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Periodical volume 19. Januar 1881, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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„Sie ist bei der Oberstwachtmeisterin," entgegnete die 
Lindholzin und setzte hinzu, „was mir recht genehm ist, denn 
ich habe mit dir zu reden." 
Seufzend legte Heinrich die Urkunde weg, von dieser 
Frau war ihm selten Gutes gekommen. 
„Du wirst mir Dank wissen," begann sie nach einer 
Weile, „obschon es schlimmer ist, daß ich dirs sagen und daß 
ichs von andern Leuten hören muß." 
„Was meint ihr, Frau Mutter," fragte er erstaunt. 
„Es war ein Fehler, Euch zu verheirathen, ich sehe es ein," 
brach die leidenschaftliche Frau los, „Ihr seid Beide unglücklich 
geworden, aber aus deinen und ihren guten Namen mußt du 
halten; verurtheile sic nicht zu rasch, aber thue bei Zeiten 
dazu, um Unheil zu verhüten." 
Heinrich war aufgestanden, seine Augen flammten. 
„Frau Mutter, was meint Ihr?" 
„Ein Franzose schwänzelt um Dein Weib, ob mit oder 
ohne ihre Einwilligung, weiß ich nicht, aber ich tvill nicht, 
daß meine Tochter in der Leute Mäuler gerathe!" 
„Das wird sic nicht," ries Heinrich am ganzen Leibe 
zitternd, „niemals, das gelobe ich Euch! Wie heißt der Mann, 
der ihr nachschleicht?" 
„Valmoral!" 
Ein furchtbarer Schrei entrang sich Heinrichs Lippen, er 
packte das Handgelenk seiner Schwiegermutter: „Wer hat 
Euch daS gesagt?" 
„Das werde ich für mich behalten; Du hast ja Krallen 
wie ein Tiger." 
Er ließ sic los. „Verzeiht," bat er, denn er schämte 
sich, einem Weibe wehe gethan zu haben. 
„Was willst Du thun, um zu hindern, daß Schmach 
auf Dein Haus fällt," fragte Frau Antonia. 
„Das laßt meine Sache sein," entgegnete er kühl ab 
weisend, „ich danke Euch für Eure Warnung Frau Mutter, 
im Ucbrigen laßt mich mit Lottchen und dem Franzosen allein 
fertig werden." 
„Du wirst mein Kind nicht hart behandeln?" fragte sie, 
ängstlich gemacht durch die Zornesgluth in seinen Augen. 
„Dazu hätte ich kein Recht," erwiderte er mit schmerz 
lich zuckender Lippe. 
„Freilich kannst Du keine Liebe von ihr verlangen," fuhr 
Antonia fort, „Du hast ja auch nie welche für sie gehabt 
und daß sic den Franzosen liebt, glaube ich nicht, ihr ganzes 
Herz hing ja an Levin; ich dachte einst er liebte sic wieder, 
aber Frau von Scharben hat Recht gehabt, das Kind zog 
er ihr vor und sie welkt dahin an der Seite eines ungeliebten 
Mannes, die Liebe zu einem andern im Herzen." 
Es schien ungewiß, ob Frau Antonia noch zu ihrem 
Schwiegersöhne oder nur mit sich sprach, ihm aber drangen 
ihre Worte wie Pfeile ins Herz. Also darum die großen 
traurigen Augen. Freilich mit Levin, dem lachendeil, glänzen 
den vornehinen Poeten, konnte er sich nicht messen, das war 
der Todesstoß für all' seine Hoffnungen, je ihre Liebe zu ge- 
winnen. . Und auf der anderen Seite der Franzose, ihr Bru 
der; hatte jener schöne Dämon hier wieder die Hand im 
Spiel? 
