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Volume 2. April 1881, Nr. 27

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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„Pst!" sagte mit muthwilligem Ton eine klare Stimme, 
„warum schreien Sie so, Herr Lampe?" 
Der Buchhalter blickte noch einmal hin. Eine junge 
Dame im häuslichen Gewände stand vor ihm, das blonde 
Haar zu hohen Puffen und Tollen aufgethürmt, den schlanken 
Körper in ein großes, blumiges Tuch gewickelt. Er schöpfte 
Athem, und das Blut kehrte in sein Herz zurück. „Ach, 
Mademoiselle Marie," sagte er, „Sie sind es! wie können 
Sie einen Menschen so fürchterlich erschrecken?" 
„Warum erschrecken Sie?" erwiderte das Fräulein lachend. 
„Ich hoffe doch nicht, daß ich Ihnen so fürchterlich bin?" 
„Gott bewahre!" rief er, durchaus nicht, „aber wer kann 
denn denken. Sie hier zu sehen? Es ist erstaunlich, wie man 
überrascht werden kann." 
„Nehmen Sie sich in Acht!" sagte die Dame, an das 
Pult tretend und mit dem Finger drohend. 
„In Acht nehmen?" versetzte Lampe- „Ich? O, daß ich 
nicht wiißtc! Keineswegs! warum denn?" 
„Man erschrickt nicht umsonst; man hat ein böses Ge 
wissen." 
„Ach, so!" rief Lampe grinsend, „Sic belieben immer 
scherzhaft zu sein mit Ihrem unterthänigen Diener!" 
Mademoiselle Marie stützte das Kinn in eine ihrer kleinen 
weißen Hände, deren Finger tiefe Grübchen in ihre schimmern 
den Wangen drückten. Dabei setzte sie den Ellenbogen rück 
sichtslos auf das mächtige Hauptbuch des Hauses Heinhold 
und ließ ihre'dunkelblauen, schelmischen Augen schnell über 
alle Herrlichkeiten des Pultes und über das fettig runde und 
glänzende Gesicht des kleinen Buchhalters gleiten. 
„Sic haben dennoch ein böses Gewissen," sagte sie und 
deutete auf ihn hin. 
„Ich kann Ihnen den heiligsten Eid leisten, Mademoiselle 
Marie," betheuerte Herr Lampe mit feierlichem Ernst, die Hand 
aufs Herz legend. „Ich war erschrocken, nun ja, weil — es 
ist albern, so etwas zu erzählen, und wenn Herr Hcinhold 
cs hören könnte, würde ich es auf keinen Fall thun. Denn 
er hört es nicht gern und hat mir einmal gesagt, es sei eine 
Dummheit; aber dennoch giebt es Menschen, die so dumm 
sind, die Dummheit nicht begreifen zu können, und wenn ich 
sagen sollte, cs wäre nicht so, so müßte ich lügen, denn wahr 
bleibt cs." 
Hier schlug Mademoiselle Marie ein lautes Gelächter auf 
und steckte beide Zeigefinger in ihre Ohren. „Um Gottcs- 
tvillcn," rief sie, „was bleibt denn wahr, Herr Lampe?" 
„Für die Wahrheit," versetzte dieser, „kann ich allerdings 
auf keinen Fall Revers leisten, aber wie gesagt, cs giebt 
Menschen, die es gesehen haben wollen mit ihren eigenen Augen 
und es beschwören, so oft inan es haben will. Sic nehmen 
das Abendmahl darauf." 
Die junge Dame schüttelte mit einem bedenklichen Blicke 
auf Lampe den Kopf. „Werden Sie jetzt endlich bekennen, 
was Sie entschuldigen kann," sprach sie, „oder wollen Sie sich 
mit Ausflüchten helfen?" 
„Ich versichere Ihnen, es ist so und ich wundere mich, 
daß Sie noch nichts davon gehört haben." 
„Ich habe nichts gehört, am wenigsten bis jetzt etwas 
von Ihnen." 
„Wirklich?" rief Lampe. „Es ist merkwürdig!" 
