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Periodical volume 9. October 1880, Nr. 2

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Misrellen. 
Am Kalleschen Thore. (Siehe Illustration Seite 22 und 23). 
Es sind gerade 100 Jahre her, da schrieb Friedrich Nicolai über 
die Gegend am und vorm Halleschen*) Thore das Nachfolgende: 
„An diesem Thore ist, außer der gewöhnlichen Thorwache, die 
Hauptwache des Zietcn'schen Husarenregiments. Hinter dem 
Rondelc rechter Hand des Thors ist eine Kaserne für das Möllen- 
dorf'sche Regiment, 1767 erbaut, weshalb die Stadtmauer über 
dem dicht vor dem Thore fließenden Floßgrabcn oder Landwehr- 
graben rechter Hand herausgerückt ist. Weiter hinaus, an dieser 
Seite an der Mauer sind die Krankenhäuser des Herzog Friedrich- 
schen und Braun'schen Regiments. An der Mauer linker Hand 
ist das Krankenhaus des Möllendorf'schen Regiments und weiter 
herunter das Magazin für das Zieten'sche Husarenregiment. 
Dicht vor dem Thore geht über den Floßgraben eine Brücke — 
man nennet sic ohne Grund die steinerne Brücke — und noch eine 
zweite über einen im Jahre 1733 von Sr. Excellenz dem Staats- 
ministcr von Blumenthal veranstalteten Abzugsgraben.**) Gleich 
linker Hand liegt ein „königlicher Holzmarkt" dicht am Floßgraben 
(jetzt Platz zwischen Waterloo- und Planufcr), weiterhin linker 
Hand eine „holländische Grütz- und Mahlmühle" nebst dazugehö 
rigen Wirthschaftsgebäuden und Gärten. Die Gebrüder Ephraim 
haben sie 1764 neu erbauen lasten. 1783 kaufte sie der Bäcker 
Herr Goldhammcr, am Dönhoff'schen Platze wohnhaft. Der Ort 
hieß vorher der Johamiistisch! 
Weiterhin liegt der Kirchhof für die Friedrichsstadt, er liegt 
vor dem Holzplatze, ferner die Barth'schc Kattunbleiche und 
Garten rechter Hand (da, wo jetzt die Rothcrstiftung sich befindet). 
Vom Thore ab führt eine einfache Allee nach den Tempelhof'schen 
Bergen. Am Wege befindet sich der „dustere Keller", ein Erdfall 
zwischen den Bergen. Er ist angenehm mit Bäumen bepflanzt. 
Weiterhin die „HasenHaide", ein Fichtenholz. Diese Haide ent 
hielt um 1650 viel Eichen und Bauholz und war sonst viel größer. 
Zwischen den Tempelhofschcn Bergen und dem Dorfe Tcmpelhof 
ist der Platz, wo jährlich die Musterung der in und um Berlin 
liegenden Regimenter gehalten wird. — 
So das Bild des Halleschcn Thores und seiner Umgebung vor 
100 Jahren. 
Hören wir nun, was Fidicin 60 Jahre später über dieselbe 
Gegend schrieb: Vor dem Halleschcn Thore ist sogleich links 
an der Mauer zwischen dieser und dem Landwehrgraben eine 
Straße mit 8 bebauten Grundstücken, auf welchen sich verschiedene 
größere Fabrikanlagen und die im Jahre 1826 eingerichtete Gas- 
bereitungsanstalt befinden. Jenseits der am Thore befindlichen 
Brücke theilt sich sogleich der Weg nach verschiedenen Richtungen: 
links führt eine mit wohl gebauten Häusern besetzte Chaussee (die 
Pionierstraße) zur Hasen Haide, einem Fichtengehölz auf einer 
Anhöhe, 'A Stunde von der Stadt, in der sich die zum Theil 
mit großem Fleiße angelegten Schießstände mehrerer Truppcnab- 
theilungen, und am Saume dieses Gehölzes mehrere Sommer 
wohnungen der Berliner und Kaffeehäuser befinden, die besonders 
des Sonntags sehr stark besucht zu werden pflegen. Die Hasen- 
Haide gehörte in älterer Zeit den Gemeinden Tempelhof und 
Rixdorf, kam im 17. Jahrhundert in den Besitz der Kurfürsten 
und ward zu einem Wildgarten bestimmt, woher ihr heutiger 
Name rührt. Links von der Pionicrstraße führen mehrere 
Wege zum sogenannten Plane oder der Schlächterhütung. 
*) Anmerkung der Red. Das HaUesche Thor selbst war unter 
Friedrich Wilhelm 1. im Jahre 1734 angelegt worden. Die Maner ist 
zwischen 1733—38 gebaut worden. 1706 endigte die Friedrichsstadt noch 
mit der Mauer- und Junkerstraße. 
**) Die Karten aus dem Jahre 1780 zeigen noch 2 Gräben ani 
Hallschen Thore. 
