Path:
Periodical volume 9. October 1880, Nr. 2

Full text: Der Bär Issue 7.1881

27 
führten noch 1869 zu beiden Seiten Baum- und Strauchanlagen 
zum „Bock" und nach „Tivoli". Nach 1870 entstand zunächst 
der Ausbau der Straßen zwischen Möckernstraße und Bellealliance 
straße und den Straßen östlich von der Bellcalliancestraße. Ebenso 
wie in der letzten Jahren die Weiterführung der Bellealliancestraße 
bis zu dem Halt gebietenden Steuerhause stattfand. 
Für die rechte kräftige Entfaltung dieses Stadttheils fehlt 
zweierlei. Das eine wird nie zu erreichen sein, das ist die Be 
bauung der Tcmpelhofer Chaussee und die damit herbeige 
führte Verbindung des Stadttheils mit Tempelhof, dagegen spricht 
eben die Erhaltung des nun 150 jährigen Tempelhofer Exercier- 
feldes; das zweite muß — und zwar recht bald — mit allen 
Mitteln zu erreichen versucht werden, das ist die Verbindung mit 
dem Weststadttheil mittelst drei oder vier Straßen, die unter die 
Bahnen weggeführt werden müssen. — D. 
Der Erweiterungsbau des Wörfeugcbäudes in Merli«, 
zu welchem gegenwärtig ein letztes Projekt dem Minister Mapbach 
zur Genehmigung vorliegt, würde sich — wie wir dem Wochen 
blatt f. Architekten und Ing. entnehmen — nach demselben fol 
gendermaßen gestalten: Nach Hinzunahme des Terrains der Hei- 
ligengcistgasse, eines in dieser an die Börse stoßenden, zum 
Hospitale gehörigen Grundstückes und der südlichen Häuser dieser 
Gasse, sowie der Häuser Heiligegeiststraße Nr. 1, 2, 3 und 
eines Theils von Nr. 4, endlich des Hauses Burgstraße Nr. 24 und 
eines Theils des früheren Turnplatzes des Joachimsthalschen 
Gymnasiums soll das Börsengebäude in der Burgstraße um 
23,50 m verlängert und eine neue Straße von 19 m Breite von 
der Burg- nach der Heiligengeiststraße als nothwendiger Ersatz für die 
eingehende Heiligegeistgasse angelegt werden. In der neuen Straße 
bildet sich so eine stattliche Front von 76,75 m, in der Heiligengeist 
straße eine solche von 43,30 m mit einem zweiten Haupteingang. 
Die Erweiterung der alten Börsenräume soll nun in der 
Weise vorgenommen werden, daß die beiden jetzigen Säle für 
Fonds und Producten zusammen nur für die Fo nd s b ö rse verbleiben, 
und an ihrer Verlängerung ein neuer Saal von derselben Tiefe 
und quadratischer Form allein für Producten angefügt wird, dem 
sich an der neuen Straße eine helle Gallerie zur Besichtigung der 
Getreideproben vorlegt, während an der Burgstraßc Räume für 
die Presse, ein Courszimmer und ein Zimmer für Sachverständige 
und Parteien angeordnet sind. 
Von dem Eingänge in der Heiligengeiststraße tritt 
man in ein geräumiges Vestibül mit Garderoben, aus welchem 
man auch durch einen Verbindungsgang direkt in den Producten- 
saal gelangen kann. Rechts und links vom Eingänge liegen zu 
nächst Treppenhäuser, links ferner einKündigungssaalvon 14,5:13,5 m 
(der jetzige hat nur 9,5:8,5 m), Zimmer für die Kündigungsbe 
amten und noch ein 'Treppenraum, rechts aber die Räume der 
Telegraphie (Annahmesaal 20 m: 9,50 m), die auch direkt von 
den Börsensälen zu erreichen sind. Zwischen Telegraphie und 
Vestibül befindet sich ein großes, sich nach beiden Sälen öffnendes 
Buffet von 13,25 : 9,50 m. Auf der rechten Treppe gelangt man 
in den Apparatensaal, auf der linken in die sogen. Vorbörse mit 
einer Lesehalle an der neuen Straße von 35 m: 7 m und einem 
großen, sich quer durch das Gebäude erstreckenden Saale von 
36 m Länge und 10 m Tiefe mit seitlichen Erweiterungen von 
zwei daneben angeordneten Höfen zu Buffets und Nebenräumen. 
