Path:
Periodical volume 9. October 1880, Nr. 2

Full text: Der Bär Issue 7.1881

20 
„Wundert mich nur," nahm er wieder das Wort, „warum 
Ihr so besorgt um Eures Mannes Unschuld seid, war doch 
keine so große Liebe zwischen Euch, sie sagen ja —" 
„Still," rief die Frau und wurde todtenblaß, „wiederholt 
sie nicht, alle die elenden Gerüchte, die über uns Lindholze 
einst umgingen, dankt Gott, wenn sie vergessen sind. Warum 
ich besorgt bin für meines Mannes Unschuld? Wen geht es 
an, ob ich ihn liebte oder nicht, aber er war mein Heu und 
meines Kindes Vater. Andreas, ich bitte Euch, laßt die beiden 
Kinder in Berlin nichts hören von den alten bösen Geschichten, 
sie wissen nichts davon und haben au dem einen Kreuz 
genug, das sie im Hause haben." 
„Au das Glück der Beiden scheint Ihr sonst nicht sonder 
lich gedacht zu haben," murrte Andreas. 
„Ich trug dazu bei," erwiderte sie sich stolzer aufrichtend, 
„daß die Flecken von ihrem Namen schwanden, ein reiner 
Name ist Glück's genug!" 
„Ihr seid ja stolz wie eine Edelfrau," entgegnete der 
Rittmeister, der zum erstell Btal etwas wie Achtung vor seiner 
Schlvägcrin fühlte. 
„Oder wie ein Berliner Bürgerkind," antwortete sie ruhig. 
Sic wurden dlirch Diener unterbrochen, die einen stattlichen 
Abend-Imbiß auftrugen, dein der Rittmeister alle Ehre anthat, 
so daß jedes Gespräch während des Essens unterblieb. Rlir 
einmal, als ein Gericht Kartoffeln vor ihil hingesetzt wurde, 
die mit Wein, Butter, Salz und Gewürz gekocht waren, nach- 
dem man die Schaale entfernt hatte fragte er: Sind die 
Tartusfcln, die ich vor zwailzig Jahren zlierst als rare Selten 
heit sah, jetzt so gemein in der Mark Brandenburg, daß mail sic 
an Wochentagen zum Abendbrot ißt? 
„Jedwedcnl würde sie die edle Frau ilicht vorsetzen," ent- 
geglletc die Liudholziu, „übrigens gedeihen sie in unserm Sande 
besser als die Weintrauben." 
Stach dem Abendbrot erschien Frau von Scharben wieder 
in der Halle und fragte, ob der Gast ein Nachtlager begehre; 
der Rittmeister aber schüttelte bcn Kopf, er wolle im Hahne- 
hofe übernachten, allwv auch sein Brudersohn sich aufhalte. 
So erfuhr Antonie Lindholz jetzt erst, daß allch ihr Schwiegcr- 
sohn in Tcmpelhof anwesend. 
„Ich werde mit euch gehen, Schwager," sagte sie „und 
euch unser Gaststübchcil öffilcn." 
Rittmeister Lindholz verabschiedete sich mit Verbeugung 
uild Handkuß von Frau von Schardeil; er bat um Erlaubniß, 
seinen Schützling am alldem Morgen noch ein Mal sehen zu 
dürfen, dann aber müsse er eilig wieder in's Hauptquartier 
zurück und die Schweden weiter hetzen helfen. Nach dem ihn 
Frall von Scharben entlasicn, begab er sich mit seiner Schwä- 
gerin iil den nahe gelegenen Hahnehof. Dort hatte einst die 
Vorburg zu dem Schlöffe der geistlichen Ordensritter gelegen, 
jetzt war's ein schlichtes weißes Gehöft, das schon dern Vater 
des Rittmeisters gehört hatte und in dem unterirdischen Gange, 
der vom Hahnehof nach der Kirche führt, hatten die drei Brüder 
oft genug Ritter und Bürger gespielt, darail erinnerte sich jetzt 
Andreas und dabei fiel ihm das Achtspitzenkreuz auf der Brust 
der Frau von Scharben wieder ein. Alis einem Baumstamm 
vor dem Hause, der namentlich als Flachsbreche zu dienen 
pflegte, saß Heinrich Liildholz, sein Gesicht war heiterer als 
dcil gailzeii Tag über, er fühlte sich hier draußen wohler als 
in dein düstern Stadthause, freilich erinnerte ihn der Anblick 
seiner Schwiegermutter sofort wieder an seine Feffeln, besoilders 
da ihre erste Frage natürlich Lottchen galt; Frau Antonie 
war mit deil kurzeil Antivorteil ihres Schwiegersohnes ganz 
zrifrieden, offeilbar war sie keine besonders ängstliche oder gar 
zärtliche Miltter. Sie bliebeil alle Drei vor dem Hause sitzen, 
denn der herrliche Juniabend war draußen noch angenehmer 
als drinneil, die Soilne war hinunter, Knechte und Mägde 
hatteil Feierabend geinacht und stailden plaudernd umher, am 
wolkeiilosen Himmel stand die Mondsichel, ein fast beranschen- 
der Duft vou Rosen und Lindeilblüthen schien die ganze Lust 
zu durchziehen. Friedlich und still lagen Dorf und Schloß im 
Abenddänlmer. Auch die Drei im Hahilehof hatten lange ge 
schwiegen, bis Heinrich, den Oheim plötzlich aus allerlei Ge 
danken ail seine Jugend mit der Frage aufstörte: „Wo habt 
ihr eure Victvrie gelassen, Ohm?" 
