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Volume 9. April 1881, Nr. 28

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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gewöhnt waren, um mit einem Nachtwächter Umstände zu 
machen. Wenn sie Schwerter rasseln hörten, oder das Blitzen 
der goldenen Tressen an den Hüten sahen, nahmen sie eben 
so wohl Reißaus, wie die friedlichen Bürger jener Zeit, und 
jeder dankte Gott, daß er es nicht sei, der in die Hände der 
wilden Junker gefallen. So hatte denn auch der arine Lampe 
nur den einen Gedanken, heiler Haut aus diesen Nöthen zu 
entkommen, vor denen er sein Leben lang gezittert; denn der 
blanke Hut war ihm ein Gräuel, und was er oft gesehen 
von denen, die ihn trugen, hatte ihm stets Entsetzen eingeflößt. 
„Ich hoffe nicht," sagte er stotternd vor Angst, „daß 
Sie einem unschuldigen Manne Gewalt anthun wollen, meine 
gnädigsten Herren. Sie kennen mich nicht — ach! ich bitte — 
ich würde es nie überwinden — meine Ehre!" 
„Ehre!" schrie einer der lustigen Herren, „Frosch, Du 
bist allerliebst. — Wir wissen wahrhaftig nicht, mit wem wir 
es zu thun haben. — Wie heißen Sie, Frosch? Wer sind Sie?" 
„Ich heiße Lainpe," erwiderte der Gemißhandelte zitternd 
unb sich heftig sträubend, denn er wurde über den Damm 
nach der breiten Gosse gezogen. 
Die Herren brachen in ein schallendes Gelächter aus. 
,,Lampe, Lampe!" schrieen sie, „das ist ein prachtvoller Name." 
„Ich bin der erste Buchhalter des hochachtbaren Hauses 
Johannes Heinhold," fuhr der kleine Mann flehend fort. „Es 
wird Ihnen gewiß bekannt sein." 
„Krämergesindel!" rief der Herr von Gernhausen. „Wie 
kommt das Volk dazu, sich ein Haus zu nennen? Schon 
darum muß cs gepeitscht werden!" 
„Erbarmen Sic sich!" schluchzte Lampe- — Er verlor 
den Boden unter den Füßen. 
„Nein, Frosch," erwiderte der junge Officier in demselben 
weinerlichen Tone, „es geht wahrhaftig nicht'. Du mußt 
schwimmen." 
In diesem Augenblicke nahm einer der Herren dem Ge 
fangenen die Laterne aus der Hand und beleuchtete ihn scharf- 
Ein Hoffnungsstrahl fuhr wie ein Blitz durch den Kopf des 
Buchhalters. Nein, er täuschte sich nicht. Das war derselbe 
stolzblickende Fremde, den er vor ein paar Stunden im Com- 
toir des Herrn Johannes gesehen, und welcher darauf den 
Principal zum Mitgehen bewogen hatte. — „O, mein Herr!" 
schrie er, „nehmen Sie sich meiner an, Sie wissen, daß ich ein 
schuldloser Mann bin." 
Der Fremde ließ die Laterne sinken, und indem er den 
Buchhalter am Arm ergriff und ihn von dem Abgrunde zu 
rückzog, sagte er: „Halt ein, Gernhausen, ich will Dir ein 
Wort sagen." — Er hielt Lampe in seiner ausgestreckten Hand 
fest und flüsterte seinen Gefährten etwas zu, worüber sie, wie 
beseffen, lachten. 
„Das ist ein prächtiger Gedanke! Ein Hauptvergnügen!" 
riefen sie, und der Beschützer des zitternden Buchhalters wandte 
sich nun zu diesem und sagte begütigend: „Herr Lampe, wir 
bitten alle um Verzeihung. Es war ein grober Irrthum in 
Ihrer werthen Person, den Sie uns vergeben werden, wenn 
tvir versichern, daß es uns unendlich leid thut, einen so wür 
digen Mann beleidigt zu haben." 
