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Periodical volume 26. März 1881, Nr. 26

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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sein. „Wenn die Herren schlecht bedient werden, so sind sie ganz 
allein daran schuld, denn sie behandeln ihre treuesten Diener wie 
arme unglückliche Menschen, ohne Gefühl und ohne feinere, tiefere 
Empfindungen. Anstatt sic durch verständiges Vertrauen an sich 
zu fesieln, beobachten sie gegen dieselben ein reservirtes Betragen, 
welches die Dienstleute entmuthigt und ihren Eifer für die Herr 
schaft erkältet. Ich möchte glauben, falls man mit ihnen zufrieden 
ist und ihre Treue erprobt hat, so riskirt man nichts, wenn man 
sie das merken läßt, denn jeder Bediente, der ein Herz im Leibe 
hat, wird seine Aufmerksamkeit gegen einen Herrn verdoppeln, der 
seine Dienste zu schätzen weiß." 
„Ich war auf Euren Einwand gefaßt," antwortete der Prinz, 
„denn wenn es sich um die Frauen handelt, weiß ich immer vor 
her, welche Partei Ihr ergreifen werdet." 
Ich war trotz dieser geschickt ablehnenden Antwort sioh, ihm 
eine Lektion gegeben zu haben. 
Nach der gewöhnlichen Heerschau begaben wir uns nach 
Nheinsberg, um dort den Sommer zuzubrigen. Mir verging die 
Zeit angenehm zwischen Lektüre, Ansflügcn und den Arbeiten zur 
Erweiterung meiner noch mangelhaften Kenntnisse. Mir standen 
die Bibliotheken zur Verfügung, aber es wurde mir schwer, die 
rechte Ordnung in meine Studien zu bringen. Glücklicherweise 
half mir mein Gedächtniß zur Ansammlung eines beträchtlichen 
Materials, welches ich mit der Zeit verarbeitete und mir so wirk 
lich zu eigen machte. Es kam mir zu statten, daß die Hofleute, 
mit Ausnahme von dreien oder vieren, gänzlich unwissend waren. 
Außer den Vortheil des Gedächtnisses hatte ich vor ihnen noch 
den Vorzug, einen größeren Ideen- und Anschauungskreis zu be 
herrschen, weil sie nie aus ihrem Lande gekommen waren, selbst 
die ersten Herren am Hofe nicht. Mara war der Einzige unter 
ihnen, der Paris gesehen hatte, aber der Nutzen, den er von seiner 
Reise nach Frankreich hatte, tvar gleich Null. Der Prinz erkannt^ 
wie ich schon angedeutet habe, meine Ueberlegenheit in dieser Hin 
sicht an, was ich ohne alle Eitelkeit sagen kann. 
Als wir gegen den Winter wieder nach Berlin gezogen waren, 
ging eine Zeit meines Lebens an, deren ich mich noch jetzt schäme. 
Der Sekretär Bilgucr, mit dem ich umging, weil er noch am besten 
französisch sprach, war ein lockerer Vogel und schlug mir vor, von 
Zeit zu Zeit bei ihm oder bei mir ein Spielchen zu machen, um, 
wie er- sich ausdrückte, die langen Winterabende tvdtzuschlagen. 
Er wußte, daß ich sparsam war und Geld hatte, ich aber sah in 
seinem Vorschlage nichts Verfängliches und nahm ihn an. Als 
Theilnchmer des Spiels nannte er „seine gewählten Freunde". 
Diese gewählten Freunde, mit denen er mich bekannt machte, waren 
ztvei Spieler von Profession, nämlich ein Lieutenant Stcinwcrt 
vom Regiment v. Lettow und ein Jude, Bruck, ein Erzgaudieb. 
Außerdem nahmen die beiden Pagen und einige Andere daran 
Theil. Zuerst wurde niedrig gespielt, um diejenigen zu ködern, 
die in die Geheimnisse des Spiels nicht eingeweiht waren. Ich 
ließ mich mitschleppen. Zuerst gewann ich, so daß es den Spielern 
glückte, mich an den Tisch zu bannen. Als hoch gespielt wurde, 
überlisteten sie mich und ich verlor, so.daß ich, um den Verlust 
wiederzuerhalten, desto eitriger spielte und um so tiefer hineinkam. 
Ich verlor zuweilen ziemlich bedeutende Sememen. Der Wieeter 
kostete enir hundert Thaler und außerdem den schönen Pelz, den 
mir der Prinz in Petersburg geschenkt hatte; ich verkaufte ihn dem 
Juden Bruck für 36 Thaler, obwohl er viel mehr werth war. Ich 
hatte noch 350 Thaler Gold, die ich aber als eisernen Bestand für 
den Nothfall behalten wollte. Der Verlust meines Pelzes ärgerte 
mich so, daß mein Eifer beim Spiel ganz plötzlich erkaltete, und 
so sagte ich mich denn von dieser Gesellschaft los, die mich leicht 
hätte ins Verderben stiirzen können. 
