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Volume 5. März 1881, Nr. 23

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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daß sie Heinrichs Mörder kenne, sie behauptet, ein Gegen 
gift zu besitzen —" 
Levin winkte dem Oberstwachtmeister. Sie hoben die 
Ohnmächtige auf und gaben ihr Frau Antonia, die sich 
einigermaßen erholt hatte, als Wärterin; der Oberstwacht 
meister aber schritt als Wache vor dem Gemache auf und ab; 
er war noch mehr, als die Andern überzeugt, daß Clotildc 
der blutigen That nicht fern stehe, denn er kannte ja am 
Besten die Beziehungen, in denen Clotildc einst zu Heinrich 
gestanden hatte. 
Joachim von Nippern hatte unterdesicn Lottchens kalte 
Hand geküßt und mit dem ihm eigenen ernsten Wohlwollen 
gesagt: 
„Der Junker von Scharben hat mich auf Bitten des 
Fräuleins von Fehr hierher geholt, und mir berichtet, was 
heut hier Schreckliches geschehen. Als einen in allerlei Wissen 
schaften nicht unerfahrenen Mann trauen sie mir zu, daß ich 
ein Mittel finden könne, gegen das unbekannte Gift, das 
Euren Gemahl in größere Lebensgefahr bringt, als die Wunde 
selbst." 
Lottchcn warf einen dankbaren Blick auf Jda, während 
Herr von Nippern die Wunde untersuchte. Lottchen stand 
mit lautschlagendem Herzen dabei, sie sah, wie der'Junker die 
Stirn runzelte und den Kopf schüttelte. 
„Wohl kenne ich das Gift," sagte er nach einer langen 
bangen Stille, „und auch das Gegengift, aber seine Bereitung 
erfordert viel Zeit und mir scheint, hier ist keine Zeit mehr 
zu versäumen." 
„Sie muß es hergeben," schrie plötzlich Lottchen und 
stürzte zur Thür hinaus; sie eilte den Flur hinauf, drängte 
den Oberstwachtmeister bei Seite und ivar im nächsten Augen 
blicke bei Clotilde, die sich in Folge der Bemühungen Antonias 
erholt hatte und theilnahmlos vor sich hin sah. 
„Gieb es mir," herrschte Lottchen die Französin an. 
„Was denn, ivas willst Du?" fragte diese. 
„Das Mittel, meinen Mann zu retten, oder ich tödte 
Dich," keuchte Lottchen. 
„Krümmt sich der Wurm nicht mehr, will er beißen," 
höhnte Clotilde, „sieh her!" 
Und ihre Hand zog ein Crystallfläschchen aus dem Busen, 
es schimmerte hell im Licht der Kerzen, Lottchen wollte sich 
darauf stürzen, aber laut lachend schleuderte es Clotilde gegen 
die Wand, daß es klirrend zerbrach, und die Tropfen umher 
spritzten. 
„Jetzt rette Deinen lieben Heinrich," höhnte Clotilde, 
schaudernd wandte sich Frau Antonia ab. 
„Teufel," sagte sie halblaut, während Lottchen wie ein 
gehetztes Wild zurückflog und den Junker beschwor, die Rettung 
ihres Mannes zu versucheil. Seltsam wars, daß mitten in 
all' diesen furchtbaren Aufreguilgcn Lottcheil nicht einen Augen- 
blick vergaß, ihrem Manne die Tropfeil ;u reichen, die Kühl 
tränke zu bereiten, die Umschläge zu machen, die von den 
Aerzten verordnet wareil. Jnstinctiv schien sie die Zeit für 
diese Dinge zu wissen. Sie blieb endlich init Jda allein ain 
Krankenbett, während Leviil sich aufs Rathhaus begab, um 
dort ailzuzeigen, ivas Jda aus dem Munde der Französin 
vernommen. Bestätigte sich der Berdacht, den er und Jda 
hegten, so mußten Balmoral und Clotidc unschädlich gemacht 
werden für iinmer. 
