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Periodical volume 5. Februar 1881, Nr. 19

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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immer sind; Heinrich Lindholz hatte sich die ganze Nacht mit 
den wüsten Traumbildern herumgeschlagen, die ihn auch im 
Wachen nicht verließen; wie hatte er nur seine arine junge 
Frau so lange allein lassen können; ihr mußten ja dieselben 
Bilder und Gestalteil erscheinen, und eine Frau war ja noch 
weit weniger geeignet, diesen Mächten kampfbereit gegenüber zu 
treten. Wieder wanderte er durch die Räume, argwöhnisch 
von der finstern Magd beobachtet, die sich noch immer nicht da 
ran gewöhnen konnte, daß der Herr, den sie kaum hatte nennen 
hören, wieder da sei. In der Wohnstube stand der einsame 
Mailil vor dem Spinnrocken seiner Frau, wieviel Fäden mochte 
sie von demselben abgesponnen haben in diesen langen Jah 
ren, ob sie einmal freuildlich dabei an ihn gedacht hatte? Er 
fllhr sich mit der Hand über die Augen und gestand sich, daß 
er darauf keinen Anspruch gehabt habe; er hatte sie zu grausam 
vernachlässigt und soweit hatte Heinrich Lindholz die Frauen 
kennen gelernt, um zu wissen, daß sie alles Andere eher vergeben 
als Gleichgültigkeit und Vernachlässigung. Da schoß ihm ein 
Gedanke durch den Kopf, warum ging er denn nicht nach 
Tcmpelhof und holte sich sein Weib. Er schlug sich mit der 
Faust vor die Stirn, daß er nicht eher auf diesen doch sehr 
nahe liegenden Gedailken gekommen war; aber er hatte da 
draußen immer gemeint, er müffe sie in dein alten Hause am 
Mvlkenmarkt lvicdcr finden; er hatte nie so an Tempelhof 
gehangen wie Lottchen und dort fand er sie nicht allein, die 
Gegenwart seiner Schwiegermutter, der Frau von Scharben, 
wäre ihn, störend gewesen, er hatte seiner Frau so viel zu 
sagen, sie so Vieles zu fragen, wobei sie keiilen Dritten brauchten, 
aber die Zeit wurde ihm doch zu lang; sein getreuer Bartel 
war untcrdeß mit seinen Pferden und anderen Habseligkeiten 
eingetroffen, er wollte nach Tcmpelhof reiten und sein Weib um 
Vcrzeihliilg bitten, dafür, daß er sie so lange vernachlässigt habe 
und wollte ihr versprechen, ihr küilftig ein besicrer Gatte zu 
sein- Nicht mehr draußen, sonderil hier zu Berlin wollte er 
feinem Kurfürsten dienen, im Rath der Stadt wollte er sitzen 
wie seine Väter vor ihrn und sich an einem stillen Leben ge 
nügen lasten. Nur ein wenig Liebe sollte ihm sein Weib geben, 
denn das Verlangen nach Frauenliebe wurde immer stärker in 
ihm, und von einer Anderen als ihr durfte er's ja doch nicht 
fordern; er hatte genug angekämpft gegen sein heißes Herz, 
winkte ihm nicht lachend und lockend Clotildens Bild, wenn 
sein Weib ihm Neigung und Liebe verweigerte, dann zog es 
ihn rettungslos nach in den Sumpf der Untreue, des Ehe 
bruchs, der Schande. Wie nach einem Rettungsanker streckte 
er die Arme aus nach dem Weibe, daß ihm vor Gott und 
Menschen anvertraut war und immer weicher wurden seine 
Gefühle für sic. Er tvarf den Rocken hin und wollte hin 
unter, um sich sein Pferd zu holen, da hörte er die Hausthür 
gehen, die alte Magd sprach lebhaft, dann kam ein leichter 
Schritt die Treppe hinauf, der starke Mann bebte vor Er 
wartung, die Thür ging auf, Mann und Weib standen sich 
gegenüber. 