Im Sommer des Jahres 1772 wurde in Rheinsberg viel ge 
lesen. Die Herren vom Hofe, die dabei gewöhnlich zugegen waren, 
waren Herr von Wreech und Herr von Knipphausen. Außerdem 
lud der Prinz alle Jahre noch mehrere auswärtige Gäste ein, auf 
seinem Landsitze einen Theil des Sommers zuzubringen. Die be 
rühmtesten dieser Personen waren die Herren von Gualtori, v. Stosch 
und v. Grimm, drei sehr gelehrte Herren. Der Erstere war refor- 
mirter Prediger gewesen, aber da er Vermögen und eine Pension 
vom König hatte, der ihn achtete, so hatte er sein Amt aufgegeben, 
um frei und als Philosoph zu leben. Der Zweite war in jeder 
Art von Literatur sehr bewandert, hatte lange Reisen nach Grie 
chenland und in die Levante gemacht, war reich und unabhängig 
und der Prinz sah ihn gern. Er kannte alle Höfe Europa's und 
wußte Allem, was er von seinen Erlebnissen und Beobachtungen 
erzählte, das lebhafteste Interesse zu verleihen. Wenn er etwas 
bescheidener und weniger von sich eingenommen gewesen wäre, so 
wäre er ein ganzer Mann gewesen. Was Herrn v. Grimm an 
geht, so übertraf er an Kenntnisien die beiden Ersten; er war Ge 
sandter der sächsischen Höfe in Frankreich und kam nur dann nach 
Berlin, wenn ihn Staatsgeschäfte zum Könige riefen. Ich habe 
diese Herren hauptsächlich deshalb genannt, weil sie mir wohl 
wollten und nicht wenig dazu beitrugen, die günstige Gesinnung 
des Prinzen gegen mich zu befestigen. Die Bemerkungen, welche 
diese Herren über alle Gegenstände machten, die die Lektüre dar 
bot, waren für mich die bildendste Schule, denn ich verlor kein 
Wort von ihren Urtheilen über alle Zweige des menschlichen Wissens. 
Die schmeichelhaften Lobreden, die sie wiederholt auf meine Aus 
sprache und mein Organ hielten, ermuthigten mich sehr, wiewohl 
ich mir stets bewußt blieb, daß meine Bildung noch lückenhaft war. 
Die Reisen und die Zerstreuungen, denen ich micht nicht entziehen 
konnte, hinderten mich an schnelleren Fortschritten, am meisten aber 
das Rheinsberger Theater, dessen Geschichte ich noch erzählen 
werde. 
(Fortsetzung folgt.) 
M i s i c U t n. 
Berliner Madestuken und die Straße „am Krögel." 
Von der Stralauerstraße rechter Hand geht eine Straße zur Spree, 
genannt „der Krögel", das ist eine ursprünglich wendische Orts 
bezeichnung, welche im 14. Jahrhundert „Cruvel" hieß (Nicolai 
sagt „Krewel"); ebenso hieß nach einer Urkunde eine Bucht der 
Spree unweit Spandow, wie denn diese altberliner Straße von 
einer am Ende gelegenen Bucht der Spree ihren Namen hat. 
Alten Nachrichten zufolge hat diese Gaste wie an der Unterspree 
die kleine Burgstraße, zur Entsrachtung der Waaren-Kähne ge 
dient (vergleiche den Aufsatz „Der Molkenmarkt vor 500 Jahren" 
in unserer Nr. 19). Schon vor Jahrhunderten befand sich bei 
demselben eine Badestube. Sie war von den wenigen Badestuben, 
welche Berlin besaß, die älteste, und hat als solche bis in die 
neuere Zeit bestanden. Bekanntlich (vergl. Möhsen, Geschichte der 
Wistenschasten u. s. w. S. 318) veranlaßte der aus den Zeiten 
der Kreuzzüge herstammende „Aussatz" in Deutschland aller Orts 
die Errichtung von Badestuben und so auch die eben erwähnte am 
User der Spree. Sie hatte zwei gewölbte Stuben, in denen beide 
Geschlechter, von einander abgesondert, mit aller Bequemlichkeit 
baden konnten. Späterhin, zur Zeit Joachims IL, wurde diese 
Badestube noch mit zwei anderen vermehrt. In dieser Zeit bauten 
sich auch wohlhabende Bürger die ersten eigenen Badestuben in ihren 
Häusern. 
Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts befanden sich von diesen 
Badcstuben in Berlin: die älteste auf dem Krögel, vier am neuen 
Markt, zwei auf dem Werder, drei in der Friedrichsstadt, vier vor
        
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