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Periodical volume 26. März 1881, Nr. 26

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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dem Spandauerthor. Die ursprüngliche Bestimmung dieser Ge- 
sundheitsanstalten war ganz in Vergessenheit gekommen, ihre Be 
sitzer beschäftigten sich daher, wie die Inhaber von Barbierstuben, 
nicht sowohl mit dem Rasiren und Haarverschneiden, sondern auch mit 
Schröpfen und Aderlässen, und manchen chirurgischen Operationen. 
Hierzu mußten sie jedoch konzessionirt sein, die Anzahl der einen 
und der andern Stuben war festgesetzt, wie bei den Apotheken, 
und wer sich als Barbier oder Bader etabliren wollte, mußte 
suchen eine Konzession vom vorigen Inhaber zu erkaufen und sie 
oft verhältnißmäßig theuer bezahlen. Fünf oder drei messingene 
Becken an einander gereiht, machten das Schild, erstere 
für die Barbiere, die anderen für die Bader aus. Die Bader 
bildeten anfänglich eine besondere Klasse, und außer dem Schröpfen, 
Baden und Aderlasien waren sie auf gewisse chirurgische Operationen 
beschränkt, während die andern die Wundarzneikunde in ihrer 
ganzen Ausdehnung ausüben konnten. Indeß durch das Patent 
vom 10. Julius 1779 (s. Mylius Contin. der Edikte von 1779, 
S. 1594) wurden die Bader mit 
den Barbieren als Wundärzten völlig 
vereinigt und erhielten gleiche Rechte 
mit ihnen. Sie mußten, zufolge der 
Medieinal-Ordnung, ihren vollständi 
gen Kursus in der Anatomie und 
den Operationen gemacht haben, vom 
Ober-Kollegium-Medikum, wie die 
anderen Wundärzte, approbirt sein, 
aber dagegen konnten sie gleichfalls 
die Chirurgie in ihren: ganzen Um 
fange ausüben, Schüler bilden, fünf 
oder drei Becken, nach Willkür, aus 
hängen. Jede Gerechtigkeit hieß nun 
Bad- und Barbierstube, deren 
Inhaber jedoch erforderlichenfalls sich 
zum Schröpfen und Baden bereit 
finden lassen mußte. 
Ich kehre zum „Krögel" zurück. 
Zuerst war der Krögel eine 
Bucht der Spree, die zu einem Kanal 
eingeschränkt, späterhin aber ver 
schüttet und aufgehöht wurde. Dies 
scheint schon im 16. Jahrhundert ge 
schehen zu sein; denn es handelte 
sich darum, die Krögelgasse als Fahr 
weg einzurichten, um bei Feuersge 
fahren mit den Wassertinen zur 
Spree gelangen zu können. Auch 
die Abdeckerei befand sich bis 1678 
auf dem Krögel, und als Kurfürst Friedrich Wilhelm 1678 dieselbe 
vor die Stadt bringen lasten wollte, da widersetzten sich Magistrat 
und Bürgerschaft. Friedrich Wilhelm ließ sich jedoch durch diesen 
Widerstand nicht beirren und schaffte diese gesundheitsgefährliche 
Anlage aus der Stadt. — D. 
^Holographien von ^rimkenau. Wir machen daraus auf 
merksam, daß im Kunst-Berlage von Hugo Härttwig in Hay 
na u i./Schl. ganz vortreffliche Photographien dieses Jugendaufent 
haltes Ihrer König!. Hoheit der Prinzeß Wilhelm erschienen sind. 
Die einzelnen Blätter kosten 6 Mark. 
Der Kaffee des Leiermanns im Berliner Thiergarten. 