Dies ist eine sich zum Rixdorfer Damme hinziehende Wiesenfläche 
von 268 Morgen, welche nördlich vom Landwehrgraben und südlich 
von der Hasenhaide begrenzt wird. Sie gehört der Stadtcommune 
und dient zur Viehweide für das Vieh der Berliner Schlächter 
und der Gemeinde Tempelhof. In älterer Zeit war dieser Plan 
mit Gebüsch bedeckt, von dem ein Theil, der Comthurbusch, 
den Namen vom Ordenscomthur in Tempelhof führte, wie denn 
auch eine Besitzung zwischen der Wiese und der Pionierstraße, der 
Johannistisch, an den Johanniterorden erinnert, der diese 
Gegend als Tisch gut besessen zu haben scheint. 
Der zweite Weg vom Thore führt über den Kreuzberg und 
Tempelhof die Poststraße nach Trebbin, Luckenwalde re., die eine 
Meile chaussirt ist. Von der Tempelhoferstraße (Bellealliance- 
straßc) führt die Bergmannstraße am Fuße der Tempel hofer 
ber ge zur Hascnhaide hin. Für die Einwohner Cölns hatten 
diese Berge, wegen ihrer Lehmgruben, schon im 13. Jahrhundert 
Wichtigkeit; wie sich denn auch bei denselben eine Ziegelei befand, 
die im Jahre 1290 den grauen Mönchen zur Erbauung ihres 
Klosters mit der Kirche von einem Ritter von Nybede geschenkt 
wurde, und der sogenannte dustere Keller, die älteste Lehm 
grube, die villeicht zu den ersten Hütten Cölns das Material lieferte, 
gewesen zu sein scheint. Im 16. Jahrhundert befanden sich auf 
diesen Höhen Weinberge des Kurfürsten und cölnischer Bürger, welche 
letztere der Gemeinde in Tempelhof dafür Zins geben mußten. 
Sie gingen nach und nach ein und gegenwärtig (1842) befinden 
sich daselbst einige Gastwirthschaften, eine chemische Fabrik, eine 
Meierei re. Neben dem Kreuzberge, zwischen diesem und dem Wege 
nach Tempelhof, befindet sich Tivoli, ein von den Gebrüdern 
Gcricke im Jahre 1829 hergestellter Vergnügungsort, welcher 
dem gleichnamigen in Paris nachgebildet ist. Diese An 
lage führte zugleich die Erbauung einer Menge von Sommerhäuschen 
herbei, welche neben zierlichen Gärten den sonst unerfreulichen 
Sandbcrg bedecken. 
Außer jenen beiden chaussirten Straßen führen noch zwei 
andere Wege rechts ab vom Halleschen Thor. Ueber die Hirschel 
brücke gelangt man zur Hirschelstraße, welche an der Mauer 
von der Hirschelbrllckc zum Anhaltischen und Potsdamer Thore 
läuft; und ferner über das Feld und die Anhaltische und Pots 
damer Eisenbahn, über die Potsdamerstraße hinweg und bei der 
Fasanerie hinterm Thiergarten vorüber zum Dorfe Lietzow hin, 
läuft der bisher sogenannte Lietzower Weg, der zwischen dem 
Halleschen Thore und der Potsdamcrstraße im vorigen Jahre 
(1841) den Namen Lietzowerwcgstraße erhalten hat. (Ich be 
merke, um Irrthum zu vermeiden, daß diese Beschreibung sich auf 
den Straßenzustand vor der Regulirung des Canals bezieht). In 
der Nähe des Halleschen Thores (am Canal) befindet sich die im 
Jahre 1825 von einem wohlthätigen Vereine gegründete Erziehungs 
anstalt für sittlich verwahrloste Knaben und Mädchen. (Kam 1867 
von dort weg, das Terrain, bis zur Lankwitz- und Teltowerstraße 
gehend, wurde parcellirt). Weiterhin ist die Straße erst in neuerer 
Zeit bebaut worden. Früher sind dagegen schon die in der Nähe 
der Pvtsdamerstraße belegenen Häuser, von welchen wir besonders 
die Hänel'sche Buchdruckerei nennen, entstanden." 
So ivar also der Zustand der Straßen vor und bei dem 
Halleschen Thore einmal vor 100 Jahren und dann vor 
40 Jahren. 
Mit der Regulirung des Canals und besonders mit dem Bau 
der Kaserne des ersten Garde-Dragoner-Regiments kam eine größere 
Baulust über die Grundstücksbesitzer der Tempelhofcrstraße, wie 
dieselbe bis 1867 hieß. Ebenso wie die Colossalbauten der Kasernen 
längs der Pionierstraße die Privatbauthätigkeit dort anspornten. 
Zunächst entwickelte sich der Straßcnzug am Canal, dann die Tel 
towerstraße, Bülow-, Baruther-, Nostizstraße. Die Bellealliance 
straße endete an der Bergmann- und Kreuzbergstraße, von da ab
        
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