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Volume 26. Februar 1881, Nr. 22

Full text: Der Bär (Public Domain) Ausgabe 7.1881 (Public Domain)

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heut der einzige Gast des Herrscherpaares war, für diese 
Auszeichnung also wohl immerhin etwas freudiger hätte aus 
sehen sollen. Es hatte aber Frau Clotilde nichts an solcher 
Auszeichnung gelegen; Valmoral war in Berlin zurückgeblieben, 
jede Minute konnte sich Heinrichs und Lottchens Schicksal 
und damit das ihre entscheiden. Wohl wußte sic, daß Lottchen 
am Krankenbett der Oberstwachtmeisterin saß, aber diese konnte 
doch auch genesen, sie fürchtete und ersehnte die Entscheidung, 
alle Gedanken und Gefühle verwirrten sich in der Seele der 
unseligen Frau, nur eins stand klar vor ihr, der Haß gegen 
Lottchen. Diese mußte aus dem Wege geräumt werden, wenn 
sie nur einen Zugang zu ihr gewußt hätte. Aber dann i 
mußte noch ein Anderer beseitigt werden, der über Lottchens 
Leben wachte, wenn auch nicht aus edelen Beweggründen; und 
auf der Bahn des Verbrechens fortschreitend in Gedanken, 
war Clotildc entschlossen, den Genossen so mancher Schuld zu 
opfern. Aber auch hier drängte sich ihr die Frage auf: ! 
Wie? Leicht ist es, Gott sei Dank nicht, verbrecherische 
Gedanken zur That werden zu lassen. Gegen Gift war 
Valmoral auf der Hut, denn Zutrauen hatten die Beiden 
längst nicht mehr zu einander, wenn auch hin und wieder ein 
Funke der alten Geschwisterliebe in ihnen erwachte. Mörder 
von Profession aber, die man hätte dingen können wie in 
welschen Landen, gab cs in der Mark Brandenburg nicht. 
Es hätte wohl kein Mensch geahnt, welche dunkle Pläne 
durch die Seele der schönen stolzen Frau gingen, denn die 
Gedanken der Anwesenden waren weit mit harmloseren, wenn 
auch nicht gerade unwichtigen Dingen beschäftigt. 
Der Kurfürst, in braunen Sammet und Gold gekleidet, 
hörte aufmerksam den Worten eines schlanken ernsten Mannes 
in dunkler Gclchrtcntracht zu, der eine crystallene Flasche 
mit einem etwas gelblich aussehenden Wasser auf einen Tisch 
gesetzt hatte, auf desicn schwarzer Marmorplatte Früchte und 
Blumen von orientalischen Achaten und edlen Steinen inkrustirt 
waren. 
„Ew. Licbden," wandte er sich an die Kurfürstin, die 
eben dem Fräulein von Fehr einen Befehl ertheilt hatte, 
„wollen Euer Licbden nicht mit anhören, was unser Laborant 
und Chvmiker Herr Johann Kunkel uns von dem neuent- 
dccktcn Gesund-Brunnen zu Frcicnwalde an der Oder zu be 
richten hat." 
Die Kurfürstin erhob sich, gefolgt von dem Fräulein von 
Fehr, das auf einen Wink von ihr auf einem niedrigen 
Tabvurct Platz nahm; denn die hohe Frau wußte, daß dem 
jungen Mädchen Alles wichtig zu hören war, ivas eine Ehre, 
Freude oder Nutzen für Mark Brandenburg sein konnte. 
Fräulein von Fehr hatte sich herrlich entwickelt, groß, 
schlank und doch fast üppig war die Gestalt, die sich in dem 
lichtblauen Kleide sehr Vortheilhaft ausnahm; blendend weiß 
Hals, Schultern und Arme; rosig die Lippen und rosig die 
Wangen wie die eines Kindes. Es war etwas so Helles, 
Leuchtendes in der Erscheinung dieser schönen Blondine, daß 
man fast geblendet wurde und doch hatte sie den eigenthüm 
lichen Reiz des Kindlichen noch so wenig abgestreift, daß 
trotz aller Schönheit noch kaum Jemand darauf gekommen 
war, ihr den Hof zu machen. Man vei-zog sie, man spielte 
mit ihr wie mit einen: hübschen Kinde, :nan neidete ihr nicht 