(Siehe Jlluswation Seite 309.) Die Chroniken melden nichts 
darüber, seit wann es Leierkästen und Leiermänner im Berliner 
Thiergarten giebt. In dem vortrefflichen Buche des Hern: Geitner 
über den Berliner Thiergarten finde ich nichts über diese verehr- 
lichen Spielleute. Ich darf aber wohl annehmen, daß dieselben 
seit der Zeit nach dem Befreiungskriege ihre Thiergartenplätze inne 
haben. Der, dessen Conterfei unsere Nummer bringt, ein blinder 
Mann, hat seinen Stand an der Promenade) welche sich längs der 
Königgrätzerstraße hinzieht, zwischen Göthe-Denkmal und Bran 
denburger-Thor. Ich gönne von ganzem Herzen dem Manne 
seinen warmen Kaffee, den ihm das Töchterchen eben bringt, ich 
wünsche, daß er sich ein kleines Kapital für die Ausstattung seines 
Töchterchens erdrehorgeln möge und daß es ihm wohl gehe bis an 
sein Lebensende, ihm und den andern, die da aus den verschiedenen 
Wegen unseres schönen Parkes ihr Wesen treiben. Bitten aber 
möchte ich doch, daß diese Spieler auf den Aussterbeetat gesetzt 
werden, daß keine neuen Konzessionen ausgetheilt werden mögen, 
und daß es in künftigen Jahren einem ehrlichen Christcnmenschen 
gestattet sei, ohne „Die letzte Rose" und ohne den „Pariser Einzugs 
marsch" den prachtvollen Park, den in solcher Schöne keine andere 
Stadt besitzt, zu genießen. 
Der erste deutsche Mcichsadlcr. 
(Hierzu nebenstehende Jlluswation.) 
Dem zweiten Kaiserzimmer des H o - 
henzollernmuseums ist seit kurzem 
ein historisch sehr bedeutungsvoller 
Gegenstand einverleibt worden. Unter 
einem geschmackvollen Rahmen mit 
dunkelrothcr Sammeteinfassung sehen 
wir auf einer Unterlage von weißem 
Atlas auf Goldgrund einen einfachen 
Adler aus Sammet nebst darüber 
befindlicher Kaiserkrone aus demselben 
Stoff, der uns an den feierlichen 
Moment vor 10 Jahren erinnert, 
als König Wilhelm in der Lalle äs 
glaees des Schlosses von Versailles 
zum Deutschen Kaiser proklamirt 
worden ist. Dabei liegt eine Ab 
schrift von der Notiz unseres Kron 
prinzen, welche sich auf der Rückseite 
des Wappenschildes befindet und 
deren Wortlaut folgender ist: „Dieser 
von Sammet ausgeschnittene und auf 
Goldstoff ausgesetzte Adler nebst der 
ähnlich gefertigten Kaiserkrone wurde 
in der Eile im Hauptquartier zu 
Versailles angefertigt und war bei 
der Proklamirung Sr. Majestät des 
Königs von Preußen als Deutscher 
Kaiser, am 18. Januar 1871 in der Lall« de glaces des Schlosses 
von Versailles auf der Draperie hinter den Stufen befestigt, aus 
welchen Se. Majestät in jenem feierlichen Augenblicke stand. 
Friedrich Wilhelm, Kronprinz." 
Der Urheber der Idee ist, wie dem „Tageblatt" geschrieben 
würde, Se. Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz ge 
wesen, welcher seinem Kaiserlichen Vater damit eine Ueberraschung 
bereiten wollte. Es waren nur noch drei Tage bis zu dem welt 
geschichtlichen Akte. Von Berlin war bei der Kürze der Zeit nichts 
mehr zu beschaffen und ein Franzose hätte schwerlich dir Arbeit 
übernommen. Da wandte sich der Hofmarschall des Kronprinzen, 
Graf zu Eulenburg, an den Vertreter der Berliner Firma Mohr 
und Speyer im Versailler Hauptquartier, und der Zusall fügte 
es, daß sich unter den Angestellten derselben ein Amateur in Buch 
binderarbeiten fand, welcher es übernahm, den ersten deutschen 
Reichsadler, so gut es in der Eile ging, herzustellen. Da der 
junge Mann am Tage sehr beschäftigt war, so nahm er die Nächte 
Der erste deutsche Reichsadler. 
Originalzeichnung nach dem im Hohenzollernmufeum befindlichen 
Originale.
        
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