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Periodical volume 29. Januar 1881, Nr. 18

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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in ihrer Einsamkeit für den Zwang der Gene, der sie beständig 
unterworfen sind, um der Menge zu imponiren. Sie steigen dann 
bis zu einer gewissen Stufe herab, so daß Diejenigen, die sie 
nicht kennen, sich ihre sonstige Hoheit nicht mit den Kleinigkeiten 
zusammenreimen können, die sie dann beschäftigen. Nun, Suetons 
Anekdoten über Caesar können besten Ruhme nicht den mindesten 
Eintrag thun: noch viel weniger meine Anekdoten dem Ruhme 
des Prinzen Heinrich, ein großer Mann zu sein, was er doch in 
der That gewesen ist. 
Also in den Stunden, in denen man gewöhnlich schon der 
Ruhe pflegt, konnte der Prinz, der sich das in der Jugend ange 
wöhnt, im Felde und im Lager beibehalten hatte, nicht schlafen 
und ging erst um 1 oder 2 Uhr Morgens zu Bette. Er brachte 
diese Zeit zu, indem er sich mit einem seiner Leute unterhielt, der 
ihn, sei es durch Skandalgeschichten aus der Stadt oder vom Hofe 
oder durch andere ergötzliche Themata nach seiner Meinung am 
besten amüsiren würde. Die einzigen Personen, die er in diesen 
nächtlichen Stunden bei sich behielt und deren Verschwiegenheit er 
kannte, waren gewöhnlich der Baron von Wreech, sein Busenfreund, 
Herr von Kapphengst, Herr von Knesebeck, ein reizender junger 
Mann, Lieutenant in des Prinzen Regiment, dann Mara und 
Bilguer. Der Letztere war in Späßen und Witzen unerschöpflich 
und erzählte ausgezeichnet. In Spandau war ich stets mit ihm 
allein. Die Stoffe, über die ich mit ihm sprach, indem ich ihm 
eine unendliche Menge Einzelheiten aus meinem Leben mittheilte, 
interessirten ihn um ihrer Neuheit willen so, daß er mich unablässig 
ftagte und unterbrach, um sich, wie er sagte, von den Sitten und 
dem Leben des Pariser Völkchens in Kenntniß zu setzen. Er fragte 
aber ebenso eifrig nach dem, was ich über das Leben der Leute 
in meiner Provinz wußte. Die Details und die Erläuterungen, 
die ich zu geben hatte, verursachten mir zuweilen ziemliche Ver 
legenheit; aber er hatte eine ganz eigene Gabe, auf andere Dinge 
überzugehen, in denen ich besser beschlagen war, sobald er bemerkte, 
daß ich nicht im Stande war, ihn zu beftiedigen. 
Einmal fragte er mich, ob ich mir nicht schon die Nativität 
hätte stellen lassen. Ich gestand ihm, ein altes böhmisches Weib 
hätte mir und meinen Kameraden, als wir aus der Schule kamen, 
unser Schicksal vorhergesagt. „Als sie aber fertig war und mir 
eine glückliche Zukunft prophezeit hatte, wollte sie zwei Liards 
für ihre Mühe haben. Da ich nichts hatte, so weigerte ich mich 
zu bezahlen, worauf sie sagte, ich würde in meinem achtzehnten 
Jahre gehängt werden. Ich sfteß sie nun mit Fäusten und meine 
Kameraden thaten dasselbe, um ihr Geld wieder zu haben. Dieser 
Umstand kam mir öfter wieder in Erinnerung und hat mich beun 
ruhigt, aber für immer von dem Wunsche befreit, mein zukünf 
tiges Schicksal zu erfahren." 
„Ihr habt ganz recht," sagte der Prinz, „aber Ihr würdet 
von der Unruhe befreit worden sein, wenn Ihr über die Ursache 
der Drohung nachgedacht hättet." 
„Ja," antwortete ich, „in so zartem Alter ist man indeß 
dazu nicht fähig; ich vermochte selbst in reiferem Alter noch nicht 
derartige Reflexionen anzustellen." 
„Also Ihr glaubt den Horoskopenstellern nicht?" 
„Nein, Monseigneur." 
„Nun, ich glaube daran und will Euch noch dazu sagen, daß 
ich selbst ein großer Wahrsager bin. Aber meine Wissenschaft 
besteht nur darin, angenehme Dinge vorher zu sagen; Alles, was 
verhängnißvoll ist, ist mir durchaus verborgen." 
„Es kommt mir nicht zu, Ew. Königliche Hoheit zu wider- 
sprechen." 
„Nein, nein, ich will Euch nicht zwingen, mir auf mein 
bloßes Wort hin zu glauben, ich will Euch nur beweisen, daß 
meine Wistenschaft nicht in der Luft schwebt oder dumm ist." 
