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Volume 2. April 1881, Nr. 27

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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Goldes" von Mödinger waren die ersten Kafsenstücke. Vom 
18. November 1848 bis 1. December 1849 brachte die Bühne 
114 Neuigkeiten! 
Am 10. September 1849 wurde das jetzige Wintertheater im 
Bau begonnen und am 17. Mai 1850 bereits eröffnet. Albert 
Lortzing*) war als Musikdirektor gewonnen worden. Und wie 
früher „Die Macht des Goldes," so galt wieder ein nomen <?t 
omen; denn „Wenn Leute Geld haben" war die erste Posse 
im neuen Hause, die Kasse machte. Am 18. Oktober 1850 gab 
Lortzing zu seinem Benefize die erste Oper „Die beidenSchützen." 
Der „Wildschütz" und andere folgten. Die Konigsberger Oper' 
unter dem Direktor Woltersdorff gastirte in einem Gesammtgast- 
spielc, bei welchem namentlich Ditterdorf's „Der Doktor und 
Apotheker" sich als Zugstück erwies, das denn auch später mit 
eigenen Kräften öfter wiederholt wurde. 
Bald that Deichmann einen Schritt weiter: er gab dem 
besseren Lustspiel und dem Volksschauspiel Boden. Mit „Bajazzo 
und seine Familie" geschah 1850 für letzteres der Anfang, doch 
auch die kölnische Oper erhöhte den Etat in sehr namhafter Weise. 
Am 1. Januar 1852 trat Frau Küchenmeister-Rudersdorf 
als Primadonna ein, und mit ihr wurde Fioravanti's „Die 
Dorfsängerinnen" eine Lieblingsopcr dieser Bühne. In dem 
selben Jahre taufte Deichmann das Haus Schumannstraße Nr. 12 
für 20,000 Thaler an, wodurch der Durchbruch der Front zu einem 
Portale, welches zur Einfahrt diente, erinöglicht wurde. Auch richtete 
Dcichmann in diesem Jahre eine „Königliche Loge" auf das glanz 
vollste und bequemste für mehrere Tausend Thaler her. In demselben 
Jahre gastirte eine italienische Oper unter dem Jmpressario Bocca; 
auch mit einem kleinen Ballet wurde ein erfolgreicher Versuch ge 
macht. Die Divertissements „Jesuitenpolka" „Alte und neue Zeit" re. 
übten eine nicht geringe Anziehungskraft, und hier waren es be 
sonders die Damen Trepplin und Jerrwitz, deren Persönlich 
keiten dem Ballet Erfolg gaben. Die Regie führten Anton 
Ascher lind Kapellmeister Telle gemeinschaftlich und unter den 
Darstellern zeichneten sich Düffkc und Knaack (der von Danzig 
gekommen war) und die Damen Genee und Feigl vor Allen 
aus. Ein einziger aus dieser Jugendzeit des Theaters befindet 
sich heute noch im Theaterverbande, der jetzige Concertmeister 
Stiemer, der damals als Violinist in die Capelle trat. 120 No 
vitäten brachte das Jahr 1852, Opern, Singspiele, Vaudevilles, 
Possen, Schau- und Lustspiele. Die „Nürnberger Puppe", 
die vor etwa Jahresfrist zu neuem Ansehen gebracht wurde, ging 
schon damals über diese Bühne, diese melodiöse Adamsche Oper, 
und daneben „Doctor Wespe" und „die beiden Klingsberge." 
Im darauf folgenden Jahre bemühten sich neben Anton 
Ascher noch zwei weitere Regiffeure, der ehemalige Neustrelitzer 
*) Sinnt, der Red. Lortzing, Gustav Sllbert geb. zu Berlin 
29. Oktober 1803, zeigte schon frühzeitig mtisikalisches Talent. Als 
Schauspieler und Sänger (ernte er die Buhlte kennen. In Köln erschien 
1824 seine erste Oper „Ali Pascha von Janina". 1833 kam er an das 
Stadttheater in Leipzig. Seinen „Beiden Schützen", die 1837 zur Auf- 
führung gelangten, folgte noch in demselben Jahre „Zar und Zimmer- 
mann", welche sich rasch auf allen deutschen Bühnen eingebürgert hat. 
Zu beiden Oper» hatte Lortzing auch selber das Libretto abgefaßt. Daitu 
folgten 1839 „Caramo", „Hans Sachs", „Casanova", „Der Wildschütz." 
1844 übernahm Lortzing die Kapellmeisterstelle am Leipziger Stadt 
theater, in demselben Jahr erschien „Undine". Anfang 1846 brachte er 
zu Wieit an dem Theater an der Wien den „Waffenschmied" in Scene 
und übernahm dann an dieser Bühne die Kapellmeisterstelle. 1848 kehrte 
er nach Leipzig zurück, nahm die Stelluitg eines Kapellmeisters an, die er . 
bald darauf wieder niederlegte, trat dann wieder als Schauspieler auf 
und ging 1850 nach Berlin. Seine letzten musikalischen Werke hatten ' 
keinen Erfolg gehabt. Das sowohl wie äußerer Druck brach ihm Lebens 
muth und Gesundheit. Er starb am 21 Januar 1851. (Vergl. Albert 
LortzingS Leben von Düriitger, Leipzig 1851.) 