„In den Händen eines lailgen Kerls, der sehr gut mit 
ihr umging" entgegnete der Rittmeister, „morgen früh deilke 
ich sie mir zll holen, dabei fällt mir ein, Schwägerin, ihr seid 
ja immer eine halbe Gelehrte gewesen, giebts denn auch weib 
liche Johanniter?" 
„Ihr fragt so, weil ihr Frau von Scharben mit dem Acht- 
spitzenkreuz saht," entgegnete Frau Antoiüe, „kennt ihr die 
Geschichte der Dame nicht?" 
„Weiß wohl noch, wie der Scharben vor dreißig Jahren 
Teinpelhof fauste und mit seiner jungen Frau herkam, sie war 
das schönste Weib, das ich im Leben sah, ich weiß auch, daß 
er sie sich aus Frankreich geholt, aber ihre Geschichte anzuhören, 
habe ich niemals Zeit gehabt." 
„Nun," erwiderte Frau Antonie „als vor langen, lailgen 
Zeiteil in Jerusalem der ritterliche Orden der Brüder voin 
Spital gegründet wurde, die wir geivöhnlich die Johanniter 
nennen, iveil ihr erstes Hospital dem heiligen Johannes ge 
weiht war, da gab's auch Schwestern dieses Ordens, die ebenso 
wie die Johannesbrüder die Werke der Barmherzigkeit: beten. 
Kranke Pflegen und Almosen gebeil zu üben hatten. Sie trugeil 
wie die Ritter ein rothes Kleid mit weißem Kreuz; als aber 
Rhodus verloren ging, das der Ritter theuerstes Besitzthum 
war, legteil die Schwestern schivarze Kleidung zur Trauer an 
und tragen sie noch heut, denn ihr müßt wissen, daß es in 
Frankreich unb Spanien noch heute Johaniteriuncn giebt. 
Seht, solch eine Johaniterin war Galcotte von Genouillac 
uild Vaillac, so geheißeil nach ihrer Vatersschivester, die auch 
eine berühmte Oberin der Johanniteriiliien gewesen, und diese 
schöne Johanniterin Pflegte den Kapitän von Scharben, der 
war ein Magdeblirgischer Patrizier uild stand in französischen 
Diensten, im Heere des Marschalls Schoiilberg. Der Delltsche 
gewann das Herz der schöileil Französin, sie verließ ihreil Orden, 
ihren Glauben, ihr Vaterland und folgte dem Geliebten. Schweres 
haben sie ausgestailden auf der Flucht, aber glücklich sind, sie 
nach Dcutschlaild gekommen und habeil sich hier zu Teinpelhof 
niedergelaffen. Die edle Frail ist jung Wittwe geworden, da 
hat sie ihr altes Ordcnskleid wieder hcrvorgesucht und nur 
den Werkeil der Barmherzigkeit gelebt. Mehr als einmal 
hat sie das ganze Schloß iil ein großes Lazareth verivandclt 
und dabei hat sie noch ihren einzigen Sohn, den Junker Levin, 
erzogen, der ist jetzt auch beim Heer des Kurfürsten. Die edle 
Frau aber heißt überall die Johamiiterin, sie steht in so hoher 
Achtung, daß die Ritter in Sonnenburg sie Schwester nennen 
und der Kurfürst ihr mehr als ein Werk der Barmherzigkeit
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.