Path:
Periodical volume 9. October 1880, Nr. 2

Full text: Der Bär Issue 7.1881

24 
Die innere künstlerische Ausschmückung des berliner 
Rathhauses. 
Von fttifinoms 
Seit 1870, also seit einem vollen Jahrzehnt, tagen die Ge 
meindebehörden von Berlin in dem neuen Rathhause. Auch heute 
noch steht dieser Prachtbau jedoch unvollendet. Derselbe entbehrt, 
außer in seinen beiden Sitzungssälen, den Festräumen und der 
Bibliothek, noch durchaus des inneren künstlerischen Schmucks, 
ohne den das Nathhaus der Hauptstadt des Druschen 
Reichs und der drittgrößten Stadt Europas schlechter 
dings nicht gedacht werden kann. 
Eine gemischte Deputation, welche die innere und äußere Aus 
schmückung des Nathhauses vorberathen und die betreffenden Vor 
schläge dem Magistrat und der Stadtverordneten-Versammlung 
zur Begutachtung und Beschlußfassung unterbreiten sollte, ist bereits 
am 5. Februar 1863 eingesetzt worden. Der Voranschlag für die 
Gesammtausschmückung war von dem Erbauer desselben, dem Bau 
rath Wäsemann auf 200,000 Thlr. bemessen worden, wovon 
100,000 Thlr. von dem Baukapital rcservirt behalten werden sollten, 
von denen 21,000 Thlr. zur Ausschmückung der Sitzungssäle und 
der Festräume gleich bei Fertigstellung des eigentlichen Baues eine 
Verwendung gesunden haben. Nach einer endlosen Folge von 
Kommissionssitzungen und der wiederholten Einsetzung von Sub- 
kommissionen, wie nach dem Eingehen der von einer großen Zahl 
namhafter Künstler, Kunstgelehrter und Geschichtsforscher eingefor 
derten Gutachten erfolgte in der Kommissionssitzung vom 28. Juni 
1860 die definitive Feststellung des Entwurfs zu der inneren und 
äußeren Ausschmückung. Im Anschluß hieran wurde von der da 
mals der Stadtverordneten-Versammlung noch beigeordneten Geld 
bewilligungs-Deputation der Antrag gestellt, daß zur Ausführung 
der in Aussicht genommenen künstlerischen Arbeiten 105,074 Thlr. 
aus der für den Bau des neuen Rathhauses gemachten Anleihe, 
73,726 Thlr. aber aus den laufenden Einnahmen entnommen 
werden sollten, womit sich unter Hinzurechnung der schon vorweg 
zu dem gedachten Zweck bestimmten 21,000 Thlr' die beanspruchte 
Summe gedeckt befunden haben würde. Bereits in ihrer Sitzung 
vom 11. November 1869 entschied sich jedoch die Stadtverordneten- 
Bersammlung sowohl für die Ablehnung der beanspruchten Geld 
bewilligung wie des ganzen Ausschmückungsplans, wobei der 
Magistrat von derselben zugleich ersucht wurde, die künstlerische 
Ausschmückung des Rathhauses vorerst auf die mit der architekto 
nischen Vollendung des Baues in einem unmittelbaren Zusammen 
hang stehenden Arbeiten, und speciell auf die für die Balkon- 
brüstungen des Rathhauses bestimmten Reliefs zu beschränken. 
Mit der Ausführung dieses Beschlusses hat es bisher sein 
Bewenden gehabt. Die äußere Ausschmückung ist mit der Aus 
stellung der beiden Statuen des Kurfürsten Friedrichs I. und des 
Kaiser Wilhelm in den Nischen über dem Hauptcingangsportal 
und der Einfügung der Reliefs in die Balkonbrüstungen jum Ab 
schluß gelangt. Die endliche Ausnahme auch der inneren Aus 
schmückung herbeizuführen, ist hingegen in den vollen zehn Jahren 
seither nur einmal versucht worden, woraus später zurückgekommen 
werden mag. 
Es ist eine seltsame Lage, in welche sich diese Angelegenheit 
gegenwärtig versetzt befindet. Die beiden Grundbestimmungen des 
1869 in den vorbezeichneten Kommissionen zur Feststellung gelangten 
Ausschmückungsplanes siitd nämlich durch die Reliefs der äußeren 
Ausschmückung und durch die großen Ereignisse der Jahre 1870/71 
vollständig überholt. Die Entscheidung war in der Kommission 
dahin gefallen, daß Darstellungen aus der Stadt- und Staats 
geschichte die Gegenstände des künstlerischen Schmucks an und im 
Rathhause bilden sollten. Als Beschränkung wurde dem jedoch die 
Bedingung hinzugefügt, daß die Wahl der Stosse nicht über 
den Regierungsantritt der Hohenzollern zurückgreifen 
dürfe, und mit den Befreiungskriegen abschließen müffe. Die 
Reliefs umfassen jedoch einerseits die ganze Geschichtsentwicklung 
der Marken und des preußischen Staats von der Wendenzeit bis 
zur Siegesfeier von 1870, und andererseits bleibt nach der Wieder 
ausrichtung des Deutschen Reichs doch unmöglich daran zu denken, 
daß in dem Rathhause der Hauptstadt desselben dessen Bilderschmuck 
mit den Befreiungskriegen seinen Abschluß finden könnte. 