„Sehr merkwürdig." 
„Es geht manches vor, was wir nicht wissen." 
„Richtig, aber was geht vor?" fragte Mademoiselle 
Marie, indem sie auf die Blätter des Hauptbuches schlug. 
„Bitte recht sehr," sagte Lauche ängstlich, „nehmen Sie 
sich in Acht, daß kein Schade geschieht." 
„So nehmen Sie das dumme Buch fort. Ich hätte 
Lust, eiu paar Blätter auszureißen, um Sie zu strafen." 
Mit einem gewissen haarsträubenden Entsetze^ zog der 
Buchhalter, der schnell nach dem Schatz gefaßt hatte, diesen 
auf seine Seite und brachte ihn in Sicherheit. „Sie wissen 
also nicht," sagte er dann, „daß hier von diesem Hause und 
ganz besonders von diesem Comtoir eine seltsame Geschichte 
erzählt wird?" 
„Ich weiß kein Wort davon." 
„Dann kann ich mir freilich erklären, wie Ihr Verdacht 
gegen mich eine fälschliche Richtung nehmen konnte, sagte Herr 
Lampe lächelnd. Dies Haus ist im Jahre des Herrn 1680 
erbaut und gehörte damals einem ausgewanderten Franzosen, 
einem Emigranten, wie wir zu Deutsch kurzweg sagen, der 
sehr reich gewesen sein soll und die Handlung stiftete, welche 
jetzt unsere allgemein geschätzte Firma trägt." 
„Schnell weiter!" sagte die junge Dame ungeduldig. 
„Herr Heinhold, der Vater, heirathete bekanntlich die 
Enkelin des alten Mathieu, was sehr wohl gethan war, denn 
er erhielt damit die ganze Erbschaft, weil er die einzige Erbin 
heimführte; allein Mathieu — Jean Renaud Mathieu war 
die Firiua — hatte noch eine zweite Großtochter, und mit 
dieser sollen gar wunderbare Geschichten vorgegangen sein." 
„Nun?" fragte Mademoiselle Marie erwartungsvoll. 
„Ich weiß nichts," sagte Herr Lampe achselzuckend und 
mit einer Stimme, die nach und nach zum Flüstern hinab 
sank, „aber der alte Mathieu soll ein finsterer, stolzer Mann 
gewesen sein und eine böse That gethan haben; dort in dein 
Cabinet." 
„Was hat er denn gethan?" fiel die Zuhörerin ein. 
„Er soll die eigene Enkelin mit seinen Händen erwürgt 
haben", flüsterte Lampe scheu umherblickend, und diese That 
hat ihm schweres Geld gekostet, so viel, daß bei seinein Tode 
weit weniger vorhanden war, als man vermuthete. Es geht 
jedoch die Sage, er habe den größten Theil irgendwo hier 
in dem alten Hause vergraben; denn er war ein arger Geiz 
hals, und wer es entdecken könnte, würde Manches findeii." 
„Ach, dummes Zeug!" rief Mademoiselle Marie spöttisch 
lachend. 
„Nein, nicht dummes Zeug," sagte Herr Lampe gekränkt. 
„Herr Heinhold selbst, so wenig er die Dinge zu beachten 
scheint, hat doch verschiedentlich Nachsuchungen veranstalten 
lassen, die leider fruchtlos blieben- Aber einige Male beliebte 
er vertrauensvoll zu mir;u äußern, es sei nach alten Papieren 
und Büchern allerdings ein Räthsel, wo Mathieu sein Ver 
mögen gelassen habe." 
„Dann ist es eine entsetzliche Geschichte, die Sie da er 
zählen," sagte die junge Dame. „Ich schaudere und fürchte 
mich." 
„Ich bitte um Verzeihung," sagte Herr Lampe- „Sie 
wollten ja durchaus wissen ..." 
„Weshalb Sie so jämmerlich schrieen," fiel Mademoiselle 
Marie ein. „Nun weiß ich Alles. Sie sahen mich für das 
erwürgte, unglückliche Kind des alten Geizhalses an."
	        
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