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Volume 2. April 1881, Nr. 27

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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Berolino. Unter diesen Worten stand noch größer zu lesen: 
Scripturae nebst der laufenden Jahreszahl von 1760 an bis 
zum Jahre 1804. Alles war sorgsam und schön geschrieben, 
wie von eines Kupferstechers Hand. 
Der alte Herr jedoch schien an etwas ganz Anderes zu 
denken, während er sie mit seinen großen, strengblickenden 
Augen betrachtete- Das faltenvolle Gesicht milderte sich zu- 
weilen durch ein Lächeln, und dann sahen seine scharfge 
schnittenen Züge, aus denen die Nase groß hervor trat, ehr 
würdig und beinahe edel aus; bald aber kehrte der stolze, 
feierliche Ernst darin zurück, und die hohe stille Gestalt hing 
wie auS Stein gehauen über dem großen Rechnungsbuche; 
das Bild eines Wucherers, der seine Schätze überzählt. 
Ihm gegenüber saß auf einem Drehstuhle ein seltsam 
anzuschauender kleiner Mensch, der zwei Schreibsedern hinter 
seinen Ohren und eine in seiner rechten Hand trug. Er war 
von der sichtlichsten Ehrfurcht vor dem hohen Wesen durch 
drungen, das an der andern Seite des Pultes lehnte, und 
bewachte ängstlich jeden Blick und jede Bewegung desselben. 
Auf seinem dicken Kopfe trug er eine vorn rund geschnittene, 
hinten mit einem kleinen Zopfe versehene Perrücke, die ihm 
quer über die Stirn einen weißen Puderstrich gezogen hatte, 
welcher sehr wunderlich gegen sein rothes, fettes Gesicht mit 
den schmalen Augen und breiter, aufgestülpter Nase abstach. — 
Bald bewegte nun dieser kleine Mann den Gänsekiel in seiner 
Hand unruhig auf einem weißen Bogen Papier, bald ordnete 
und wühlte er in den Briefen umher, die vor ihm lagen, 
bald zupfte er an seiner Hemdkrause, an dem blendend weißen 
Halstuche, in welchem sein Doppelkinn vergraben lag, oder 
an dem müllergrauen Frack, den er mit steigender Ungeduld 
auf- und zuknöpfte, bis er endlich einige mißbilligende und 
unaussprechlich verwunderungsvolle Blicke auf den alten Herrn 
warf, der sich noch immer nicht bewegen wollte. Bei jedem 
kleinen Geräusch legte sich jedoch eine unermeßliche Demuth 
auf sein Gesicht, das stets auf der Lauer war, um mit einem 
unterthänigen Lächeln jede Frage zu beantworten, welche der 
alte Herr etwa thun könnte. 
Es erfolgte aber keine Frage, und nach und nach packte 
der Buchhalter die Briefe in ihre Fächer, kehrte mit der 
haarigen Seite der Feder das Pult rein, legte Petschaft und 
Siegellack behutsam in einen Kasten und steckte ein halbes 
Dutzend Papierschnitzel in seine linke Rocktasche, voll geheimen 
Vergnügen bei der Berechnung, daß er zu Haus eben so viele 
stattliche Fidibusse daraus machen ivürde. Dann zog er, mit 
einem scheuen Blicke auf den alten Herrn im Halbschatten, die 
dreigehäusige goldene Uhr aus der Tasche, betrachtete mit 
stillem Entzücken die Kette und die fünf Petschafte, worauf er 
dem Geber dieser schönen Gabe, dem großmüthigen Principal, 
einen dankbaren Blick zusandte. Zum unzähligsten Male wog 
er Alles nochmals in seiner Hand, und da es ihm vorkam, 
als sei die Uhr wenigstens um ein Loth schwerer, als er sie 
gestern noch geschätzt, lief eine solche aufregende Rührung durch 
sein Herz, daß er eine Prise aus seiner Schildpattdose nahm 
und seine innere Seligkeit durch einen ziemlich heftigen Schlag 
auf den Deckel ausströmen ließ. 
Bei dieser unerwarteten Störung richtete sich der alte Herr 
auf und warf einen strengen Blick aus den erblassenden Verbrecher. 
„Ich bitte um Verzeihung," stammelte dieser, „es geschah 
ganz gegen meinen Willen." 
