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Periodical volume 26. Februar 1881, Nr. 22

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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„Vielleicht noch ein gut Theil mehr, wenn Ihr erlaubt," 
entgegnete Friedrich Wilhelm ernst, „und dies Jahr kann mich 
meine Mark an den sonnigsten Süden erinnern." „Gott be 
wahre uns nur von der Heuschreckenplage, die im vorigen 
Jahre noch so gnädig an uns vorüberging," meinte die 
Knrsürstin- 
„Oder vor den Schlangenzügen, die vor zwei Jahren 
solchen Schaden anrichteten," nahm eine Dame vom Hofe das 
Wort. 
„Fräulein von Wense", lachte der Kurfürst, „die Schlangen 
spukten mehr in den Kopsen; Herr Kunkel hier hat mir be- ! 
wiesen, daß diese Schlangen nur Jungen waren, die Haupt- ; 
sächlich den Kirschbäumen nachstellten und ans denen verlogene j 
Zeitungsschreiber Schlangen gemacht haben, welche irgend eine 
KriegSfurie bedeuten sollten." 
„Die Kriegsfurie kam aber doch," triumphirte Fräulein 
von Wense, „und wenn die Schlangenzüge sie nicht angezeigt 
haben, wird der gelehrte Herr auch das Erdbeben leugnen, j 
dem vor etlichen Jahren auf dem Buckow'schen Pfarracker 
die Entdeckung einer Quelle folgte, die weißen Sand aus 
stieß." 
„O, auch ein Blutqucll floß vor etlichen Jahren in 
der Mark Brandenburg"; siel der Gelehrte ein, „war aber durch 
aus kein Blut, sondern nur unschädliche Mineralien, die das 
Wasser also roth färbten; daraus lassen sich doch keine Schlüsse 
machen auf das, was dem Lande bevorsteht." 
„Glaubt Ihr wirklich, Gott der Herr schicke solche Zeichen 
umsonst", entgegnete das alte Fräulein immer heftiger, „er 
schicke uns umsonst Ungeziefer, Sturm oder auch solch seltsames 
Wetter wie in diesem Frühling?" 
„Ich glaube nicht, daß Gott das umsonst thut," erwi 
derte Kunkel sehr ernst „aber ich glaube nicht, daß wir aus 
solchen Zeichen die Zukunft lesen sollen, ich glaube vielmehr, 
daß er uns mahnen will, ihn nicht zu vergessen, und zeigen 
will, wie er allein Herr über Blitz und Stnrin, über Himmel 
und Erde." Der Kurfürst nickte, er war wohl von Herzen 
fromm, aber jedweder Aberglaube lag ihm fern, und 
darum gefiel ihm die Antwort seines Laboranten. Freilich 
könnte es scheinen, als widerspräche dem die Anstellung eines 
Laboranten, die Alchymie war doch nicht nur Aberglauben 
sondern immerhin ein wiffenschaftliches Problem. 
Ein kurfürstlicher Diener trat mit den Zeichen des grö- 
ßesten Erstaunens während dieses Gespräches herein; die 
Kurfürstin winkte ihn heran und er meldete, der Junker Levin 
von Scharben bitte um die Gnade, nur wenige Augenblicke 
gehört zu werden. 
Levin von Scharben! Jda sprang auf, sie war todbleich 
geworden und drückte beide Hände auf die ungestüm wogende 
Brust. Wo kam er, den sie erst in Monaten erwartete, jetzt 
schon her, die Ahnung von einem Unglück zuckte durch die 
heitere Seele des Glückskindes und ergriff sie zugleich ein 
solcher Wonnetaumel, daß sie sich auf den Sessel der Kur 
sürstin, die sich ebenfalls erhoben hatte, stützen mußte, um 
nicht hinaus und in die Arme des Geliebten zu eilen. 
