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Periodical volume 12. Februar 1881, Nr. 20

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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trennt eine Ehe am besten und daß sie mir nicht an dem 
Leben der kleinen Frau rührt, dafür will ich schon sorgen." 
Clotilde aber saß noch immer in ihrem prächtigen 
Zimmer und grübelte, wie Heinrich von Lottchen zu trennen 
sei. Der Liebeszauber, den sie nach Nipperns Anleitung ge 
fertigt, hatte sich als trügerisch erwiesen, sie schalt sich jetzt 
selbst ob ihres Aberglaubens, wenn ihre Reize machtlos 
blieben, was sollte ein Zauber helfen. Nein, Lottchen war 
das Hinderniß, Lottchen mußte aus dem Wege, Heinrich wollte 
sie schon schützen. So wurden die Pläne des Geschwister 
paares immer dunkler; nicht einmal aber kamen Beide in 
ihrer ungemessencn Eitelkeit darauf, daß die Herzen der beiden 
Eheleute auch für einander schlagen konnten. Heinrich mußte 
Clotilde, Lottchen mußte den Marquis lieben, es war ja 
gar nicht anders möglich. 
(Fortsetzung folgt.) 
Ächt Jahre am Hof des Prinzen Heinrich (1770—1778). 
Aus den Memoiren eines alten Franzosen. 
Deutsch bearbeitet von Emst Lreest. 
(Fortsetzung.) 
Das sind Launen großer Leute, die man sich schwerlich er 
klären kann. Mein Prinz weigerte mir die Stelle seines Lecteurs, 
tvcil ich Katholik war und gab sie einem jungen Manne, der 
ebensogut Katholik war wie sein älterer Bruder, der Canonicus; 
und die Domherrnstclle gab er einem Manne, der nichts war, 
warum, ist nicht zu ersehen. Ich enthalte mich jedoch weiterer 
Bemerkungen über diese seltsamen Ernennungen aus Achtung vor 
meinem Herrn, damit Niemand glaube, ich wolle mich für die 
Bernachlässigung meiner Person schadlos halten. 
Nach dem Tode des jüngeren Francheville lebten meine Hoff- 
nungen auf die Stelle eines Lecteurs wieder auf und wurden noch 
einmal getäuscht. Der Prinz mußte gegen mich sehr aufgebracht 
sein, denn er entschloß sich, mir einen jungen Mann, Namens 
Toussaint vorzuziehen, der gar nicht für die Stelle qualifizirt war. 
Sein Vater hatte aus Frankreich fliehen müssen, weil er um einer 
„les meurs“ betitelten Schrift willen zu lebenslänglichem Gefäng 
niß verurtheilt worden, war. König Friedrich, der alle der Reli 
gion oder Politik wegen verfolgte ftanzösische Gelehrte in seine 
Staaten aufnahm, stellte ihn als Professor an. Einige Jahre 
nachher starb er und hinterließ seine Frau, einen Sohn und zwei 
Töchter in Armuth. Als der Prinz von Rußland zurückgekehrt 
war, engagirte er die ganze Familie in der Absicht, sie für sein 
Theater zu verwenden. Der Sohn hatte Talent ftir komische Rollen 
und der Prinz konnte ihn gebrauchen. Die Töchter wurden gleich, 
falls für das Rhcinsberger Theater nützlich; die älteste heirathete 
später Bilguer, der kurz darauf in Ungnade fiel, den Abschied er 
hielt und seine Frau dem Major v. Kaphengst abtrat, der sie 
heirathete. Das geschah aber erst nach meinem Abgang vom 
Hofe. Es dauerte nicht lange, so wurde der Prinz des Herrn 
Toussaint üerdrüssig und er ordnete ihn mir unter, obgleich ich 
jene Bedingungen verworfen hatte; ich hatte es von vorn herein 
vermuthet, daß er eines Tages zu mir zurückkehren würde und 
mich so geführt, daß der Prinz meine Resignation richtig be 
urtheilen mußte. Er that, als wenn zwischen uns nichts vorge 
fallen wäre und ich benahm mich so, daß er nicht den Triumph 
hatte, mich durch seine bisherige Ungerechtigkeit erniedrigt zu 
haben. — Auf Toufiaint komme ich noch wieder zu sprechen. 
