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Periodical volume 19. Januar 1881, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Der neue Oberbürgermeister hat die Erbschaft seines Vor 
gängers Arthur Hobrecht, der durch das Vertrauen der Krone 
zum Finanzminister berufen wurde, unter besonders schwierigen 
Verhältnissen angetreten. Auf den zweifelhaften Milliardensegen 
war damals längst der „Krach" gefolgt und die Stimmung der 
städtischen Behörden, namentlich der Stadtverordnetcn-Versamm- 
lung, eine gedrückte und pessimistische geworden. Forckcnbeck hat 
mit dem ihm eigene», vertrauenerweckenden Auftreten wesentlich 
dazu beigetragen, den Muth der Verwaltung und das Vertrauen 
in die unverwüstliche Kraft der ersten Kommune Deutschlands zu 
beleben; eingeschult auf dein Parquet der Gerichtshöfe wie der 
Tribüne der Parlamente, hat er mit sicherem Takt jeden Konflikt 
zwischen den beiden städtischen Behörden nicht nur zu vermeiden 
gewußt, sondern die letzter» zu eine»: einträchtigen, cifersuchtsloscn 
Zusammenwirken zu vereinigen gewußt, wie ivir uns dessen aus 
früherer Zeit nicht zu erinnern vermögen und wie wir es uns im 
Interesse Berlins und seiner Bürgerschaft nur für alle Zeit er- 
wünschen können. 
An Spezialämtern versieht von Forckenbeck die Stelle eines 
Chefs der städtischen Ortspolizei, eines Vorsitzenden der Deputation 
für die öffentliche Gesundheitspflege, der Deputation zur Berathung 
des Normal-Besoldungsetats, der seit dein 1. Januar 1839 be 
stehenden Sterbckasse für das Magistratscollegium, die Kommunal 
beamten und deren Ehefrauen, sowie eines Vorsitzenden des Cu- 
ratoriums der Rentier Ottoschen Stiftung für evangelische Witt 
wen von Handwerkern, Kaufleuten, Lehrern ec. Das Pcrsonalien- 
Dczernat wird von ihm allein versehen. An Gehalt bezicht der 
jetzige Oberbürgermeister von Berlin seltsamer Weise nur 
24,000 Mark, während sein Vorgänger 30,000 Mark erhielt. 
Man hat ihm gerade die 6000 Mark vorenthalten, welche man 
auf die Repräsentationsausgaben des Oberbürgermeisters zu rechnen 
gewöhnt ist. Warum hat die Stadtverordneten-Versammlung dies 
gethan? Etwa um zu sparen? Dazu ist der Betrag doch zu gering. 
Oder um ihm, falls er der Stadtverordneten-Versammlung an 
dauernd sympathisch bleibt, vielleicht später die 6000 Mark Re- 
präsentationsgelder als Zulage zu gewähren? — Wir können diese 
Anomalie nicht richtig finden; denn seit Hobrccht hat die Arbeits 
last nicht etwa abgenommen, sondern sich sehr erheblich vermehrt, 
so zwar, daß der dermalige Oberbürgermeister eigentlich eine 
höhere Besoldung als sein Vorgänger beanspruchen könnte. — 
Im Interesse Berlins und der Berliner sowie des bestehenden 
guten Verhältnisses zwischen der Hauptstadt und der Regierung 
ingleichen des Landes und des Reichs hoffen wir aufrichtig, daß 
Herr von Forckenbeck dem zwar sorgenvollen und verantivortlichen, 
aber auch innerlich wie äußerlich vollauf befriedigenden hohen 
Posten eines Chefs der Reichshauptstadt nicht so bald durch ein 
Minister-Portefeuille entzogen werden möge. F. A. R. 
Mi srrllen. 
Die lange Drücke*) und das Schloß in Merlin im Jahre 
1690. (Siehe Seite 249.) Unsere Illustration stellt, von der 
rechten Hand des Beschauers anfangend, zuerst die Grotten iin 
Lustgarten dar, woran sich das Gemäuer der neu ausgebauten 
Bibliothek anschließt. Hierauf folgt das churfürstliche Schloß, 
an dessen südlicher Seite die in den Jahren 1679—1681 von 
Nering erbaute Stechbahn befindlich. Rach diesem erscheint, viel 
leicht in etwas zu weiter Ferne gehalten, der Dom und dann 
*) An in. der Red. Vielleicht kommen wir dazu, unseren Lesern 
den höchst werthvollen Aufsatz Fidicins über „die alte Beschaffen 
heit und Ausdehnung der langen Brücke und den Standort des einstigen 
gemeinsamen Rath- und Schöppenhauses von Berlin und Köln" zur 
Kenntniß zu bringen. 