„In dem Falle will ich Ihren Weissagungen glauben." 
Darauf nahm er ein Spiel Karten, setzte sich an einen Tisch 
und ließ mich neben sich sitzen; nach mehreren für mich unver 
ständlichen Bemerkungen über die Stellung der Könige und Damen 
sagte er unter Anderem, er wäre sehr ärgerlich, daß der Anblick 
einer Dame mir günstig wäre und das wäre ein übles Zeichen, 
denn die Frauen wären falsch und wenn ich mich ihnen widmete, 
so würde das meinem Glück im Wege sein. 
Ich wurde still und verlegen und er merkte, daß mir diese 
Unterhaltung nichts weniger als angenehm war. Er nahm indeß 
diesen Stoff nach einigen Tagen wieder auf und scherzte mehr als 
je über das Kapitel von den Frauen. Ich kannte meinen guten 
Herrn noch wenig: er wollte sich nur mit mir amüsiren. 
Eines Abends, als er bei guter Laune war, verfiel er auf 
sein Lieblingsthema und verlangte, ich sollte ihm frei und offen 
sagen, was ich von den Frauen dächte, denn er zweifelte nicht 
daran, daß ich einige Kenntniß von ihrem Charakter besäße. 
„Ich kann auf diese Frage nicht gehörig antworten," sagte 
ich, „ich kann nur von Hörensagen urtheilen und habe da freilich 
Urtheile gehört, die von dem Ihrigen weit verschieden sind, und 
meine Vernunft gebietet mir', mich auf die Seite Derer zu stellen, 
die die Frauen loben; auch habe ich selbst etliche Frauen kennen 
gelernt, die sehr achtungswerth sind." 
Ich dachte in diesem Augenblicke an meine gute Mutter, die 
ich aber nicht nannte. 
„Diejenigen," fuhr ich fort, „die sich auf die Seite des 
schönen Geschlechtes stellen, sagen, daß es am meisten dazu bei 
trägt, die Sitten zu mildern, die Geselligkeit angenehm zu machen 
und ihr eine Freiheit zu geben, von der man sich in Gesellschaften 
dispcnsirt, die nur aus Männern bestehen. Man nimmt nament 
lich in Paris von keiner Gesellschaft Notiz, in der sich nur Herren 
befinden, nur in der Gesellschaft von Damen bildet sich ein junger 
Mensch und lernt dort Lebensart." 
Er gab zu, daß die Frauen über eine Gesellschaft Anmuth 
verbreiten, meinte aber, dieser Vortheil wöge die Nachtheile nicht 
auf, indem sie die Jugend verweichlichten, die ihnen nur huldigte, 
um ihre Gunst zu genießen. 
„Es scheint mir natürlich," versetzte ich, „daß die Männer 
alle sittlichen Mittel anwenden, um edlen Frauen zu gefallen und 
durch sie zur Vollendung ihrer Existenz zu gelangen." 
„Wenn ich Euch so sprechen höre", sagte der Prinz lachend, 
„so würde ich mich nicht wundern, wenn ich Euch eines Tages 
von Kopf bis zu Fuß gewaffnet wie der Ritter von der traurigen 
Gestalt die Welt durchziehen sähe, wie Ihr mit eingelegter Lanze 
alle Leute zwingt zu bekennen, daß keine Dame sich mit der 
Eurigen vergleichen kann." 
„Ich glaube nicht, gnädiger Herr, daß ich in die Verlegenheit 
kommen werde, mir die Nippen einrennen zu lassen, um die Schön 
heit und die Ehre meiner Dame oder des weiblichen Geschlechts 
überhaupt anstecht zu erhalten; aber wenn es gälte, die Ehre 
einer Person zu vertheidigen, die meine Achtung verdient, so will 
ich nicht für mich bürgen". 
„Nun, habe ich nicht meinen Don Quixote gefunden? Ver 
traut mir Euer Geheimniß an, ich wills Niemandem verrathen. 
Auf mein Wort, nennt mir nur Eure Dame, ich will Euch über 
: die Frauen eines Befferen belehren, und Ihr werdet mir Dank 
i wissen". 
„Ich kann Ew. König!. Hoheit auf Ehre versichern, daß ich 
bis jetzt noch keine Dame kennen gelernt habe, die meine Aus- 
! merksamkeit hätte aus sich ziehen können. Indessen stehe ich nicht 
dafür, daß bei einer Person, bei der zur leiblichen Schönheit sich 
geistige Vorzüge gesellten, das Gegentheil stattfinden könnte". 
Er wollte nicht glauben, daß ich mir während meines vier 
jährigen Aufenthaltes in Paris meine Unschuld hätte bewahren 
l können, da ich, wie er sich ausdrückte, si beau garten, Paris aber
        
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