Ich kehre zu unserm Rheinsberger Aufenthalt zurück. Ob 
schon mir der Prinz ausdrücklich verboten hatte, deutsch zu lernen, 
damit ich mir meine gute Aussprache nicht verdürbe, konnte ich doch 
nicht umhin, ihm darin ungehorsam zu sein. Zu meiner Zeit 
war die französische Sprache am Hofe gerbäuchlich, allein man 
sprach doch auch viel deutsch, auch der Prinz that es zuweilen 
privatim. Ich also konnte mich nur mit ihm und einigen seiner 
Leute unterhalten. In Rheinsberg verstand sonst Niemand nieine 
Muttersprache. Ich hatte tausend Bedürfnisse, die ich mir nur 
durch Zeichen verschaffen konnte. Oefter wurde ich nebst mehreren 
Personen vom Hofe bei Forstmeistern und Gutsbesitzern oder 
Pächtern in der Umgegend eingeladen, wo ich die traurigste Ge 
stalt abgab. So vertraute ich denn Mara meinen Plan, deutsch 
lernen zu wollen, an. Ich betheuerte ihm heftig, ich litte unter 
der Unkenntniß des Deutschen und fügte hinzu, ich verließe mich 
auf seine Verschwiegenheit und im Nothfall auf seine Fürsprache, 
wenn der Prinz meine Studien merkte. Dies Zeichen von Ver 
trauen schmeichelte ihm so, daß er mein Vorhaben billigte und 
mir die Versicherung gab, ich hätte vom Prinzen deshalb nichts 
zu befürchten. Nun begann ich mein Unternehmen mit großem 
Fleiß. Vor meiner Abreise von Paris hatte ich die Grammatik 
von Gottsched gekauft, die für Franzosen eingerichtet war und 
damals als die einzige florirte; ich hoffte, sic sollte mir etwas 
auf der Reise nützen, doch war sie hierzu wohl nicht das rechte 
Buch gewesen: jetzt dagegen förderte sie mich: ich lernte täglich 
mindestens zwanzig deutsche Wörter und konnte mich. Dank meinem 
ausgezeichneten Gedächtniß und meiner Arbeitskraft, in zwei 
Monaten schon leidlich verständlich machen. Dieses Studium ent 
deckte mir zu meiner großen Bestürzung, daß ich fast ebenso un 
wissend in meiner eigenen Sprache war. Ich sprach sie mit großer 
Leichtigkeit und außer mir merkte Niemand, daß ich sie doch eigent 
lich nicht beherrschte. Um beide Sprachen zugleich zu studiren, 
schaffte ich mir die Grammatik von Vailly an und wählte aus 
der Privat - Bibliothek des Prinzen, und aus der öffentlichen, die 
unter Richer's Verwaltung stand, zur Uebung Bücher geschichtlichen 
und geographischen Inhalts. 
Der Prinz hatte in Rheinsberg ein niedliches Theater, das 
erst seit Kurzem erbaut war und gerade bei unserer Ankunft voll 
endet wurde. Es wurde mit der „Zaire" eingeweiht. Die 
Rollen wurden unter die Personen vertheilt, die am besten fran 
zösisch sprachen. Der Prinz spielte den Orosman, ich seinen Ver 
trauten Scherasmin. Es war mir lieb, daß ich nur wenig 
Worte zu sprechen hatte, denn die Bretter waren mir ein äußerst 
fremder Boden. Meine Arme schienen mir von unendlicher Länge; 
ich wußte nicht, wo ich sie lassen sollte. Doch applaudirte man 
mir, allein ich wußte, was ich von so unverdientem Lobe zu halten 
hatte. Daß Ferny gut spielte, wunderte mich nicht, da er Schau 
spieler war, aber vom Talent des Prinzen und mehr noch von dem 
Bilguers war ich sehr überrascht. Er würde sich in jeder franzö- 
sischen Truppe durch seinen Accent ausgezeichnet haben; dem 
Prinzen gefiel freilich sein Spiel nicht. Mara war ein guter 
Darsteller, aber seine Aussprache war abscheulich. Ich flechte mit 
Bezug hierauf eine Anekdote ein, die zwei Jahre später passirte: 
Der Prinz lud den Direktor des ftanzösischen Theaters zu Berlin, 
Herrn Fierville, ein, zu ihm aufs Land zu kommen. Er wurde 
in Rheinsberg u. A. mit einer griechischen Tragödie regalirt, die 
von einem Jesuiten ins Französische übersetzt worden war. 
Mara spielte die Hauptrolle. Der Prinz bat nach dem Theater 
Herrn Fierville um sein Urtheil über Mara's Spiel und derselbe 
antwortete, er wäre überrascht, daß der Uebersetzer die Hauptrolle 
nicht mit übersetzt hätte, — was ein Spott auf Mara's schlechte 
Aussprache sein sollte. Fierville fiel sofort in Ungnade und durfte 
nicht wieder am Hofe des Prinzen erscheinen. 
Man wird sich vielleicht wundern, daß mir als Franzosen bei 
der Aufführung der „Zaire" keine bedeutendere Rolle zugewiesen 
wurde: doch muß man bedenken, daß ich zum ersten Male auftrat. 
Da es keine Damen für die Frauenrollen am Hose gab, so über-
        
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