Im Hinblick aus diesen letzten Umstand muß es somit eigent 
lich als ein Glücksfall erachtet werden, daß jener Ausschmückungs 
plan nicht zur unmittelbaren Ausführung gelangt ist. Der Sach 
verhalt mit den Reliefs stellt sich gegenwärtig aber dahin, daß 
wenn die geschichtliche Darstellung als Grundschmuck für die inneren 
Räume des Rathhauses festgehalten werden soll, jetzt kaum noch 
ein größerer Geschichtsmoment der Berliner, der brandenburgischen 
und der preußischen Geschichte vorhanden ist, der nicht bereits auch 
in diesen Steinbildern an der Außenfläche des Gebäudes seine 
Ausnutzung gesunden hätte. 
Darüber, daß jener Plan in der Beschränkung auf die Be 
freiungskriege eine Erweiterung erfahren muß, kann unmöglich ein 
Bedenken obwalten. Ein erster Blick auf die leeren Nischen im 
Vestibül der großen Eintrittshalle, aus die so unschön hervortreten 
den, nackten, grauen Wandslächen des zweiten Treppenhauses und 
aus all die anderen Wandflächen und Superporten, die unbedingt 
einen künstlerischen Schmuck beanspruchen, drängt hingegen jedem 
urtheilsfähigen Besucher des Berliner Rathhauses mit absolut 
zwingender Gewalt die Ueberzeugung auf, daß dieser thatsäch 
lich einer Weltstadt unwürdige Zustand in dem Central 
punkt des städtischen Lebens derselben unmöglich noch 
länger aufrecht erhalten zu werden vermag. Auch bliebe 
jetzt, wo die großen Ansprüche, welche das riesige Anwachsen der 
Stadt an deren Finanzstand und an die Steucrkrast ihrer Bevöl 
kerung erhoben hatten, für beinahe sämmtliche zunächst geltend ge 
machten und als unabweisbar anerkannten Forderungen entweder 
bereits ihre Befriedigung gefunden haben, oder sich doch in einen 
normalen Verlaus übergeleitet erweisen, für eine noch längere Ver 
zögerung der Erfüllung dieser Ausgabe um so weniger eine Ent 
schuldigung abzusehen, als sich die hierzu zunächst benöthigten 
Mittel in dem Rest jener vorerwähnten von der Bauanleihe reser- 
virten Summe noch vorhanden finden müssen. 
Selbst wenn dem nicht so sein sollte, würde darin jedoch ein 
Grund, auch ferner noch von der Erfüllung dieser Aufgabe abzu 
sehen, nicht gesehen werden können. Auch hätte ein noch längeres 
Hinausschieben dessen, was schließlich unabweisbar doch geschehen 
muß, einfach keinen Sinn; denn die verhältnißmäßig geringe Auf 
wendung, um die es sich hier handelt, und die sich überdies auf 
den Zeitraum von Jahren vertheilen würde, wird von einem so 
großen und gewaltigen Gemeinwesen wie Berlin immer und zu 
jedem Zeitpunkte ohne jede Beschwer aufgebracht und getragen 
werden können. 
So unwesentlich die Frage der Beschaffung der Geldmittel 
gefaßt werden kann, so groß muß hingegen die Schwierigkeit er 
achtet werden, welche die Wahl der zur bildjlichchi Darstellung 
geeigneten Ges chichtsmomenteder Ausführung der inneren Aus 
schmückung unseres Rathhauses schon entgegengestellt hat und jetzt mit 
der nunmehr nothwendig gewordenen Erweiterung des 1869 festge 
stellten Ausschmückungsplans ohne Zweifel wieder entgegenstellen 
wird. Auch muß in dieser Schwierigkeit vor allem Andern gewiß die 
Hauptursache erkannt werden, welche eine Wiederaufnahme dieser 
Angelegenheit so lange verzögert hat. Berlin besitzt, namentlich 
in dem Zeitraum von 1448 bis zur uninittelbaren Gegenwart 
keine Geschichte, die, groß an sich, zu einer bildlichen Darstellung 
einzelner besonders hervorragender Momente, etwa wie die von 
Wien, Köln a. Rh., Prag, Magdeburg gleichsam von selber her
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.