Joachirn von Nippern begab sich in das Zimmer, in 
dem einst Heinrichs Vater feinen dunkeln Studien obgelegen; 
auf deill Heerde ließ er sich Feuer anzünden, er suchte in den 
Gläsern und Flaschen, die da herum standen, er schickte die 
Dienstleute nach tausenderlei Dingen. Und wie er im bestell 
Arbeiten war, da glitt eine kleine, weißhaarige Gestalt ins 
Zinnner und eine dünne schwache Stimme sagte: „Vielleicht 
kann ich Euch helfen, Herr!" 
Der Juirker blickte kn kleinen Greis mißtrauisch air. 
„Wer seid Ihr?" fragte er. 
„Antori Hauenzweig ist mein Ranie," entgegnete der Alte, 
„ich bin diesem Hause verwandt und wenn ihr ein Gegen 
gift sucht gegen schwere Wunden, Herr, so findet Jhrs in 
diesem Hause!" 
„Wo," fragte hastig der Junker. 
„Gemach," meinte Ohm Anton, „erst mliß es dämmern 
in meinein Hirn, ja, Philipp, der hat's gebraut nach dein 
Recept in meinem alten Buch, in dein alten Wandschrank 
wirds steheii." 
Der alte Maiiii tastete init zitterildeil Häiideil an der 
Wand entlang; an einer Stelle gab sie seinem Druck nach 
und ein geheimes Fach ward sichtbar, in dem sich sorgfältig 
verschlossene Gläser und Flaschen zeigten. Eine nach der 
Andern nahm der Alte in die Hand, plötzlich hielt er km 
Junker eine bläuliche Phiole entgegen. „Oeffnet das Herr 
uild untersucht den Inhalt." 
Gar seltsam war die Flasche verschlossen und mit allerlei 
mystischen Zeichen versehen, die dem Kundigen sagten, wie sie 
zu öffnen sei; Joachim von Nippern mußte wohl zu den Kun 
digen gehören, denn auf einen leichten Druck seiner Finger 
öffnete sich der Verschluß und ein berauschender Duft erfüllte 
das Zimmer. 
„Er ist gerettet," rief der Junker, „das ist der köstliche 
Heiltrank, den einst ein Herr von Priort aus welschen Landen 
mitbrachte, und das Recept dazu in einen: alten Kräuterbuche 
angab, das er auf seinem Gute Hoppenrade schrieb; er war 
ein großer Wohlthäter der Menschenheit dieser Doctor Edelmann 
Habicht von Priort." 
Mit fast jugendlicher Lebendigkeit stieg der Junker die 
Treppe hinunter und begab sich mit seiner kostbaren Phiole 
in das Krankenzimmer.' 
„Trauert nicht länger, Frau Charlotte," redetete er 
die bleiche Frau an, „der greise Herr da hat mir das Rettungs 
mittel für Euren Mann gezeigt." 
„Ohm Anton," rief Lottchen überrascht, auch sie hatte 
in diesen bangen Stunden seiner vergessen, und nun kam, 
nicht von all den gelehrten Herrn, sondern von dein alten 
Stiesel die Rettung, der sich bescheiden in eine Ecke des 
Zimmers zurückzog und die Hände zuin Gebet faltete. 
Auch Lottchen betete heiß uiid innig, während Nippern 
dem Kranken die Arziiei einflößte. 
Abermals vergingen lange Stunden banger Erwartuiig, 
daim mußten sie sichs eingestehen, daß eure Besserung eingetreten 
sei. In tiefer Bewegung küßte Lottchen die Hand des Oheims; 
sie dankte Jda, die durch ihr rasches Herbeiholen des Herrn 
von Nippern bewieseir, wie ihr Kopf und Herz auf dein rechten 
Fleck staiiden. 
Ohm Anton wehrte jeden Dank ab. „Bei Philipp 
Liirdholz müßt Ihr Euch bedanken, der hat die Arznei vor
	        
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