„Gegen Seinen Willen, Lampe?" ertviderte der alte Herr, 
indem er den Kopf schüttelte. — „Was auch ein Mensch thut, 
es soll und darf niemals gegen seinen Willen geschehen; wenn 
dieser Mensch aber ein Kaufmann ist, so ist das um so übler, 
denn solche Geistesabwesenheit und Willenlosigkeit muß Ver 
wirrungen hervorbringen, Verluste bewirken, Wortbrüchigkeiten, 
denen der Ruin des Geschäftes folgt." 
„Ich bitte nochmals um Vergebung," sagte der Sünder 
demüthig. „Ich war im Aufräumen begriffen." 
Der alte Herr wendete sich nach der Uhr, und sein Gesicht 
wurde merklich sanfter. „Es ist spät geworden," begann er 
dann, „ganz über die Geschäftszeit hinaus, und wirklich, Lampe, 
man kann sich vertiefen in seiner eifrigen Pflichterfüllung und 
darüber allein fast vergessen, was Gesetz und Sitte fordern." — 
Er schlug das große Buch zu und setzte den Zeigefinger auf 
den schweren Deckel. „Ich habe die Zahlen darin betrachtet, 
Lampe," sagte er mit einem leisen, kaum nierklichen Lächeln. 
„Es sind schöne, lange, volle Zahlen, man sieht sie mit Ver- 
gnügen an. Auch ist nichts daran auszusetzen, daß etwa eitel 
Wind und Schaum dahinter stecke, denn Alles ist solid und fest." 
„Wir machen nur Geschäfte mit prompten Leuten," rief 
Herr Lampe mit einem seligen Grinsen, indem er sich die 
Hände rieb. „Unsere Firma wird auf allen Handelsplätzen 
mit Respect genannt." 
„So ist es," sagte der alte Herr stolz; „aber weiß Er 
auch, wie ich dahin gelangt bin?" — Herr Lampe horchte 
mit unterthäniger Aufmerksamkeit. „Weil ich immer wußte, 
was ich that," fuhr sein Vorgesetzter fort, „weil ich an alter 
Sitte und Satzung hielt unb so, mit Gott, mein Werk voll 
brachte, ohne auf Tand und Flitter zu achten." 
Der Buchhalter warf einen langen Blick über die be 
rauchte Halle, den der alte Herr verfolgte. — „Von innen 
und außen keine Aenderung," sagte dieser mit strengem Tone, 
„kein modernes, gelecktes Wesen, kein Sand- und Staubwersen 
in ehrlicher Leute Augen, das ist das heiligste, erste Gesetz, 
und wer das nicht beachten kann, der mag seinen eigenen Weg 
gehen. Mit mir geht er nicht, mit mir nicht!" 
Er sagte das langsam, Silbe nach Silbe mit besonderem 
Nachdruck, starr vor sich hinsehend, als spräche er mit einer 
Person, die er nebenher mit den zornigen Falten seiner Stirn 
und dem Schütteln seines Zeigefingers bedrohte. 
Herr Lampe schien aber recht gut zu wissen, was es zu 
bedeuten hatte. „Es ist freilich sehr betrübt, hochverehrter 
Herr Heinhold," erwiderte er seufzend und mit halber Stimme, 
„daß es immer schlechter und schlechter in der Welt wird, daß 
die Ehrlichkeit verschwindet mit der alten guten Zeit, daß 
Handel und Wandel gestört werden durch blutigen Krieg und 
Mord, und die Jugend verspottet, was die Väter thaten. 
Aber ist denn nicht, wie in der heiligen Schrift steht, Leichtsinn 
das Erbtheil derer, die das Leben nicht kennen?" 
Der alte Herr blätterte schweigend unter den Papieren, 
welche vor ihm lagen, bis er nach einem Weilchen die Augen 
wieder erhob, auf den Platz am andern Pult deutete und mit 
seiner strengen Stimme fragte: „Wo ist er hingegangen?" 
„Weiß es eigentlich nicht," erwiderte der Buchhalter. „Es 
kam ein Brief gerade sieben Minuten nach halb." 
„Wer brachte ihn?" 
„Ich bitte um Verzeihung," sagte Lampe demuthsvoll, 
„ich iveiß es nicht, der Brief wurde draußen abgegeben. Der
	        
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