Er erinnerte sich plötzlich der dunklen Gestalt, die er vor 
Monden ain Thomastage um sein Haus hatte schleichen sehen, 
deren Züge ihil bekannt angemuthet hatten imb zugleich auch 
der vergessenen Warnung Lcvins. War es Valmoral ge- 
wesen? Schmerz genug ging in dieser Stunde durch des 
Rathsherrn Seele, aber eins stand unerschütterlich fest in ihm, 
der Glaube an Lottchens Reinheit. Mochte ihr Herz hängen 
an wem es wollte, eins tvußte er, im schlimmsten Falle 
hatte er einen Verwegenen ;u züchtigen, aber er hatte nichts 
zu rächen. 
Ruhiger sah er seiner Schtviegermutter in das erregte 
Gesicht: „Ich danke Euch nochinals, Frau Mutier", sagte 
er ernst, „und bitte Euch nochmals, mich diese Sache mit 
meinem Weibe ganz allein ausmachen zu lassen, tvollet Ihr 
zu Nacht hier bleiben?" 
Das war nun allerdings Frau Antonias Absicht, sie 
mußte wiffen, tvic sich die Sache abwickelte. In großer Un- 
gcduld wartete Heinrich auf seines Weibes Rückkehr, in Frau 
Antonias Hirn aber war ein Gedanke aufgetaucht, von den: 
sie noch nicht tvußte, ob sie sich darüber freuen sollte oder 
nicht. Kein Wort des Tadels, des Verdachts, des Zornes 
hatte Heinrich über Lottchen geäußert, das war nicht Stolz 
mtd Gleichgültigkeit gegen sie, denn als sie von Lottchens 
Liebe zti Levin gcsprocheir, da war mehr Schmerz als Zorn 
in seinen Zügen gewesen, sollte Heinrich nach Allem nnb Allem 
sein Weib doch lieben! O tvarum hatte sie denn auch nur ein 
Wort über ihre Liebe zu Levin geäußert, waren die Beiden 
auf dem Wege einander zu finden, und hatte sic in Hast und 
Eifer, in ihrer krankhaften Ehrliebe wieder einmal zerstört, tvo 
kurzes Zutvarten gebauet hätte. In bitterer Reue stöhnte die 
arme Frau, konnte sie denn nie Herr werden über sich selbst. 
Droben wurde Heinrich immer ungeduldiger, und gerade 
als er nach dem Barett griff, mit dem Entschluß seine Frau 
zu holen, kam ein Bote von ihr mit der Anfrage, ob sie bei 
dein Ohm bleiben dürfe, die Frau Oberstwachtmcistcrin sei 
tödtlich erkrankt. 
Zähneknirschend gab Heinrich die Erlaubniß, aber er be 
schloß, sich selbst von der Wahrheit zu überzeugen, zum ersten 
Mal stieg ein Verdacht gegen sein Weib in ihm auf, wo gäbe 
es eine Anklage, die ganz vergebens geschleudert worden wäre? 
Die Todesangst in den Zügen seines alten Oheims, den 
man aus dem Krankenzimmer verbannt hatte, sagte ihm genug, 
dennoch öffnete er leise die Thür, da saß Lottchen still mit 
gefalteten Händen am Bett der heftig phantasirenden Johanne, 
so mhig und klar war ihr Antlitz, so mild hob sie die Augen 
zu ihm empor und legte die Finger auf die Lippen. Er zog 
die Thür hinter sich zu, tröstete den Oberstwachtmcister und 
ging beruhigt nach Hause. Was auch über ihn kommen 
mochte, sein Weib hatte keine Schuld, ihre Hand war rein 
wie damals, da er sie, widerwillig genug, vor dem Altar 
der Nikolai-Kirche in die seine genommen hatte. 
Dreiundzwanzigstcs Kapitel. 
Flevers Grab hinaus. 
So ist kein Ding vergessen, 
Ihm kommt ein Blüthentag. 
Brachvogel. 
„Lottchen," sagte die Frau Obcrstwachtmcisterin, aus ihren 
Phantasien heraus, plötzlich mit ganz klarer Stimme, „ich 
möchte Deinen Mann noch einmal sehen." 
„Meinen Mann?" fragte Lottchen erstaunt.
        
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