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Volume 12. März 1881, Nr. 24

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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Vvnderz2^ V?oclieib77., 
Citiaefommener geitmigen Milrvochischer 
POSTILION. 
Correspondenzen aus Venedig, Wien, Cleve, Autorff, Trier, Elsaß, 
Deventer, Nymwegen, Antwerpen, Kopenhagen, Stralsund (die 
Unsrigen mit den Schweden). Ich gebe hier eine Probe von 
der Schreibweise: 
„Aus dem Churs. Brandend. Lager für Stettin, am 
5. October 1677. Seither meinem letzten haben wir uns be 
mühet, sowohl mit der Sappe | als mit der Gallerte immer weiter 
in den Graben zu avanciren I der Feind aber thut noch immer 
alle mögliche Resistenz, und weill'n man sich von beiden Seiten 
so gar nahe ist so wirfft man mit Steinen aufeinander | wenn 
man sich verschossen hat. Heute haben die Unsrigen unter 
dem Fuß des Ravelins nahe bei dem Wasser für dem Heil. Geist 
Thore | eine Mine springen lassen j welche guten Effekt gethan j 
der Feind machet zwar zum öfteren Minen zum Ausfallen | 
aber | sobald er die unsrigen alert findet | kehret er wieder zurücke. 
Das eingefallene böse Wetter machet unsere Arbeit etwas schwerer 
es kann aber doch nicht lange mehr wehren | und vermeynen alle 
Kriegsverständige, daß der Feind nun bald von capituliren 
sprechen werde". 
Eine Correspöndenz aus Zell vom 6. November 1688 schreibt: 
Gestern Mittag, als I. Churfürst!. Durchlaucht von Brandenburg 
zu Burgdorff, drei Meilen von hier Mittagsmahl gehalten, 
haben Sie durch einen Courier Zeitung erhalten, daß die hol 
ländische Flotte in Engelland glücklich auf der Revier 
Tems in den Haven Lie gelandet. 
Und eine weitere Meldung „Haag vom 21. November" be 
richtet: „Man hat allhier Zeitung, daß Seine Hoheit der Herr 
Printz von Oranien in dem Westen von Engelland gelandet sei 
an den Orten Tordan und Darthmouth und habe Ihrer 
König!. Hoheit der Frau Prinzessin wissen lassen, daß er den 
Dienstag seine Miliz glücklich ausgesetzt und Seine Flotte der 
Englischen entgengesandt, umb zu sehen, ob dieselbig sich mit ihr 
conjungiren oder schlagen werde. Hiervon erwartet man all Tage 
mehr Partikularitäten." 
Wir sehen, diese Nachrichten sind gut und klar geschrieben. 
Die Berliner Zeitungen vor zweihundert Jahren bedienten ihr 
Publikum mit Nachrichten, „mit Zeitung", nicht schlechter als 
heute. Und um eins waren unsere Vorfahren besser daran als 
die heut Lebenden. Die damaligen Zeitungen hatten noch kein 
geistreichelndes Feuilleton. 
Die Kriegsthaten Friedrich Wilhelms schufen noch eine weitere 
Zeitung „Die Fama", von der sich die Jahrgänge 1677, 1679, 
1680, 1681, 1684, 1686, 1687, 1688 und 1703 auf der hiesigen 
Königlichen Bibliothek befinden. 
Ich gebe auch aus dieser Zeitung eine Probe. Da heißt es 
zum Beispiel: „Eingekommener Zeitungen Sonntagische Fama" — 
oder „Montagische Fama" rc. (lautete der genaue Titel): 
„Aus Genua 9. Martii 1680. Es wird gemeldet, daß 
man einen Türkischen Seeräuber bei Monte Christo gesehen, 
also, daß unsere Kaufleute sehr stir ihre Schiffe besorgt sind, und 
noch für 17 Algierische Räuber, welche unlängst von dannen aus 
gelaufen." 