Von der Vorbörse kann man auch auf der zweiten linksseitigen 
Treppe zur Produktenbörse gelangen. Ueber die übrigen Räum 
lichkeiten der ersten Etage ist noch nicht disponirt; die zweite soll 
zu Wohnungen benutzt werden. Die jetzt von der Telegraphie 
und der Presse innegehabten Räume fallen zur Fondsbörse. Durch 
die Einfahrt in der Neuen Friedrichstraße und die Sommerbörse 
findet dann Verbindung nach der Heiligengeiststraße statt. 
Die Architektur ist durchaus die des alten Börscngebäudes, 
doch war cs Hauptbedingung, die abgeschlossene Fapade in der 
Burgstraße als Haupttheil für sich bestehend zu behandeln, und 
sich derselben, ohne ihren Eindruck zu stören, in einfacher bescheidener 
Architektur anzuschließen. In der Burgstraße tritt der Anbau um 
ca. 2 m zurück und bildet an der Ecke ein um diese herumgehendes 
Risalit. Zwischen diesem und einem entsprechenden in der neuen 
Straße springt im Erdgeschosse die Gallerie zum Probircn der Ge 
treidesorten etwas zurück, und auf ihr erhebt sich eine Säulenhalle 
wie in der Burgstraße. Hiermit schließt auch im Aeußern der nur 
bis hierher mit einer Attika gekrönte eigentliche Börsenbau ab, 
und die übrige Front der neuen Straße und der Heiligengeiststr., 
hier noch durch ein Mittelrisalit und ein durch Säulen getheiltes 
Eingangsportal ausgezeichnet, charakterisirt sich mehr als Verwal 
tungsgebäude. Ganz steht übrigens die Architektur auch jetzt noch 
nicht fest. 
Das Project ist nach Angaben des Herrn Geh. Reg.-Raths 
Hitzig von Herrn Baumeister Stock ausgearbeitet, der schon seit 
langer Zeit bei Hitzig beschäftigt war und unter anderem für ihn 
das Palais von Kronenberg in Warschau ausführte. Ihm assistiren 
als Architekten die Herren Engel und Kretschmer — es sind 
also nicht 6 Privatbaumeister mit den Specialarbeiten für den 
Erweiterungsplan der hiesigen Börse betraut, wie das B. T. v. 
15. August mittheilte. L. 
Das Weröot des Kantinen - Magens. Anknüpfend an 
die Notiz in unserer Nr. 37 theilt uns Herr Pastor Bremer 
aus Nennhausen die Abschrift eines Ediktes vom 7. December 1726 
mit, aus dem hervorgeht, daß der Krieg gegen das Pantinen- 
Tragen schon am 6. Juli 1717 eröffnet war, und daß das Ver 
botdeshalb erfolgte, weil „das Pantinen-Tragen zum Schaden 
und Nachtheil der Schuster geschehe, denen dadurch die 
Nahrung entzogen werde." 
Die Auffrischung des Verbots geschah, „weil bey jüngsthin 
geschehener Haussuchung viele Paare hölzerner Schuhe und Pan 
toffeln hin und wieder gefunden und weggenommen wären." Der 
Wiederbetroffene wird mit Halseisen und Gefängniß bedroht, das 
Dorf aber, wo solches Unrecht geschähe, mit Strafe von 200 Du- 
caten zur Rekrutenkasse. Die gute alte Zeit! 
gilt Kochzeitsgevrauch (Arautfcminclnj. In Luckau in 
der Lausitz bestand noch 1850 — wie lange später, weiß ich nicht 
— der Gebrauch, daß das Brautpaar nach der Trauung an der 
Hausthür Gaben austheilte, die Braut Kuchen oder Semmeln, 
der Bräutigam kleine Geldstücke. Es fanden sich 20—30 Kinder, 
meist, doch nicht ausschließlich, ärmere dazu ein: die Annahme der 
ersteren Gabe galt nicht für despektirlich. Absingen eines Spruches 
war dabei nicht üblich. Auf den Nachbardörsern Luckau's dürste 
die Sitte noch heut bestehen. In der Stadt war der Brauch 
übrigens keineswegs etwa auf die Vorstädte beschränkt, sondern 
allgemein. 
— b. — 
Bezüglich des Hebels zum Zapfenstreich erlaube ich mir 
Ihnen mitzutheilen, daß wir während des französischen Feldzuges 
beim 24. Infanterie-Regiment der Melodie folgenden, in den 
Compagnie-Singschulen eingeübten Text unterlegten: 
Geschoß und Schwert entsinkt den Müden. 
Nimm uns, o Herr, in Deine Wacht, 
Die Nacht verkündet süßen Frieden; 
Kriegsmann segnet sromm die Nacht. 
Dir, lieber Gott, sei stets hinieden 
Dank und Ehre dargebracht. — Amen. 
W. 0.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.