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Periodical volume 19. Januar 1881, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Unter den Festen, die der Hof dem Prinzen Heinrich gab, 
feierte man in großartiger Weise das Geburtsfest des Sohnes 
Sr. K. H. des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, denn 
am 3. August 1770 war der zukünftige Thronerbe*) geboren. Dies 
Fest wäre mir indeß beinahe unheilbringend geworden. Wir 
waren ungefähr 30 Personen zu Tische, theils Leute des Prinzen, 
theils des Königs. Die Unterhaltung, die ftanzösisch geführt 
wurde, war im besten Gange und wir stellten gerade Vergleiche 
über das schöne Geschlecht der verschiedenen Nationen an. Da 
ich in Schweden war, so lobte ich die Frauen des Landes; ich nannte 
etwas unüberlegt drei Damen, von denen zwei der Königin und 
eine der Prinzessin Albertine zugehörten. Eine der Ersteren, Frl. 
Laurent, ein sehr niedliches, geistvolles Mädchen, deren Vater Forst 
meister war und an der Tafel theilnahm, diente mir zur Ver 
gleichung. Bei meiner Ankunft hatte ich den Damen meine Visite 
gemacht, meine Collegcn hatten dies aber versäumt. Diese Auf 
merksamkeit zog mir das Wohlwollen namentlich der Hofdamen 
zu. Sie erlaubten mir, sie zuweilen zu besuchen und sie ins 
Theater oder auf Spaziergängen zu begleiten. Der merkliche Vor 
zug, den sie mir gaben, stachelte Nitzkc, der mir Uebles sann, auf 
und trotz der Drohungen des Prinzen unternahm er es aufs Neue, 
sich Spöttereien über meine Person zu erlauben und fügte ironisch 
hinzu, ich wäre der Liebling der Hofdamen. Da aller Augen 
aus mich gerichtet waren, so bat ich um eine Erklärung seiner 
Worte, weil ich seinen Jargon nicht gut verstände. Er sprach 
nämlich sehr schlecht französisch, obwohl er in Paris gewesen war, 
um dort Chirurgie zu studiren. Er antwortete: „Wen es juckt, 
der kratze sich." Bei dieser neuen Beleidigung beschloß ich, er 
sollte cs bereuen, denn ich sah zu meinem Bedauern ein, daß ich 
am Hofe zu keiner Achtung kommen würde, wenn ich nicht einmal 
ordentlich durchgriffe, mochte daraus werden, was da wollte. 
Um also die Sache zu Ende zu bringen, antwortete ich: So werde 
ich das Vergnügen haben. Euch zu kratzen. Wir waren beim 
Nachtisch, als diese Scene vorfiel. Als die Tafel aufgehoben war, 
versuchten es mehrere Tischgenossen, uns zu versöhnen. Ich bot 
dazu gern die Hand, wollte aber, er sollte sein Unrecht einsehen. 
Statt zu antworten, zog er sich schnell und unwillig zurück. Ich 
folgte ihm und erreichte ihn an der Thür seines Gemaches. Hier 
erklärte ich ihm, nach dem, was vorgefallen wäre, müßte er mir 
Genugthuung geben und zwar sobald als möglich. „Dazu ist ; 
noch Zeit," sagte er, „heute nicht." „Ich werde euch daran er 
innern, verlaßt euch drauf." Dann entfernte ich mich und dachte 
darüber nach, wie ich die Sache ins Werk setzen könnte, ohne es 
schriftlich zu thun. Gespannt, wie die Dinge sich entwickeln würden, 
theilte ich de» Pagen die Geschichte mit, denn weil sie mit den 
königlichen Pagen aßen, waren sie nicht Augenzeugen gewesen. 
Sie versicherten mir, ich würde damit nicht zum Ziel kommen, 
falls ich mich nicht mit meinem Gegner boxen wollte, — (wobei 
ich aber schlecht weggekommen wäre, denn er hatte die Größe und 
die Kraft eines Riesen —). „Ich werde mich mit ihm auf Säbel 
schlagen oder ihm in der Gesellschaft eine Ohrfeige geben und 
wenn es mir an den Kragen ginge." Indeß die Sache kam ganz 
anders, als ich erwartet hatte. 
Am folgenden Morgen trat der Baron von Wreech in einer 
Aufregung bei mir ein, die mich erschreckte. Er setzte sich und 
sagte, er käme vom Prinzen, der aufs höchste gegen mich auf 
gebracht wäre; er solle sich darüber informiren, ob es wahr wäre; 
daß ich Nitzke beleidigt und gefordert hätte, denn er hätte es dem 
Prinzen so dargestellt. Man denke sich meine Ueberraschung, da 
der Wicht die Beleidigung auf mich geschoben hatte. Nichts 
konnte die Kleingeisterei dieses Menschen bester beweisen, der doch 
wohl erwarten konnte, daß ich ohne Mühe seine Lügen entlarven 
*) Anmerk. d. Red. Nachmals König Friedrich Wilhelm NI. 
würde, weil ich mindestens dreißig Zeugen hatte, die ich nun 
Herrn von Wreech zu meiner Rechtfertigung vorschlug. 
