Path:
Periodical volume 12. Februar 1881, Nr. 20

Full text: Der Bär Issue 7.1881

Die beiden Männer trennten sich; als Heinrich sein Haus 
erreichte, sah er eine dunkle Gestalt vor demselben aus und 
nieder gehen. Als er näher kam, verschwand sie, aber Heinrich 
glaubte, Clotildens Bruder erkannt zu haben. Was hatte 
der hier zu suchen? 
Freundlich kühl kam ihm Lottchen entgegen; sie fragte 
nicht, aber sie hörte seine Erzählung vom Festmahl geduldig 
au, und er freute sich ihrer Theilnahme, nur von der künst 
lichen Blume erwähnte er nichts. 
Zweiundzwanzigstes Kapitel. 
Dunkle Hckäne. 
Eine Lücke im Haus und drinnen schallen die Winde, ! 
Eine Sund in der Brust und jedes Laster zieht ein. i 
Lrug von Nidda 
Das Haus, welches Frau von Bethune gekauft hatte, 
lag in der Georgen-Straße und hatte einst einem alten Berliner 
Geschlecht angehört, das im dreißigjährigen Kriege völlig ver 
armt und nachher nicht wieder empor gekommen war. Ge 
waltiges Erstaunen hatte der Entschluß der schönen Frau er 
regt, mit ihrem Bruder in Berlin leben zu wollen. Sie gab 
als Grund an, sie möge nicht in ihr Vaterland zurück, wo 
ihr Gemahl begraben liege und der Marquis brachte der 
Schwester das Opfer, sich mit ihr in der nordischen Haupt 
stadt einzuschließen. Das enge winklige Haus in der Georgen- 
Straße erinnerte in nichts an die Paläste Frankreichs, es war 
ein schlichtes Bürgerhaus aus dem sechszehnten Jahrhundert, aber 
im Innern zeigte sich die ganze schwerfällige Pracht der Zeit. 
Seide und Gold waren in der Einrichtung der Zimmer ver 
schwendet, es war Alles so üppig und glänzend, tvie es zu : 
Madame Clotildes ganzer Erscheinung und zu ihren Gewöhn- 
beiten paßte. Sie saß an einem ungewöhnlich warmen Früh- j 
lingstage am offenen Fenster eines Gemaches, dessen Aus 
stattung den Schlössern des vierzehnten Ludwigs keine Schande 
gemacht hätte. Ein französischer Maler hatte die Decke ge 
malt, sie zeigte Alexander den Großen, der persischen Königin 
Noxane ein Fest gebend, Silberfäden durchzogen in zierlichen 
Arabesken die seidene Tapete, deren Farbe an fallendes Herbst 
laub erinnerte. An den Wänden sah man in schweren goldenen 
Rahmen die Bilder schöner Frauen, ein betäubender Duft 
durchzog das Zimmer, während eine Spieluhr auf dem 
Marmorkamine Heinrichs IV. Lied an die schöne Gabriele 
d'Estrees: „Charmante Gabriele" flötete. Tische von Porphyr 
und Alabaster, auf denen Vasen und antike Statuen standen, 
Lehnstühle mit demselben Bezug tvie die Wände, Kostbarkeiten, 
wohin das Auge blickte und doch machte das Ganze keinen 
wohlthuenden Eindruck. Die Zimmer waren zu klein und 
niedrig, der Himmel Brandenburgs nicht hell genug, so freund 
lich and) die Frühlingssonne ins Fenster schien, um alle diese 
Herrlichkeiten recht zur Geltung zu bringen. Das mochte auch 
Clotilde fühlen, unmuthig lehnte sie sich in ihrem Sessel zu 
rück und während die Hand ärgerlich den Spitzenbesatz der 
violetten Seidenrobe zerknitterte, sagte sie mit müder Stimme 
zu dem Marquis, der unruhig im Zimmer auf- und abging: 
„Valmoral, ich wollte, wir könnten nach Frankreich zurück 
kehren!" Der Marquis zuckte die Achseln. „Du mußt Dich 
völlig besiegt fühlen oder den Sieg errungen haben?" 
