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Periodical volume 19. März 1881, Nr. 25

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Scharben, den Beiden durfte ich meines Kindes Schicksal an 
vertrauen. Daß ich es nicht wiedersah, legte ich mir als Strafe 
auf, denn mit dem Alter war mir bessere Einsicht gekommen; 
ich sah Alles, was ich gethan in anderem Lichte, aber ich sah 
auch, daß an meine Fersen sich das Unglück heftete. Und was 
sollte ich meinem Kinde antworten, wenn es mich fragte: 
„Wer bist du eigentlich?" Sollte ich ihm sagen: ein Mörder! 
Ihr, die Ihr dies Bekenntniß lest, verbrennt es und vergrab 
es in Eurem Herzen, lastet mein Kind nicht erfahren, wer ich 
war; aber ich theile es Euch mit, damit die ungerechte Schmach 
von meines Oheims Namen genommen werde- Lastet Antonia 
Lindholz und ihre Tochter wiffen, daß Peter Lindholz von 
meiner Hand gefallen ist. Ich weiß, daß mein Bruder 
Antoniens Kind geheirathet hat, mein armer alter Vater 
wollte sühnen, was er an seinem Bruder verbrochen, dadurch, 
daß er mein Verbrechen ihm auflud, wenn Ihr dieses leset, 
bin ich todt, aber ich hoffe zu Gott, Ihr werdet mir vergeben, 
ob auch er, der Herr über Lebende und Todte mir vergeben 
wird, ich weiß es nicht, aber ich hoffe es von seiner 
Barmherzigkeit." 
(Fortsetzung folgt.) 
Andreas Schlüter. 
Von Fenlinimil stieget. 
(Hierzu Illustration Seite 302, 303.) 
Das Haus in der Brüderstraße Nr. 33, Ecke der Neumanns 
gaste, trägt in den Nischen der obersten Etage vier Kolostalbüsten. 
Sie gemahnen uns, als äußerer Schmuck seiner Wohnstätte, an 
den Genius eines der gewaltigsten unter den unsterblichen Bildnern, 
an den nordischen Michel-Angelo — Andreas Schlüter. 
In Hamburg 1662 geboren, zog er in früher Jugend mit 
seinem Vater, einem unbedeutenden Bildhauer, nach Danzig und 
trat daselbst bei dem Meister David Sapovius in die Lehre. 
Von Warschau, wohin ihn König Johann Sobieski von Polen 
seit 1691 in seine Dienste berufen, folgte er 1694 einer Ein 
ladung des Kurfürsten Friedrich III. als Hofbildhauer, mit einem 
Gehalte von 1200 Thalern, nach Berlin. Im Jahre 1699 zum 
Schloßbau-Direktor mit einer Zulage von eintausend Thalern er 
nannt, ist sein Meisterwerk die prachtvolle, reich und symmetrisch 
verzierte südliche Fagade des Schlosses, in dessen Innern er, na 
mentlich durch die Ausschmückung des Rittersaales, dessen Haupt 
verzierungen von ihm eigenhändig in Stuck gearbeitet sind, seinen 
schöpferischen Geist ebenfalls bekundet; ferner das Corps de Logis 
des Schlosses zu Charlottenburg und die dortige Orangerie. Dann 
das Palais für seinen späteren Gegner den Grafen von Warten 
berg, Burgstraße Nr. 7, und die heutige Loge „Royal Jork" in 
der Dorotheenstraße, als Wohngebäude für den Oberhofmeister 
von Kamele (1712). 
Von seiner eminenten Schöpferkraft zeugen ferner: die Statue 
Königs Friedrich I., jetzt in Königsberg, der Sarkophag dieses 
Monarchen und diejenigen seiner Gemahlin Sophie Charlotte 
sowie des Prinzen Friedrich Ludwig im hiesigen Dom; die Mar 
morkanzel in der Marienkirche, zu deren Auffteüung Schlüter den 
mächtigen Pfeiler des Kirchenschiffes durchschnitt und durch vier 
Sandsteinsäulen stützte, welche den Aufgang zur Kanzel, bilden; 
und endlich die Ausschmückung des Zeughauses, namentlich mit 
jenen weltberühmten Larven sterbender Krieger über den Schluß 
steinen der nach dem Hofe zu gelegenen Fenster. 
Gleichzeitig war Schlüter, neben dem Historienmaler Au- 
gustin Terwesten, Direkor der Akademie der Künste, nachdem er 
im Jahre 1696 sich nach Italien begeben hatte, um die besten 
Abgüsse berühmter Bildwerke zu erwerben. Denn der Kurfürst 
wollte in seiner neuen Akademie auch das Studium der Antike 
einführen. 