Theaterdirektor C. A. Görner und H. Mein har dt (der Vater 
der später an diesem Theater auftretenden vortrefflichen Operetten- 
sängerin) mit Erfolg an der Förderung dieser Bühne. 
Eines der ertragreichsten Gastspiele, das in der Theaterge 
schichte überhaupt erwähnenswerth, war das der Sennora Pepita 
de Oliva vom 10. März 1853 ab, welches sich in diesem und 
den folgenden Jahren aus fast 100 Vorstellungen ausdehnte. 
Franz Dingelstedt, der einstmalige Münchener Theaterinten 
dant schildert diese Spanierin in seinen kürzlich erschienenen 
„MünchenerBilderbogen"*) in packendster Weise. Er schreibt darüber: 
Sennora Pepita de Oliva! Wie ich ihn niederschreibe, den 
dantals so o't genannten, so laut gejauchzten, jetzt längst verschol 
lenen Namen, steht sie leibhaftig vor mir, die wunderbar schöne 
Spanierin, höre ich, — aber wie deutlich! — das trockene, scharfe 
Rasseln der Castagnetten, womit, noch in der Coulisse, die Klapper 
schlange ihr Erscheinen ankündigte. Nun schießt sie heraus, stellt 
sich eine volle Minute regungslos hin, aus den üppigen Hüften 
hochausgebäumt, weit rückwärts gebogen, daß die dichten schwarzen 
Haare fast den Boden fegen, und stürzt dann vor, ihre Vampir 
augen jedem einzelnen Zuschauer in's Hirn bohrend, mit den 
kleinen, spitzen, weißen Zähnen des halbgeöffneten Mundes sich 
fest eiitbeißend in alle Männerherzen, die ihr in höchster sinnlicher 
Wallung entgegen klopfen. Was sie tanzte, ihre Madrilena, ihr 
Ole, ihre Linda Gitana, das war ja alles Nebensache; die Person 
allein wirkte, galt, zog. Diese Straßentänze, als Soli aufgeführt, 
hatten eigentlich, von dem künstlerischen Werthe ganz abgesehen, 
gar keinen Sinn, wiefern jeder Nationaltanz wenigstens ein Paar 
wenn nicht eine Gruppe erheischt. Aber Pepita tanzte allein; ihr 
Partner war das Publikum. Darin lag der Reiz, darin der 
Erfolg." 
Neben dieser Tanzextravaganz ivurde aber das Lust- und 
Schauspiel nicht vernachlässigt. Neben Ascher wirkte als vorzüg 
liche komische Kraft Herr von Fielitz, der später noch besonders 
in Leipzig zur Geltung kam, und inan gab als Novitäten den 
„Königslieutenant", „die Karlsschüler", „die Journalisten", „Zopf 
und Schlvert" und „das Urbild des Tartuffe"; ferner „Giralda" 
und „Zampa", im Ganzen wiederum 95 Novitäten und darunter 
Stücke wie die oben angeführten, von denen jedes einzelne heute 
über eine ganze Theatersaison gezerrt werden würde. 
Im Sommer 1853 eröffnete Deichmann das geschmackvolle 
und geräumig erbaute Saisontheater (im wesentlichen so, wie 
daffclbe heute noch steht), das sowohl wie der dazu gehörige 
Garten**) mit jedem Jahre vervollständigt und verschönert wurde. 
Dieses Saisonthcater hatte nur den einen Uebelstand — und dieser 
währte drei Jahre hindurch — es war ohne Bedachung, und die 
Zuschauer wurden durch Regengüffe häufig mitten in der über 
müthigsten Posse oder in dem feinsten Lustspiel überrascht. Dann 
stürzte alles nach dem Wintertheater und nahm Platz, wo es ihn 
fand. Und atlch die Spielenden, die Sängerinnen und Balleteusen 
und ihre männlichen Partner eilten in vollem Theaterkostüm durch 
den Garten; die ersteren ließen sich auch wohl von kräftigen Theater- 
arbeitern durch den Garten in die Wintergardcrobe tragen, wobei 
die Herren Väter der heutigen Theaterjugend Spalier bildeten, 
ihre Dienste anboten und den Herren Theaterarbeitern Konkurrenz 
zu machen suchten. 
Das Jahr 1854 führte Hanse, den bekannten Komiker (nicht 
Friedrich Haase), Weihrauch und den lange an dieser Bühne wir 
kenden Kapellmeister und Musikdirektor Lang an die Friedrich-Wil- 
*) Sinnt, der Red.: Münchener Bilderbogen von Franz Dingel 
stedt, Berlin, Verlag von Gebrüder Paetel, Preis 4 Mark. 
**) Aninerk. der Red.: Die Pflege des Gartens, die in den letzten 
Jahren total vernachlässigt worden ist, und die Ueberwölbung des Panke- 
stromes möchte ich ganz besonders dem neuen Besitzer empfehlen.
	        
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