„Sehe ich aus wie eine Siegerin," entgegnete sie ärgerlich. 
„Nein", erwiderte er spöttisch, „es scheint, wir sollen hier 
nicht zum Ziele gelangen in diesem nebelhaften dummen Lande. 
Mir wäre die Geschichte schon längst langweilig, hätte ich 
nicht ineinen Kopf darauf gesetzt, die kleine Frau zu erobern; 
habe sonst kaum so viel Wochen um die vornehmste Dame 
geworben, wie hier Jahre um diese simple Bürgersfrau." 
„Die Verhaßte," murmelte Clotilde, „hättest Du nicht diese 
tolle Leidenschaft für sie, ich hätte sie längst aus dem Wege 
geräumt." 
„Thust Dtl das," entgegnete kaltblütig der Marquis, „so 
trifft ein Degenstoß den Gemahl, du weißt, daß ich meine 
Opfer finde." 
Die schöne Frau schauerte zusammen und bedeckte das 
Gesicht mit den Händen. 
„Es ist Alles nur die dumme deutsche Ernsthaftigkeit," 
schalt der Marquis, „denn im Grunde liebt mich die kleine 
Frau sicher so gut, wie der Mann Dich, sage selbst, habe ich 
je vergeblich um ein Weib geworben, hat Dir ein Mann 
widerstanden?" 
„Wärmn entführst Du sic nicht?" rief Clotildc plötz 
lich aus. Ein fast dämonisches Leuchten glühte in den dunkeln 
Augen des Mannes: „Weil ich nicht gern der allein Schuldige 
bin," erwiderte er, „freiwillig muß sic mir folgen, das ist die 
größere Kunst. Was liegt an plumper Gewalt!" 
„Du bist ein Teufel, Valmoral", sagte sie tief athmend. 
„Und Du bist meine Schwester," höhnte er. 
„Und doch gabs eine Zeit, da warst Du gut und sanft," 
seufzte sie. 
„Auch Du warst einst so," flüsterte er und sah beinahe 
mitleidig auf sie herab, „da vermählten sie Dick) einem Manne, 
der Dich belog und betrog, der auch mich betrog, mir die 
Hand seiner Schwester von fern zeigte und sie dann ins Klo 
ster schickte. Ich habe uns Beide furchtbar an ihm gerächt, 
der vergiftete Degen verwirrte ihm den Verstand, ein Todter 
für die Welt siecht er dahin, aber schlecht sind wir Beide durch 
ihn geworden. An Jntriguren und Verbrechen haben wir unsere 
Freude, wir haben uns um Ehre und Heimath dahin gebracht, 
aber wir sind nicht ganz schleckst, zuweilen kommt eine Erin- 
waren, eine Sehnsucht darnach und darum lieben wir die 
beiden Menschen, die doch nichts von uns wissen wollen, weil 
sie uns mahnen an die Zeit, da wir waren wie sie, aber wir sind 
schon so schlecht geworden, daß uns ihre Reinheit quält, daß 
wir sie zu dem machen wollen was wir sind; weine nicht 
darum, Clotilde, es liegt im Blute. Unser Vater fiel von 
der Hand eines Mannes, dessen Weib er verlockt hatte und 
unsere Mutter —" 
Die Frau sprang auf und hielt ihm den Mund zu. 
„Lästere nicht das Heiligste, was auch der Schlechteste 
hat; laß uns lieber endlich ans Ziel gelangen. Ich habe 
sagen hören, daß diese Ketzer ihre Ehe trennen können ohne 
der Höllenstrafe zu verfallen, und eine neue schließen können." 
Der Marquis lachte hell auf. „Willst du Frau Lind 
holz werden!" 
„Alles, Alles, nur Ruhe will ich haben," stöhnte die 
schöne stolze Frau. 
Der Marquis lachte noch immer, als er eine halbe 
Stunde später die Schwester verließ. Draußen wurde sein 
Gesicht ernst; „das grenzt an Wahnsinn, ein guter Degenstoß
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.