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Periodical volume 5. Februar 1881, Nr. 19

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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mich auch den Königlichen Blicken nicht aussetzen. Hierauf erlaubte 
er es mir. Ich mischte mich also am folgenden Tage unter die 
Zuschauer, schlich mich aber, da ich den König nur von hinten 
sehen konnte, an die Seite, um ihn bequem zu sehen. Er war 
mit sämmtlichen Prinzen und Generälen abgestiegen, um die Regi- 
menter Heinrichs und Louis Ferdinands defiliren zu lassen. Zu 
fällig wandte er sich und fixirte mich mit seinen großen Augen. 
Die Prinzen, die allen seinen Bewegungen folgten, thaten des 
gleichen und so sah mich mein Herr. In diesem Augenblick war 
meine Verlegenheit vollständig und leider sah auch der Prinz ver 
legen aus. Ich zog mich sofort zurück und begab mich in die 
Stadt, um den hinkenden Boten zu erwarten. Zum Unglück war 
aber die Musterung bald zu Ende, der König stieg mit seinem 
Gefolge zu Pferde und ritt in die Stadt, um bei seinem Bruder 
zu speisen. Sic holten mich bald ein, ich mußte mit dem Hut in 
der Hand stehen bleiben, um sie vorüberzulassen und Alle ohne 
Ausnahme erwiderten meinen Gruß sehr graziös, eine Ehre, die 
ich ihnen diesmal gern geschenkt hätte. Nach der Tafel kehrte der 
König nach Potsdam zurück und sofort ließ der Prinz mich rufen. 
Er machte mir ziemlich lebhafte Vorwürfe, seinem Befehle zuwider 
gehandelt zu haben. Ich bat ihn um Verzeihung, da mir seine 
Befehle heilig und ich weit entfernt wäre, mich ihnen nicht unter 
werfen zu wollen. „Sobald ich sah, daß ich bemerkt war, habe 
ich mich schleunigst zurückgezogen, um mich einem zweiten Blick 
des Königs zu entziehen; aber mein Unglück wollte, daß ich 
diesem nicht entging. Vielleicht sollte mich auch der König 
sehen als einen, der die Ehre hat, Ew. K. H. anzugehören, damit 
man mich am Hofe S. Majestät nicht wie ein Stück Contrebande 
betrachte." 
Da ich hiermit den richtigen Punkt getroffen hatte, so heiterte 
sich der Prinz auf, stng an zu lachen und sprach nicht mehr davon. 
Er wußte sehr Wohl, daß der König vor allen großen und kleinen 
Dingen an seinem Hofe unterrichtet war und Alles kannte, was 
mich betraf; allein da der Prinz ihn fürchtete und wußte, daß 
der König Meinesgleichen nicht sehr gnädigen Auges betrachtete, 
so war jenes Verbot erklärlich. 
Das Ceremonie! bei der Musterung zog übrigens meine Auf 
merksamkeit auf sich. Die Regimenter der Brüder des Königs 
begaben sich also am bestimmten Tage in eine Ebene bei der 
Stadt und stellten sich in zwei Linien auf. Der König hatte 
die Nacht zuvor in Charlottenburg zugebracht, um Spandau 
nahe zu sein. Sobald man den Prinzen die Nähe des Königs 
gemeldet hatte, stiegen Beide vom Pferde und stellten sich, die 
Hellebarde in der Hand, an die Spitze ihres Regiments. (Eine 
Hellebarde trugen damals Prinzen, Generäle und auch andere 
Offiziere.) Als der König mit einem zahlreichen Gefolge von 
Stabsoffizieren und Adjutanten auf der Ebene angekommen war, 
stieg er vor seinem Bruder Heinrich ab, umarmte ihn, nahm ihm 
seine Hellebarde ab und gab sie einem Offizier seines Gefolges zu 
halten. Dann stiegen sie Beide zu Pferde und begaben sich zum 
Prinzen Ferdinand, wo sich dieselbe Förmlichkeit wiederholte. 
Hier will ich eine Geschichte erzählen, die sich zwei Jahre 
später bei einer ähnlichen Musterung zutrug und von der ich 
Augenzeuge war. 
Ein Hauptmann vom Regiment des Prinzen Heinrich, Namens 
von Schlieffen, dem König als ein angenehmer lockrer Vogel und 
als Freund des Erbprinzen Friedrich Wilhelm (H.) bekannt, dessen 
Finanzen oft in Unordnung waren, defilirte an der Spitze seiner 
Compagnie vor dem Könige. Dieser fragte ihn im Vorübergehen, 
ob seine Sachen so faul wie gewöhnlich ständen. „Ja, Majestät," 
erwiderte er, indem er desto lauter schrie, je weiter er sich ent 
fernte, — „aber ich habe einen alten Kauz von Onkel, der bald 
sterben muß und mir sein Vermögen hinterläßt." „Rechnet nicht 
darauf," versetzte der König, „die alten Onkels überleben oft noch 
ihre Neffen." Indem er diese letzten Worte sagte, wandte er den 
Kopf zu seinem Neffen, dem Kronprinzen, der in demselben Falle 
war, wie Herr von Schlieffen, um ihm eine Lektion zu geben. 