Einen Augenblick war es ihm, als müffe er auf sie zu 
eilen, sie fest in seine Arme schließen und mit Worten nicht, 
aber in einem heißen Küste ihr sagen: Versuche es, mich zu 
lieben und Alles kann gut werden, aber sein Fuß war an 
den Boden gebannt und er rührte sich nicht von der Stelle, 
nur seine Augen hafteten fest an dem lieblichen Weibe, das 
da vor ihm stand. Lottchen hatte vielleicht gerade jetzt ihre 
schönste Blüthe erreicht, die. zierliche Gestalt war von entzücken 
dem Ebenmaß, das weiße Antlitz zeigte das schönste Oval, 
die braunen Augen mit dem ernsten nach innen gekehrten 
Blick sprachen von Lebenserfahrungen, von Schmerzen, wie 
sie die sorglose Jugend nicht kennt, aber die weiße Stirn 
war glatt wie Marmor, und uin den kleinen rosig schwellen 
den Mund lag noch ein Zug von Jungfräulichkeit, von Kind 
lichkeit beinah', der ihr etwas unbeschreiblich Rührendes gab; 
aber für beschränkt hätte diese Frau Niemand mehr halten 
können. Anmuthig strich die kleine Hand eine dunkle Locke 
zurück, die auf die Stirn gefallen war, während die andere 
das dunkelblaue Ueberkleid, das sie über dem hellgrauen Unter 
kleide trug, hielt. 
So fest aber auch Heinrich's Augen auf den Zügen seines 
Weibes ruhten, nicht minder fest schauten die ihrigen auf zu 
ihm. Wie verschieden war es auch von dem Jüngling, der 
anno 75 auszog, sie hatte ihn ja seitdem nur einmal gesehen 
und da war ihr die Veränderung noch nicht so aufgefallen; 
seitdem waren ja wieder Jahre in's Land gegangen, preußische 
Winter und südliche Sommer waren über sein Haupt gezogen, 
tausendfach hatte er dem Tod in's Antlitz gesehen, Leid und 
j Freud hatten sein Herz bewegt, schwere Versuchungen waren 
! an ihn herangetreten und hatten auf feine Stirn hie und da 
eine Furche gezogen. Er war kaum älter als Lottchen, aber 
sie sah viel jünger aus als er; und doch war dies ernste ge 
bräunte Männer-Antlitz schöner, als das des Jünglings; und 
das Haar war noch blond und dicht wie ehedem, und er- 
! inncrte an sein einstiges Aussehen. Ein fester, ernster Mann, ein 
> gereiftes schönes Weib, so standen sich Heinrich und Lottchen 
! Lindholz gegenüber. Aber vergebens spähte der Btann nach 
dem Schiinmer von Liebe in den Augen seines Weibes, nach 
dem er sich so sehnte. Klar ruhten die schönen braunen 
Sterne auf seinen Zügen und es durchschauerte ihn plötzlich 
so seltsam kühl, als sei es tiefer Winter. 
„Willkommen daheim, Vetter," sprach sie, und auch ihre 
Stimme klang eiskalt. 
„Vetter," wiederholte er tonlos, mit diesem einen Wort 
war ja Alles gesagt; es war ihm, als habe er ein Todes 
urtheil gehört. „Willst Du mir nicht Deine Hand geben?" 
fragte er und seine Lippe zuckte. 
„Gewiß," entgegnete sie ruhig und streckte ihm die Hand 
hin; sie war eiskalt. 
„Bist Du krank?" fragte er erschrocken. 
„O nein," entgegnete sie, „Du weißt, ich bin in meinem 
Leben nicht krank gewesen; verzeihe nur, daß Du so lange hier 
hast allein hausen müssen." 
„Du bist ja viel länger allein gewesen," sagte er weich, 
! er versuchte es noch einmal, an ihr Herz zu rühren, aber mit 
i derselben Ruhe entgegnete sie: „Ich war daran gewöhnt, ich 
; habe mich aber von Tempelhof aufgemacht, sobald mir Frau 
von Bethune Deine Ankunft meldete." 
Der Ton ihrer Stimme klang bitter, er merkte es nicht, 
sondern sagte zornig auffahrend: „Frau von Bethune!" 
„Sie besuchte Frau von Scharben und erzählte mir, Du 
! seiest daheim." 
Heinrich bog sich vor, um aus den Zügen Lottchens zu 
j lesen, was Frau von Bethune noch gesagt hatte, aber die 
! junge Frau wandte den Kopf ab und sprach immer mit der- 
j selben kühlen Ruhe weiter: „Wenn ich die Dame recht
        
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