Heute melden unsere Zeitungen derlei Nachrichten „aus den 
chinesischen Gewässern", das ist der ganze Unterschied. Aus der 
selben Zeitung mögen noch weitere Nachrichten folgen. Zunächst 
möchte ich noch an einem Beispiele anführen, wie schnell diese 
Nachrichten gemeldet wurden. Die erste Nummer der „Fama" 
vom Jahre 1686, die also am 2. Januar gedruckt worden ist, 
bringt Correspondenzen aus Rom vom 8. December, also drei 
Wochen alte Nachrichten, aus Preßburg vom 21. December und 
aus Augsburg vom 27. December. Die „Fama" von 1703 
hat dieselbe Vignette wie die von 1677. Hier einige Proben: 
„Paris, vom 24. Dec. 1702. Die Hertzogin von Bur- 
gundten, so einige Tage bettlägerig gewesen, lebet in so weit 
restituiret, daß sie verwichenen Donnerstag in einem schwartzen 
mit Diamanten aufgezirten Kleide sich hat sehen lassen." 
„Dörpt (Dorpat) vom 9. Dec. 1712. Es wird durch Briefe 
gemeldet, daß der böse Patkul soll zuOndawa mit 10.000 Mann 
stehen, meistens deutsche Officiere, und dem Czaar versprechen, 
alles was noch in Lievland übrig, zu ruiniren, und seine Leute 
schon zu versorgen. Es wird bekräftigt, daß der Feind bis Piscow 
fertig stehen soll, sobald sich nur die Bäche legen, mit einigen 
1000 Schlitten hcreinzukomnren. 
„Moselstrom vom 10. Januar. Die Frantzoscn haben 
den 8ten gegen Abend 7 Schiffe mit etliche 100 Mann besetzt, 
nebst allerhand Kriegsnothwendigkeiten, die Mosel herunter aus 
Trarbach gehen lassen. Nachdem sie aber Bernkastell vorbei 
passirt, haben die allda liegende Hussaren tapfer auf sie gefeuert 
rc. rc. und die Frantzosen gefangen." 
Eine weitere Berliner Zeitung hatte den Titel: die „Ber 
liner Einkommende Ordinari und Postzeitungcn". (Siehe 
den nachfolgenden Facsimiledruck des Kopfes dieser Zeitung), welche 
LLLLLLÜLQLÜLLLLLLL 
A,moiess. XXII Woche fso CXXXV'III. 
® .(Sinfcrmmrabe&eMnnriuiiö PostMungen. 
zweimal wöchentlich, Mittwoch und Sonntag erschienen. Auf der 
König!. Bibliothek befinden sich die Jahrgänge 1655, 1665, 1666, 
1676 und 1677 von dieser Zeitung. 
Hier eine Probe aus dem Jahre 1655, und zwar eine „lo 
kale Nachricht": „Den 30. April J655 und 9. Maji ist zu Cöln 
an der Spree in der Thumbkirche zur h. Dreifaltigkeit der junge 
Churprintz mit großer Solennität getaufft worden, war trefflich 
kostbar angethan, da man sagen will, daß dessen Schmuck über 
eine Tonne Goldes an Wehrt gewesen, und sind Se. Durchlaucht 
in gemeldten Taufe Carolus Aemilius genannt worden. Gott 
verleihe deroselben langes Leben und zu seiner Zeit eine glückselige 
Regierung*). 
MER CUR1US, 
Im f. Ttzoche 1666. gehörig. 
In der 22. Woche des Jahres 1665 kündigte dieses Blatt 
ein Beiblatt an mit diesem Prospekt: 
„Es wird hiermit den Liebhabern der Zeitungen zu 
wissen gemacht, daß künfftig ] weil es mehr Materii in 
*) Anm. der Red.: Kurprinz Carl Emil starb bekanntlich, 19 Jahre 
alt, 1674. Er war der zweite Sohn des Großen Kurfürsten, sein älterer 
Bruder war 1648 geboren und 1649 gestorben.
	        
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