der churfürstliche Reitstall mit einem Thurme. (Meine in 
Nr. 1 geschehene Aufforderung an Berliner Forscher, zu unter 
suchen, was das für ein Thurm sei und ferner, aus welchen Jahren 
die darunter befindlichen Bauten datiren möchten, hat einen unserer 
Herren Mitarbeiter veranlaßt, an die Beantwortung dieses interes 
santen Fragezeichens zu gehen. Seine Meinung können wir in 
einer der nächsten Nummern mittheilen.) Das Haus mit einem 
Altan diesseits der Spree in der Georgenstraße (jetzigen Königs 
straße), vor welchem das Schilderhaus steht, gehörte dem damaligen 
Bürgermeister Schar den, demselben, der im Hcsckiel'schen 
Romane vorkommt. Die Spree erscheint hier, und war auch da 
mals noch viel breiter als gegenwärtig (vergl. Nicolai, Einleitung 
21, 22, 53). Die damalige hölzerne „lange Brücke" (Kurfürsten 
brücke) war also auch länger als die jetzige. 
Müchting'fcher Anclidolcnjägcr. Ist Jemand unserer Leser 
im Besitze derjenigen Jahrgänge, welche den Titelkopf des hier 
erscheinenden „Kladderadatsch" sowie die Figuren „Schultze und 
Müller" dort zuerst erscheinen ließen? Oder ist Jemand unserer 
werthen Leser in der Lage, uns nachzuweisen, wo wir die be 
treffenden Jahrgänge finden könnten. Bitte um gefällige Mitthei 
lung an die Redaktion. 
Karnickel hat angefangen. Das Wort kommt zum ersten 
Male vor in „Eigennützige Dienstfertigkeit", einem Gedichte in 
„Mixpickel und Mengemus", eingemacht von H. Lami (mit 16 
color. Steindrucken), erschienen bei Ferdinand Rubach in Magde 
burg 1828. G. B. 
Die zweite Merliner Mingöahn. Die Erfolge der alten 
Ringbahn haben einen spekulativen Mann, Herrn Baumeister 
Wesenberg, veranlaßt, sich um die Konzessionirung einer zweiten 
Ringbahnzu bewerben, welche von der Reinickendorfer Chaussee 
ihren Ausgang nehmen, dann durch die Rosenthalcr Vorstadt, 
Königstadt, Hasenhaide, Gneiscnau- und Bülowstraßc, 
über den großen Stern und Moabit zum Gesundbrunnen 
zurückführen soll. Die hierauf bezüglichen Verhandlungen zwischen 
Magistrat und Polizeipräsidium schweben noch. Die Berliner 
Handelsgesellschaft wird die Finanzirung des Unternehmens 
übernehmen, sobald die Konzessionscrtheilung erfolgt ist. 
Der Admiral mit der Jahreszahl 1881. (Siehe Bild Seite 
260.) So lange cs Admirale auf der Welt giebt, — ich meine nicht 
die College» des Herrn von Stosch, sondern die Schmettcrlings- 
admirale — trägt dieser farbenprächtige Falter auf seiner 
Rückseite nahe an der Wurzel die Zahl 18—81 in schwarzen 
Zügen. Das ist ein Naturwunder höchst sonderbarer Art und ich 
überlasse es den freundliche Lesern, aus dieser Zahl betreffs ver Be 
deutung unseres Jahres die nöthigen prophetischen Schlüsse 
zu ziehen. 
Vor mir liegt ein brandenburgischer Kalender, der gerade vor 
300 Jahren von Thurneisser in der Klosterstraße zu Berlin 
auf das Jahr 1581 herausgegeben wurde. Der verstand sich auf's 
Prophezeihen. Ich nicht. Thurneisser schrieb: 
„Mancher wolt gern die Ursach verstahn, 
Wohar man künfftig Ding zeigt an, 
Oder wie es doch möglich sey, 
Daß man glück, Unglück, Kriegsgeschrey, 
Windt, Regen, Donder, Reiff und Schnee, 
Pestilentz, Feur, Mordt und anders mer, 
Vorhin köndt sagen, ehe es beschicht; 
Dem thue in Einfalt ich den Bericht, 
Daß Gotts Geist, der alles wohl betracht. 
Ohne Zweifel nichts umb sunst hat gemacht."
        
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