Er berichtete das dem Prinzen, der mich nach Tisch in sein 
Cabinet kommen ließ. Er war noch nicht darin, als ich eintrat; 
ich wartete also auf ihn. Als ich hörte, daß er die geheime 
Treppe heraufkam, die von den Zimmern des Königs nach seinen 
Gemächern führte, öffnete ich ihm die Thür. Er kam herein ohne 
mich anzusehen und setzte sich mir gegenüber, den Rücken an ein 
Fenster lehnend. So blickte er mich an mit gefalteten Händen, 
schwieg noch einige Augenblicke und begann dann, sich mit einem 
mir ganz fremden Tone an mich zu wenden. Er sprach einfach 
von den schwedischen Gesetzen, die aus das Duell die Todesstrafe 
setzten, ohne die Fremden vor den Einheimischen zu berücksichtigen 
und seine ganze Macht könnte mich nicht gegen die Strenge der 
Landesgesetze schützen. 
Als er mir ziemlich lange in diesem Ton gepredigt und das 
Aergerniß besprochen hatte, das ich am Hofe durch mein unge 
stümes Wesen und meine aufwallende Hitze gegeben, ftagte ich 
ihn, ob er mir erlaubte zu sprechen. Als er gnädigst zustimmte, 
sagte ich ihm, ich wollte lieber sterben als eine so ausgeprägte 
Beleidigung in Gegenwart einer großen Gesellschaft hinnehmen; 
ich würde der Ehre nicht werth sein, ihm zu dienen, wenn ich 
mich durch den ersten besten ungestraft beleidigen lasten müßte; 
am Ende hätte ich noch Jedem zu danken, der es für geeignet 
fände, mir einen Nasenstüber zu geben. Ich schlug zu meiner 
Rechtfertigung Zeugen vor und wiederholte, was ich Herrn 
von Wreech gesagt. Ich fügte hinzu, ich hätte alle Mittel versucht, 
um die Angelegenheit ohne Geräusch zu Ende zu bringen, allein 
Nitzke hätte neue Beleidigungen hinzugefügt, indem er die Kammer- 
ftäulein der Königin, mit denen ich umginge, compromittirtc. 
„Da haben wirs," sagte der Prinz, „was Ihr für ein Sausewind 
seid, Ihr werdet noch einmal den Hals brechen, um die Ehre der 
Frauen zu vertheidigen. Jedenfalls bin ich unzufrieden mit Euch, 
da ihr all' diese Auftritte vermeiden konntet und gescheidter sein 
mußtet als Euer Gegner. Ich weiß fast nicht, ob ich Euch länger 
an meinem Hofe werde halten können, da das Schwert der Ge 
rechtigkeit über Eurem Haupte schwebt." 
Er hatte kaum die letzten Worte gesprochen, als ich ihn an 
flehte, er möchte mich, wenn es noch anginge, verabschieden; ich 
wollte sobald als möglich nach Frankreich zurück, da ich hier doch 
über lang oder kurz unter den Angriffen meiner Feinde erliegen 
würde oder Ohrfeigen und Stockprügel von dem geringsten Stall 
knecht hinnehmen müßte, ohne mich beklagen zu dürfen. Der gute 
Prinz, der einen solchen Entschluß von mir nicht erwartete, erwiderte 
erschrocken: „Wie, Ihr wollt mich verlassen?" „Nein, gnädigster 
Herr, entgegnete ich, ich will es nur im Tode, aber Sie verlaffcn 
mich, weil ich keine Insulten tragen kann." „Beruhigt Euch! Ich 
habe Nitzke rufen lassen, um ihn Euch gegenüberzustellen und zu 
sehen, wer schuldig ist." 
Nitzke erschien mehr todt als lebendig, und konnte nicht leug 
nen, der Angreifer gewesen zu sein. Der Prinz schien höchst auf 
gebracht und sprach nur deutsch, wovon ich nichts als das Wort 
Stralsund verstand. Darauf warf sich Nitzke ihm zu Füßen und 
bat um Verzeihung. Er erhielt endlich Pardon mit dem Bedeuten, 
daß er beim ersten Wiederholungsfall ohne Gnade weggejagt 
werden sollte. Wirklich passirte ihm dies zwei Jahre später, als er 
I trotz des striktesten Verbots ohne den Hofjäger aus die Jagd ge 
gangen war. Nach seinem Abschied trat er in das Jägercorps des 
Königs ein und erhielt aus die Empfehlung des Commandeurs, 
: Prinzen v. Anhalt, später eine gute Försterstelle. Ich habe ihn 
zwanzig Jahre danach bei meinem Schwiegervater Schneider 
wiedergesehen, wo wir über unsere Jugendstreiche herzlich ge 
lacht haben. 
Herr Laurent wurde vom Ausgang ter Sache benachrichtigt
        
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