Der Kurfürst hatte dem Diener Gewährung gewinkt, und 
Levin von Scharben trat ein, in lichtes Grau und Gold 
gekleidet, von der Sonne gebräunt und mit einem ernsten 
Ausdruck in den dunkeln Perlen - Augen, der nichts Gutes 
ahnen ließ. Was ihn aber auch bewegen mochte, über den Kur 
fürsten hinweg, alle anderen Gedanken siegreich zurückdrängend, 
flog sein Blick hinüber zu dem süßen Mädchenbildc, das aus 
großen Augen ihn ansah. Wohl zog es ihn übermächtig, sie in 
seine Arme zu schließen, die Geliebte, die so viel schöner geworden 
und doch noch ganz sie selbst war, aber rasch beugte er das 
Knie vor dem Kurfürsten, der gütig sagte: „Ihr kommt eher 
wieder, als wir Euch erwartet, aber ich wette, für Je 
mand kommt Ihr doch nicht zu früh. Was führt Euch so 
rasch hierher?" 
„Darf ich um die Gnade bitten, das Durchlaucht später 
berichten zu dürfen; ich komme hierher, betraut mit einer Bot 
schaft an das Fräulein von Fehr!" 
Der Kurfürst lachte hell auf und die Anwesenden lächelten, 
„das glaube ich, daß Euere Botschaften das Kind von Fehr- 
bellin angehen, nun unsere Durchlauchtigste Gemahlin wird 
es beurlauben, und Ihr mögt ihm unter vier Augen Eure 
Botschaft anvertrauen." 
„Vergebung, Durchlaucht," bat Lcvin, ohne sich zu erheben, 
„ich soll das Fräulein nach Berlin holen, ich bin kein Glücks 
bote." 
Der Scherz erstarb auf der Lippe des Kurfürsten, der 
Hofstaat drängte sich neugierig näher aneinander, JdaS Herz 
schlug schneller. 
„Mein erster Gang in Berlin," berichtete Scharben, „als 
ich erfuhr, der Hof sei in Potsdam, war nach dem Mvlken- 
markt zu meinem Freunde Lindholz, wo.ich hoffen durfte, Nach 
richt von meiner Mutter zu erhalten. Ich fand das Hans 
in der größcsten Verwirrung, die Frau meines Freundes war 
am Tage vorher von einem Sterbebette gekommen, die Frau 
Oberstwachtmeisterin Lindholz war gestorben, die Mägde hatten 
einen freinden Herrn ins Haus trete» sehen und etwas wie 
Streit gehört, dann war Lindholz am anderen Tage fort 
gegangen und eben hatten sic ihn heim gebracht, eine schwere 
Wunde in der Schulter." 
„Ein Duell," murinelte der Kurfürst, die Stirn runzelnd. 
„Oder ein Mord," sagte Leviu ernst; „die Frau meines 
Freundes hat den Wunsch, Fräulein von Fehr um sich zu 
haben." 
„O mein arines Lottchen," rief jetzt Jda aus, „o gnädigste 
Frau Kurfürstin, nicht wahr, ich darf zu ihr?" 
„Meine Erlaubniß hast Du," erwiderte die Kurfürstin, 
„aber Du kannst doch nicht ganz allein mit diesem jungen 
Cavalier von Potsdam nach Berlin reiten." 
„Ich will mich ihm fürs Leben anvertrauen, Durchlaucht", 
entgegnete Jda mit glühenden Wangen, „und sollte es nicht 
von Potsdam bis Berlin?" 
„Es ist wider die Sitte", wehrte die Kurfürstin ab, „es 
soll ein Wagen angeschirrt werden, eine meiner Kammerfrauen 
fährt mit Dir, und der junge Herr kann nebenher reiten, da 
könnt Ihr Euch erzählen, was Ihr Euch zu erzählen habt." 
Jda sah herzlich unzufrieden drein; was sie sich zu sagen 
hatten, das sollten sie sich in Gegenwart einer Kammerfrau, 
sie vom Wagen aus und er voin Roß herab, sagen. Daß die 
alten Leute so ganz vergessen, wie es in der Jugend war. 
Vielleicht wußte es die Kurfürstin recht gut, jedenfalls nahm 
sie ihren Befehl nicht zurück und die beiden jungen Leute 
mußten sich fügen. 
„Hat man keine Ahnung, wer der Gegner war und 
warum denkt Ihr an Mord?" fragte der Kurfürst.
        
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