Path:
Volume 19. März 1881, Nr. 25

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

306 
sie eiligst wieder auf das Gerüst steigen, um das Vergnügen aufs 
Neue zu genießen. Erstaunlich war es, wie die Russen diese Rutsch 
bahn auf Schlittschuhe hinab- und wie ein Blitz auf einem Bein 
eine Viertelmeile über den Fluß dahinsuhren, ohne ein einziges 
Mal neu anzusetzen. 
Bei gutem Wettn und festem Eise werden auch Schlitten 
fahrten auf der Newa gemacht und dabei wie in England, viel 
Geld verwettet. Der Günstling der Kaiserin, Graf Orloff hatte 
Rennpferde zu 3—4000 Rubel. Trotz der Kälte sah ich oft diesen 
Volksbelustigungen zu, bei denen sich eine aus allen Nationalitäten 
zusammengesetzte Zuschauennenge einfand. 
Von allen Festen, die die Kaiserin dem Prinzen gab, war 
kcins, was Pomp und Pracht betraf, mit dem in Zarskoö-Selo 
zu vergleichen. Wir reisten eines Abends von Petersburg ab, 
spät genug, um die Illuminationen bewundern zu können, die auf 
dem ganzen Wege angebracht waren. Kaum hatten wir in der 
Dunkelheit einige Werst gemacht, als der Weg vor uns zu beiden 
Seiten durch Feuersäulen, Pyramiden, Triumphbögen und der 
gleichen erhellt und aufs reichste geziert wurde. Die Jagdmusik 
der Kaiserin, von der noch die Rede sein wird, ließ sich hören, 
russische Tänzergruppen erschienen und gaben dem Prinzen eine 
Idee von den ländlichen Belustigungen des Volkes. Je weiter 
wir kamen, — und wir fuhren sehr langsam, damit der Prinz 
Alles in Muße betrachten konnte, desto mehr Dekorationen ent 
stiegen der Erde und erschienen unter Feuerströmen. Wie bezaubert 
kamen wir in Zarskoö-Selv an. Ich will nicht alle Feste be 
schreiben, die in den sechs Tagen unseres Aufenthaltes dort ge 
geben wurden; cs genüge nur, zu sagen, daß an jedem Tage eine 
neue Festlichkeit arrangirt wurde, Unc Bälle, Schauspiele, Concerte, 
Feuerwerk und dergleichen. Da die Bälle nur für die höchsten 
Personen waren, so nahm Unsereins nur als Zuschauer daran 
Theil. In Zarskoö-Selo sah ich den ganzen Glanz des rus 
sischen Hofes. Der Hof von Frankreich möchte ihm allenfalls nock- 
gleichen, freilich nicht in dem Reichthum der Kleidung und der 
Diamanten, in denen die Kaiserin und ihre Hofdamen strahlten. 
Ich war bald matt und müde von all der Pracht, die das Herz 
und wohl auch den Kopf leer läßt und bei der man Gelegenheit genug 
hat, mit geschlossenem Munde zu gähnen. 
Gewöhnlich saß ich bei diesen Festen in einem Winkel des 
Saales, von wo aus ich Allem zuschaute, was um mich vorging. 
Eines Tages setzte sich ein Pascha, der mit einem seiner Söhne 
kriegsgefangen war, zu mir. Ich hatte ihn schon einmal im Theater 
gesehen, als gerade die Einnahme der türkischen Stadt Bender im 
Ballet aufgeführt wurde, dem er zuschauen mußte. Er war ein 
ebenso gebildeter als achtbarer Greis, dessen langer weißer Bart 
bei sehr geschmackvoller Kleidung und ernster, würdiger Haltung 
ihm ein höchst edles und imposantes Aussahen gab. Er hatte ein 
offenes Gesicht und mehr als gewöhnlichen Wuchs, übrigens war 
er der erste Türke, den ich sah. Er schwieg einige Augenblicke und 
redete mich dann in recht gutem Französisch an, »vorauf ich ihm 
sagte, ich wäre ein Franzose und stäube im Dienst des Punzen 
Heinrich. Hierauf fragte er Mehreres über Paris und die dortigen 
Schauspiele im Allgemeinen, dann aber, ob die Pariser Oper so 
brillant, namentlich aber das Ballet ähnlich wie das in Petersburg 
wäre. „Ungefähr," antwortete ich, ohne mich deutlicher auszu 
drücken, denn ich merkte, wo er hinaus wollte. Wirklich fragte er 
nach meinem Urtheil über das Ballet, und ließ, ohne meine Ant 
wort abzuwarten, sehr unvortheilhaftc Bemerkungen über den 
russischen Hof laut werden. Ich bedaure, daß die Klugheit mir 
verbieten mußte, niich über diesen Stoff eingehender zu unter 
halten, da ich nicht gewiß lvar, ob mich der Prinz oder sonst Je- 
mand beobachtete. 
