrücke fielen bis auf die breite Halskrause,
        
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