Path:
Periodical volume 2. April 1881, Nr. 27

Full text: Der Bär Issue 7.1881

Herr Lampe horchte daher mit der allergrößten Verwunderung 
auf die abgebrochenen, laut schallenden Worte, welche dumpf 
und verworren, bald leiser, bald vernehmlicher zu ihm drangen; 
aber sein tief eingeimpfter Respect erlaubte ihm nicht, sich 
vom Platze zu rühren, obwohl er für sein Leben gern auf 
den Zehen bis an die verhüngnißvvlle Thür geschlichen wäre. 
Dreimal nahm er einen Anlauf, und eben so oft kehrte er 
nach den ersten Schritten wieder um, bis er zornig auf den 
Rcitbock am Pulte stieg und seine Perrückc rund rnn den 
.Kopf drehte, damit die drei Locken auf jeder Seite nicht mehr 
seine Ohren zukleisterten. Um besser zu hören, legte er nun, 
den Ellenbogen aufgestemmt, beide Hände, wie große Muscheln, 
hinter die Ohrenränder, und lauschte angestrengt, ohne eigent 
lich doch zu etwas Rechtem zu kommen. 
„Bei meiner Ehre!" rief die Stimme des Fremden, „eS 
ist nicht ein Wort falsch daran." 
Was der Principal entgegnete, konnte Herr Lampe nicht 
verstehen, aber er glaubte die Worte: Bösewicht — unmög 
lich — unnatürlich — zu hören. Gleich darauf aber sprach 
der fremde Herr: „Es hängt von Ihnen ab. Sich zu über 
zeugen." Dann wurde leiser gesprochen, bis ein lautes 
höhnisches Lachen durch die Thür schallte, vor dem der kleine 
Buchhalter erschrocken zurückfuhr. 
„Er lacht, so wahr ich lebe, er lacht den Herrn ans!" 
flüsterte er, aber dies ungeheure Verbrechen hatte, tvie es 
schien, gar keine Folgen. „Sie müssen es mir danken!" rief 
die kräftige Stimme von Neuem, daß ich Ihnen die Augen 
öffne, obgleich ich nicht sagen will, daß es Ihretwegen ge 
schieht." 
„Und was können Ihre Absichten dabei sein?" fragte 
Herr Heinhold laut genug, daß es draußen gehört wurde. 
„Das ist meine Sache," antwortete der Fremde. „Wenn 
ich diesen Weg wähle, so können Sie denken, daß es wichtig 
auch für mich sein muß. Im Uebrigcn hüten Sie Sich! die 
strengste Vorsicht ist nöthig, wenn . . ." Zum größten Aerger 
hörte Herr Lampe nicht das Ende dieses Satzes, der ihn 
außerordentlich neugierig machte. 
„ES muß jedenfalls doch ein Geschäft im.Spiele sein," 
murmelte er, „bei dem der Gelbschnabel uns Vorsicht em 
pfehlen will. Credit geben, so etwas, wie?" Er spitzte die 
Ohren, aber die Stimmen der Redenden waren zum undeut 
lichen Gemurmel gctvorden; endlich schienen sie ganz zu 
schweigen, und eine tiefe Stille herrschte in dem weiten, öden 
Gemache, das von der einzigen Leuchte nur unvollkommeu 
erhellt wurde. Die schweren Schatten in den Winkeln und 
Ecken drangen siegend vor, je mehr der Docht verkohlte. Sie 
wälzten sich langsam über die hohen Wände und spitzen Bogen, 
über die vergilbten Papiere und über das Zifferblatt der Uhr, 
welche Herr Lampe mit sorgenden Blicken betrachtete. 
„So etwas ist mir noch niemals passsrt," sagte er, und 
wischte sich mit dem Acrmel seines Rockes die Stirn ab, nach 
dem er den Zopf wieder in den Nacken gedreht hatte. „Es 
ist ein merkwürdiger Abend, den ich nicht vergessen will." Er 
horchte von Neuem eine Zeit lang und fuhr dann leise fort: 
„Ich ängstige mich beinahe, so allein, wie ich bin, was mir 
auf keinen Fall verdacht werden kann; denn ist es etwa nicht 
ängstlich, hier zu sitzen in dem alten Hause, wo die Finsterniß 
von den Wänden trieft? Auch die verwünschte Leuchte scheint 
zu wissen, daß sic nicht länger zu brennen nöthig hat, als 
Sitte und Brauch ist." — Ein Geräusch, von dem er nicht 
wußte, woher es kam, machte, daß er sich erschrocken auf 
richtete. Seine Augen fuhren nach allen Seiten umher, dann 
streckte er den Arm aus und drehte die Schraube an der 
Lampe, daß der Docht hoch aufstieg und ein blendendes Licht 
sich plötzlich verbreitete. 