Vor Allem aber ragt des Meisters Werk, als ein Triumph 
der bildenden Kunst in Erz, vor uns auf: die Reiterstatue des 
Großen Kurfürsten, mit dem Gesammtausdruck des Wirkens 
und Denkens dieses verewigten Herrschers. 
Schlüter begann das Werk im Jahre 1697 — zunächst mit 
einem drei Fuß hohen Modell, das von dem Stückgießer Johann 
Jakoby in Bronze ausgeführt ist. Hierauf modellirte er in 
kolossalem Maßstabe das Streitroß und den Reiter, im Kostüm 
eines römischen Imperators mit Waffenrock und Mantel dargestellt, 
den Kommandostab in der Rechten haltend, den Blick gerichtet 
auf den damals unter des Künstlers Leitung zu neuer Pracht und 
Größe sich gestaltenden Herrschersitz. 
Ueber das Original des Rosses und besten Modellirung 
berichtet die Chronik wörtlich: „Um nun ein recht ausnehmendes 
Urbild und Muster zu erhalten, wonach diese Bildsäule eingerichtet 
werden könnte, so wurde des kurfürstlichen Herrn Bruders, des 
Markgrafen Philipp Wilhelms Reitpferd und dessen Abschilderung 
zu Grunde gelegt, welches nach dem Urtheil aller Pferdekenner 
fast alle Schönheiten an sich hatte, die von einem fürstlichen, 
munteren Reitpferde erfordert werden, so daß es für das voll 
kommenste Gewächs in seiner Art gehalten wurde. Dieses schilderte 
der damals in großem Rufe stehende Maler Merk in dem hinter 
| dem Mühlendamm vor der Fischerbrücke belegenen Fischbeck'schen 
Hause (der Wohnung des Künstlers) ab. Wenn das Pferd zur 
j Parade oder zum Zeichnen stehen sollte — welches in einer Stube 
geschah, — so wurde es vorher geritten und warm gemacht, damit 
die Adern sich desto deutlicher zeigen möchten. Nach dieser Zeich 
nung bildete der Ober-Bau-Direktor Schlüter ein Muster in der 
erforderlichen Größe aus Gyps." 
Der kurfürstliche Stückgießer Martin Hinze lehnte den Guß 
der Reiterstatue aus einem Stück, zu welchem 350 Centner Metall 
erforderlich waren, ab, und so erbot sich der Ober-Inspektor 
Johann Jakoby zur Ausführung desselben. 
In Hessen-Homburg geboren, wanderte Jakoby als simpler 
Schmiedegeselle nach Frankreich, woselbst er in einer königlichen 
Eisengießerei Beschäftigung fand und von dem berühmten Balthasar 
Keller in der Kunstgießerei unterrichtet wurde. Im Jahre 1697 
nach Berlin berufen, war seine erste Arbeit der Guß der Statue 
des Kurftirsten Friedrich 111., ebenfalls nach Schlüter's Modell, 
welche gegenwärtig in Königsberg ausgestellt ist. Die Tradition, 
daß der eingewanderte unbekannte Künstler zuerst in einem Wein 
keller von der erwähnten Ablehnung des Stückgießers Hinze ge 
hört, und sich hierauf zum Guß der Reiterstatue des Großen Kur 
fürsten erboten habe, wird nach dem Voraufgeführten genugsam 
widerlegt. 
Die baulichen Verhältnisse der Stückgießerei in dem ehe 
maligen Bollwerke hinter dem Zeughause ließen indessen die Sicher 
heit des Gusses als gefährdet erscheinen, und so nmßte Schlüter 
auf derselben Stelle ein neues Gießhaus erbauen. Hier erfolgte 
am Nachmittage des 22. Oktober 1700 der Guß der Reiter- 
statue, in Gegenwart des Markgrafen Christian Ludwig und des 
ganzen Hofes. Am 6. November wurde die Form zerschlagen 
und von dem Kurfürsten, noch vor seiner Abreise zur Königs 
krönung, das wohlgelungene Werk in Augenschein genommen. 
Bei dieser Gelegenheit veranstaltete Jakoby eine Festlichkeit für 
seine Arbeiter, während welcher sechs derselben durch eine Oeff- 
nung in das Standbild hinabstiegen, sich daselbst „bequem" aus 
stellten und ein Glas Wein leerten. Zugleich wurde mit beson 
derer kurfürstlicher Genehmigung durch eigens zu diesem Feste ver 
fertigte „Kammerchen" gefeuert.
        
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