Der Kronprinz, der die Beziehungen des Onkels zum Neffen 
kannte, bemerkte maliziös, aber fein, dem König gegenüber: „Die 
respektiven Onkel zwingen oft ihre Neffen durch ihre Knauserei, 
Schulden zu machen." 
Rheinsbcrg. Neue Scenen. Theater. 
Ich versprach mir viel von dem Aufenthalt in Rheinsberg, 
in der Hoffnung, daß ihm kein bittrer Tropfen beigemischt sein 
werde. Allein ich täuschte mich und hätte wissen sollen, daß es 
keine Lebenslage giebt, die nicht ihre Schattenseite hätte. Zuerst 
mißfiel es mir, daß ich den Schauspieler Ferney dort wieder traf. 
Er war von seinem Theaterdirektor aus den Wunsch des Prinzen 
für einige Wochen beurlaubt, um das kleine Rheinsberger Theater 
in Gang zu bringen. Zweitens wies man mir ein schlechtes 
Zimmer im Cavalicrhause an, wo außer den Lakaien alle Leute 
des Prinzen logirten. Ich beklagte mich schon über meine Wohnung 
in Berlin; aber diese war noch mangelhafter. In Paris hatte ich 
in der unglücklichsten Zeit doch die allernöthigsten Sachen, hier 
war es mir in Ermangelung eines Spiegels unbenommen, mein 
liebes Angesicht im Waschnaps zu beschauen. Bei einer Unter 
haltung mit dem Prinzen machte ich kein Geheimniß daraus und 
bat ihn, mich gütigst in der Stadt bei einem Kaufmann wohnen 
zu lassen, den ich kennen gelernt hätte. Er machte mir einige 
Schwierigkeiten, genehmigte es aber doch, zwar ungern, denn „das 
wäre für seine anderen Leute ein schlechtes Beispiel und sie tvürden 
ihm noch alle mit derselben Bitte kommen." Mein neues Logis 
behielt ich während meiner ganzen Zeit am Hofe bei. Uni nicht 
allein zu essen, überredete ich die Musiker Matthieß und Bvurdet, 
sowie Bilguer, daß wir abwechselnd bei einander aßen. Die Küche 
war gut, es gab Mittags 3, Abends 2 Gerichte. Inzwischen 
gefiel mir die neue Lebensweise wenig. Bisher hatte ich in fort 
währender Thätigkeit gelebt, jetzt war ich plötzlich viel zu wenig 
beschäftigt. Ich dachte ernstlich darüber nach, wie ich mich vor 
Müßiggang und langer Weile schützen könnte: die Pagen waren 
nicht da, mithin kein Reiten, Tanzen und Fechten: auch hatte 
der Prinz seinen Lekteur dort. Derselbe hatte den Auftrag er 
halten, mir Stunden zu geben, in denen ich das Vorlesen üben 
sollte: allein er that das nicht gern und als ich das bemerkte, 
verließ ich ihn, ohne dem Prinzen ein Wort davon zu sagen. 
Dieser sein Vorleser, Herr von Francheville, war katholischer 
Priester. Er las vortrefflich, aber er mißfiel dem Prinzen um 
seines herbem Charakters und seiner rigorosen Moral willen, mit 
der er ganz laut und ftei dasjenige zu tadeln pflegte, was seinen 
Grundsätzen zuwiderlief. Er haßte den Hof und verließ ihn im 
Jahre 1772, um Canonikus in Breslau zu werden. Ich nehme 
hier etwas vorweg, weil der Zusammeirhang für die Einschaltung 
günstig ist. Der Prinz übertrug mir nun die ganze Lektüre, die 
ich übrigens in Berlin und Spandau stets allein besorgt hatte, 
und ich bildete mir ein, er würde mir die Stelle des Herrn 
von Francheville auch förmlich geben. Einer der gelehrten Gäste, 
welche den Prinzen in Rheinsberg zu besuchen pflegten, Herr von 
Gualtieri, der ursprünglich reformirter Geistlicher gewesen war, 
aber Vermögen und eine königliche Pension hatte, so daß er sein 
Amt aufgab und als Philosoph lebte, — befestigte mich in dieser 
Hoffnung. Er sagte mir eines Tages, daß der Prinz zu ihm die 
Aeußerung gethan hätte, er würde mir die Stelle des Lekteurs 
geben, wenn mehrere Umstände, die er ihm nicht näher bezeichnen 
wollte, nicht dagegen wären; allein es läse Niemand so sehr nach 
seinem Geschmack als ich; dazu wäre ich verständig und zurück 
haltend und suchte mich zu bilden. Diese Mittheilungen reizten 
mich, meinen Eifer und meine Ansttengungen zu verdoppeln, um
        
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