In diesem Augenblicke ging die Thür des Cabinets auf, 
und Herr Lampe sprang mit einem Satze von dem Reitbock, 
um, gelähmt vor Erstaunen, unbeweglich und mit offenem 
Munde seinen verehrten Principal zu betrachten, welcher mit 
dem fremden Herrn in das Comtoir trat. 
Zweites Kapitel. 
Herr Johannes Heinhold, der selten des Abends seine 
Wohnung verließ, am wenigsten am Wochcnschluß und zu 
dieser späten Stunde, hatte seinen blauen Rockelor umgehängt, 
den kleinen dreieckigen Hut aus die Patent-Perrücke gesetzt, 
den großen Bambus mit goldenem Knopf in der Hand; kurz, 
er hatte ganz und gar das Ansehen, als wollte er in Nacht 
und Nebel mit dem Fremden einen weiten Weg antreten. 
Dabei war sein Gesicht geröthet, und seine scharfen, strengen 
Züge drückten einen Grad von Unmuth und Aufregung aus, 
wie der kleine Buchhalter es kaum je gesehen hatte. Er ging 
mit festen, großen Schritten bei seinem Buchhalter vorüber, 
ohne ihn anzublicken, öffnete die Eiscnthür des Comtoirs und 
stieg, von seinem Begleiter gefolgt, die Stufen hinunter in 
den Hausflur, noch ehe der dienstfertige, kleine Mann irgend 
wie sich bemerklich machen konnte. 
„Meiner Seele!" sagte dieser tief athmend, als er das 
große Drückerschloß draußen in die Haken springen hörte, „da 
ist er schon auf der Straße. Aber wohin will er? Was hat 
er vor? Es ist merkwürdig! Es ist wunderbar! Man könnte 
denken, daß er verrückt ..." Hier hielt Herr Lampe bestürzt 
inne, entsetzt über seine Verwegenheit. Dann sagte er lang 
sam: „Es ist ohne Zweifel etwas durchaus Fürchterliches; 
denn wenn ich denke, wie er sich vor zwölf Jahren bei den 
großen Amsterdamer Fallissements benahm, die uns so viel 
kosteten, daß manche solide Häuser erklärten, wir würden cs 
nicht überstehen können, so ist das in keinen Vergleich zu 
stellen." — Hierauf zog Herr Lampe kopfschüttelnd sein Taschen 
buch aus dem Rocke, nahm seine Feder und sagte zu sich selbst: 
„Das ist das Letzte, was du heute thust, Lampe, denn gesagt 
hat er nichts, nicht eine Silbe, nicht einmal: Adieu, Lampe! 
was gegen alle Sitte ist und von der Abwesenheit seiner Ge 
danken, dem Schlimmsten, was einem Kaufmann passiren 
kann, ein unwiderlegliches Zeugniß giebt." — Der kleine Buch 
halter lächelte maliciös vor sich hin, indem er über den ab 
wesenden Principal dies vernichtende Urtheil fällte, dann schlug 
er das Taschenbuch auf und sagte schreibend: „Sonnabend 
den sechsten Februar eintausend achthundert und sechs, um 
acht ein halb Uhr Abends, hat Herr I. Heinhold verstörten 
Gesichts mit einem Fremden das Comtoir verlassen, ohne mich 
anzusehen, oder sonstigen Befehl zu geben." 
Er blickte auf und ließ die Feder fallen, denn ihm gegen 
über rauschte es vernehmlich laut, und zwischen Lampe und 
Pult durchblickend, sah er eine Gestalt stehen, die er nicht er 
kennen konnte. 
Herr Lampe that einen ziemlich lauten Schrei, denn ein 
eiskalter Schauder lief über seinen ganzen Körper.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.