Welche Beruhigung für den zwischen Angst und Hoffnung 
schivebenden kleinen Mann! Die Worte klangen wie Musik 
in seinen Ohren. Sein Gesicht erhielt das längst entwichene 
Lächeln wieder, die schreckliche Hand fiel von seinem Rock 
kragen; er knöpfte die aufgeriffenen Knöpfe zu, faßte nach 
seiner durchnäßten Perrücke und legte den Zopf zurecht. — 
„Ich verzeihe Ihnen Alles, meine verehrten Herren," erwiderte 
er verbindlich, „bitte — Gott sei Dank! daß es ein Irrthum 
war! — Es hat durchaus nichts zu bedeuten; aber mein 
Hut — wo ist mein Hut?" 
„Hier ist er, lieber Herr Lampe," rief einer der Herren, 
der ihn vom Boden aufhob und schmutzig, wie er war, auf 
den Kopf des schaudernden Buchhalters drückte. 
„Tausend Dank!" sagte Lampe lächelnd; doch wenn Sie 
nun gütigst erlaubten, möchte ich Ihnen die beste gute Nacht 
wünschen." 
„Mein theurer Herr!" rief der große Fremde, „es ist 
unmöglich, daß Sie uns so schnell verlassen wollen. Wir 
sind Ihnen Genugthuung schuldig; nie könnten wir es uns 
vergeben, Sie ohne diese entlassen zu haben. Zum Zeichen 
Ihrer vollen Versöhnung müffen Sie uns daher begleiten und 
unser Gast sein." 
„Ein Glas Champagner, Herr Lampe?" rief der Herr 
von Gernhausen. 
„Eine Trüffel-Pastete mit Austern," fügte der Andere ver 
bindlich hinzu. 
„Etwas Caviar, Marionaise von Fasan, Pouletten und 
dergleichen vorher," fiel der Dritte ein. 
„Und allerliebste Kinder, die Ihnen zum Schluß den 
Ananas-Cardinal credenzen," sagte der Vierte. 
Bei jeder dieser lockenden Verheißungen machte Herr 
Lampe eine tiefe Verbeugung. Ein gewiffer Stolz erwachte 
auf einen Augenblick in ihm und mischte sich mit dem 
schlimmen Verdachte, daß dies alles eine neue Falle zu seinem 
Verderbeil sei. Mit so edlen, freigebigen Herren lecker zu 
speisen, war allerdings nicht zu verachten. Herr Lampe war 
ein genauer, doch nichts desto weniger begehrlicher Mann, 
und was konnte er nach überstandenem Abenteuer nicht alles 
erzählen! Doch feine innerste Natur sträubte sich gegen diese 
Versuchung; er sagte daher demüthig: „Meinen unterthänig- 
sten Dank für diese große Güte, meine Herren, aber — ich 
möchte doch lieber nach Hause gehen. Ich bin gar nicht daran 
gewöhnt, spät aufzubleiben, auch nicht in der Verfaffung, um 
in Gesellschaft erscheinen zu können. Meine Haushälterin, die 
gute Frau, erwartet mich gewiß längst mit dem Thee und 
ängstigt sich krank, wenn ich ausbleibe; viertens endlich — 
ich bin ein sehr simpler, stiller Mann, es schickt sich nicht, es 
schickt sich durchaus nicht für mich." 
„Ich hoffe nicht, Herr Lampe," versetzte der Fremde mit 
erhöhter Stimme, „daß Sie meinen können, es schicke sich für 
uns, was sich für Sie nicht schickt." 
„O, keineswegs — nein, wahrhaftig nicht!" sagte Lampe 
betroffen. 
„Also keine Umstände!" rief der Herr von Gernhausen 
und faßte den Buchhalter unter den Arm. „Glauben Sie 
mir, mein Herr, — mein Wort zum Pfande! — Sie sollen 
einen köstlichen Abend verleben, besten Erinnerungen Ihr ganzes 
Leben, welches der Himmel noch lange erhalten möge, erfüllen 
werden." 
So führte er ihn fort, und mit allerlei Tröstungen und 
liebkosenden Worten folgten die andern Herren. 
(Fortsetzung folgt.)
	        
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