einmal die Gunst des Hcrrscherpaares, so großes Auffehen es 
auch anfänglich erregt hatte, als ein Mädchen den: Hofstaat i 
einverleibt wurde, das seinen eigenen Namen nicht kannte, 
und einen solchen erst vom Kurfürsten erhalten mußte. Jda 
von Fehr :var ein Kind geblieben, nur ihre Liebe war die 
tiefe echte Liebe des Weibes; sie sprach niemals von Levin, 
aber sie dachte immer an ihn, und ihre Augen leuchteten 
auf, wenn scii: Name genannt wurde; sie verzehrte sich nicht 
in fiebernder Ungeduld, aber sie war ganz sicher, daß Levin 
zurückkommen werde mit derselben Liebe im Herzen, die er 
mit fortgenommen, und Frau von Scharben, die sich freute, 
daß ihr Liebling in der heißeren Luft des Hofes dieselbe 
frische Blume blieb wie bisher, betete immer eifriger um ihres 
i Sohnes Treue, dein: sie tvußtc, daß eine Enttäuschung Jdas 
Herz brechen würde. 
„Sorgt nicht, edle Frau," pflegte Frau Antonia nicht 
ohne einen Anflug von Bitterkeit zu sagen, „die ist ein Glücks 
kind, der schlägt Alles zum Guten aus." 
„Gönnt es ihr," sagte die Johanniterin, „es giebt so 
viel unglückliche Menschen, da thut der Anblick eines Glück 
lichen wohl wie Sonnenschein in: Winter." 
Aber auch die Sonnenstrahlen schienen heller un: Jdas 
goldiges Haupt zu spielen, während sie so dasaß, die blauen 
Augen zu den: ernsten Gelehrten erhoben, der mit leiser 
wohllautender Stimnre sprach: „Die Quelle des Heil- oder 
Gesundbrunnens zu Freienwalde an der Oder ist schon etliche 
Jahre zuvor angemerket worden, indem Jedermann die an- 
uiuthige Spielung desselben mit Lust und Bewunderung an 
gesehen, weil das Wasser wie in einen: kochenden Kessel her- 
vorgetrieben, so hat doch niemand deffen Kraft gewußt. Es 
haben sich aber etliche Kranken und sonderlich mit den: Fieber 
beladene gefunden, denen der Appetit zun: essen vergangen, 
zu diesen: Wasser aber einen Appetit bekommen, und solches 
mit großer Lust zu sich genommen, auch je mehr sie es ge 
trunken, je besseren Geschmack darin gefunden, so daß die meisten 
dafür gehalten,, daß sie durch Hülfe und Mittel dieses Wassers 
von den: Fieber befreit worden. Hierauf hat der Apotheker zu 
Freienwalde Peter Gottfried Gänsichen etwas von diesem Wasser 
genommen und untersuchet und befunden, daß es eine mine 
ralische Kraft in sich hätte. Da nun das Gerücht hiervon in 
Berlin erschollen, so habe ich mich auf Euer Durchlaucht Be 
fehl nach Freientvalde begeben, das Wasser untersucht und 
eine Menge davon nritgebracht, denn auch ich erachte, daß es 
heilsam gegen Fieber und böse Flüsse." 
„So meint Ihr, ich thäte recht, das Quellwerk fassen zu 
lassen," fragte der Kurfürst. 
„Ich.nueine, daß Euer Durchlaucht damit vielen Kranken 
eine Wohlthat erzeigen würden, und ich meine auch, daß dieses 
Wasser Euer Durchlaucht selber sehr heilsam sein dürfte." 
„Können ja mal versuchen," meinte Friedrich Wilhelin. 
„Freienwalde ist ein anmuthiger Ort mit seinen Bergen 
und Nadelwäldern, er :::ahnt mich immer an das Böhmcr- 
land, ungefähr so, wie ein Nürnberger Spielwerk an einen 
wirklichen Soldaten n:ahnt." 
Ein Schatten flog über Jdas kleine Stirn, der Kurfürst 
sah cs und lachte: „Haben wir unsere Lande wieder ein 
mal zu gering geachtet, ja, ja, das Fräulein von Fehr ist 
viel stolzer, als der Kurfürst von Brandenburg." 
„Der Kurfürst von Brandenburg kennt die Welt besser 
als ich," cntgegnete Jda rasch, „aber lieb hat er seine Mark 
! doch auch wie ich."
	        
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