Noch will ich einer künstlichen Fahrbahn gedenken, die sich in 
Zarskoö Selo befand. (—Hier wird nun eine dem ehemaligen Ber 
liner Tivoli ähnliche Vorrichtung beschrieben, wo man auf kleinen 
Wägelchen über 6 oder 7 immer niedriger werdende Hügel durch 
die Schwungkraft des ersten Stoßes blitzschnell bis zu einem Pa 
villon am See geschleudert ivurde. —) Der Platz für diese Be 
lustigung war dicht bei dem Park und der Prinz, vom General 
Bibikoff, mehreren Großen des russischen Hofes und allen seinen 
Leuten begleitet, begab sich dahin, um einmal dies Tivoli zu sehen. 
Der General bestig mit drei russischen Heuen den Schlitten und 
kam glücklich am Ziele an. Wir waren alle von Furcht ergriffen, 
als wir sie so mit Windeseile dahinfahren sahen. — Nun ließ ein 
russischer Page ein hölzernes Pferd herbeiführen und satteln. Auch 
er ritt glücklich bis ans Ziel, doch ist es leicht möglich, dabei das 
Gleichgewicht zu verlieren, in welchem Fall man das Leben riskirt. 
Uebrigens sind zu beiden Seiten starke Bohlen und sowohl Pferd 
wie Schlitten rollen aus ganz kleinen eisernen Rädern, auch ist 
die Bahn mit Seife bestrichen. Wenn die Fahrzeuge am See an 
gekommen sind, so werden sie durch Pferde wieder auf den ersten 
Hügel gezogen, um den Lauf zu wiederholen. Als die Russen 
glücklich zurückgekehrt waren, wollten einige von den Leuten des 
Prinzen cs mit du Rutschpartie versuchen. Der Prinz gab nach 
einigem Sträuben seine Einwilligung dazu. Du Major von Kapp 
hengst bestand sogar darauf, auf dem hölzernen Pferd die Tour zu 
machen und er kam glücklich damit durch. Nun amüsirte es den 
Prinzen, allein er nahm nicht daran Theil; man würde es auch 
nicht zugegeben haben, wiewohl sich selbst die Kaiserin mit dieser 
Fahrt belustigte. Es war noch eine Bahn daselbst, die abu keine 
Krümmungen machte, sondern nur thalabwärts ging; unten steht 
der Schlitten mit einem Male still, wenn mans am wenigsten ver 
muthet und man wird regelmäßig in den Schnee geworfen. Das 
wollte Keiner von uns probiren. 
Einige Tage nach unserer Rückkehr in die Stadt wollte man 
dem Prinzen eine Idee von der Bärenjagd geben, allein das, was 
wir sahen, war nur der Kampf eines Bären mit Hunden, und 
keine Jagd. Man führte den Prinzen in eine Umzäunung nahe 
bei der Stadt, wo man eine Art Amphitheater für ihn und sein 
Gefolge erbaut hatte. Als er Platz genommen, wurde ein ganz 
ungeheurer Bär hereingeführt und mit einem langen Strick an 
einen Pfahl gebunden, damit er sich nicht auf dfe Zuschauer stürzen 
könnte, die in großer Anzahl vorhanden waren. Die Erde war 
mit 2 bis 3 Fuß hohem Schnee bedeckt. 30 oder 40 Bediente 
mit großen Stöcken und Stricken bildeten vor den Zuschauern einen 
Kreis um den Bären herum, der in der Mitte umhertrabte und 
brummte. Da traten fünf oder sechs Knechte mit kleinen eng 
lischen Doggen, von denen jede 100 Rubel kostete, in den Kreis. 
Sic hielten dieselben fest, bis angegriffen werden sollte. Die 
Jagdhörner gaben das Zeichen zum Angriff. Als die Hunde los 
gelassen wurden, setzte sich der Bär in Positur. Er machte mit 
seinen Tatzen ein Loch in den Schnee, als wenn er sich da hinein 
verstecken wollte. Der Leithund, eine große Dogge, wurde zuerst 
voin Bären ergriffen und verschwand in dem Loch. Als der Bär 
ihn ersticken wollte, warfen sich 4 oder 5 von den kleineren Hunden 
auf ihn und packten ihn mit solcher Wuth an der Schnauze und 
den Vordutatzcn, daß er den Leithund loslaffen mußte, du nun 
seinerseits auch über ihn herfiel. Der Bär quälte sich, um seine 
Dränger los zu werden, er schüttelte sein Haupt und ließ die 
Hunde wie Spielbälle rechts und links fliegen, doch ward er sie 
nicht los. Zum Uebennaß ermattet, unterlag er endlich seinen 
Feinden und fing an aus Leibeskräften zu brüllen. 
Du Prinz war des Schauspiels müde und befahl, da die 
Kaisuin nicht dabei war, man solle den Bären befreien. Jnfolge- 
deffen liefen die Bedienten mit ihren Knitteln hinzu, um die Hunde 
loszumachen, die sic dann auf ihren Armen davontrugen. Kaum 
fühlte der Bär sich ftei, als er auf die in du Reserve stehenden 
Bedienten loslief, und obwohl diese sich schleunigst zu retten suchten.
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.