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Periodical volume 29. Januar 1881, Nr. 18

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Ächt Jahre am Hos des Prinzen Heinrich (1770—1778). ! 
Aus den Memoiren eines alten Franzosen. 
Deutsch bearbeitet von Ernst Lrrrst. 
(Fortsetzung.) 
Nachrichten von meinen Eltern; Herzensgute des 
Prinzen. 
Es wird erinnerlich sein, daß es mir verboten war, noch von 
Paris aus an meine Eltern zu schreiben. Nach meiner Ankunft 
in Berlin war es meine erste Sorge, das Versäumte nachzuholen. 
Ich schrieb ihnen die Geschichte meines Engagements, meiner 
Reise und meines Empfangs bei Hose. Ich bat sie um Verzei 
hung für meinen unfreiwilligen Fehler und um ihren Segen. Ich beru 
higte, so gut ich konnte, meine treue zarte Mutter und versicherte ihr, 
ich würde sie besuchen, sobald es sich nur thun ließe. Mein Vater 
war, wie früher erwähnt, ein abgesagter Feind der Dienstbarkeit 
und verabscheute Alles, was aussah wie ein Lakai. Er konnte 
sich nicht vorstellen, daß ich etwas mehr wäre und ließ mich das 
in seiner Antwort merken, aber er verzieh mir doch, da er, wie 
er schrieb, mir ein Urtheil über meine Lage zutraute, und ihn die 
Zusagen des Herzogs von Guines beruhigten. Er verhehlte mir 
nicht, daß meine Mutter in dem Gedanken untröstlich wäre, mich 
vielleicht nie wieder zu sehen. Der gute Vater sagte nichts. von 
seinen eigenen Gefühlen, aber sein Schmerz blickte doch durch, ob 
wohl er ihn hinter dem der Mutter verbarg. 
Eine Stunde nach dem Empfang dieses Briefes ging ich zum 
Prinzen, der mich hatte rufen lassen. Der Prinz bemerkte, daß 
ich noch tief ergriffen war, und fragte nach deni Grunde. 
„Es ist nichts, Monseigneur, es wird vorübergehen." 
„Wie! Ihr habt mir versprochen, aufrichtig zu sein und seid 
jetzt so zurückhaltend gegen mich?" 
Darauf hin erzählte ich ihm, daß ich dnrch einen Brief meines 
Vaters sehr bewegt worden sei, aus dem ich den Schmerz der 
Eltern über die weite Trennung herausläse; ich sprach auch von 
dem Verbot des Herzogs, noch von Frankreich aus die Meinigen 
von dem Wechsel meiner Schicksale zu benachrichtigen." 
„Ich will Euer zweiter Vater sein", sagte der Prinz, „schreibt 
Euren Eltern das!" 
Ich wollte ihm die Hand küssen, was er jedoch nicht zuließ. 
Als ich mich verabschiedete, fügte er noch hinzu: „Bemerkt auch 
in der Antwort an Euren Vater, ich hätte Euch mein Wort ge 
geben, für Euch zu sorgen und würde Euch einmal nach Frankreich 
schicken, wenn es anginge." 
Auf der Stelle antwortete ich meinem Vater und flocht genau 
dieselben Worte ein, die der Prinz gebraucht hatte. Wie auf 
richtig dieselben gemeint waren, davon hat sich mein Vater in der 
Folge überzeugt. 
Nun bekam ich bald meine gute Laune und meine Heiterkeit 
wieder. Ich setzte meine Waffenübungen und den Tanzunterricht 
fort, auch beschäftigte ich mich mit dem Lesen guter Bücher, die 
mir der Prinz durch seinen Bibliothekar Richer liefern ließ. Ich 
begann mit der Weltgeschichte, von der ich bis dahin keine Ahnung 
hatte. Hauptsächlich ließ mich der Prinz indessen die besseren 
französischen Dramen lesen, obgleich ich schon eine große Anzahl 
kannte und sogar Vieles davon auswendig wußte. Oft mußte 
ich dem Prinzen deklamiren oder Arien singen. Er war entzückt, 
daß ich am Theater Geschmack fände und die besten Schauspieler 
in Paris gesehen hätte, von deren Darstellungsweise ich ohne 
Zweifel Manches würde behalten haben, was mir bei den Vor 
stellungen, die er auf seinem kleinen Theater in Rhcinsberg zu 
geben gedächte, nützlich werden könnte. Im Juni wollte er dort 
hin abreisen. So ging ich nun einstweilen täglich in das fran- 
zösische Theater, denn der Prinz hatte mich in sein Abonnement 
ausgenommen. 
Die Leutseligkeit dieses großen Herrn, der sich herbeiließ, 
meine Anschauungen zu rektifiziren, indem er mir von seinem 
Wissen mittheilte und nnr stets auf die angenehmste Weise half, 
entwickelte merklich meinen Verstand und erweiterte meinen Ge 
dankenkreis. Ich hatte ein sehr glückliches Gedächtniß und behielt 
auch dasjenige, was der Prinz während der Lektüre zu mir sagte. 
Gott sei Dank, diese schöne Gabe hat mich auch jetzt noch nicht 
verlassen, da ich in den Achtzigern stehe. 
Die Zeit kam heran, wo wir uns nach Spandau begeben 
mußten. Dort verweilte nämlich der Prinz alljährlich sechs Wochen, 
um sein Regiment für die Heerschau vorzubereiten, die der König 
' abhielt. Dies Ereigniß kam mir-ganz gelegen, denn da ich den 
Prinzen begleitete, so entging ich der peinlichen Situation, die 
mir mein Verhältniß zu Mara bereitete. Denn obschon dieser sich 
freundschaftlich zeigte, schien er doch nicht mehr das Interesse an 
mir zu haben; vom Prinzen oder von meinen sonstigen Beziehungen 
zum Hofe sprach er nie mehr mit mir. Vielleicht gab meine 
eigene Zurückhaltung ihm dazu Veranlassung. Wir paßten nicht 
zusammen. Er schien es selbst mit Mißfallen zu bemerken, daß 
ich mich mehr und mehr in der Gunst meines Herrn befestigte. 
Aufenthalt in Spandau. 
In Spandau angekominen, wurde mir mit den beiden Pagen 
eine Wohnung beim Apotheker zugewiesen, da das Haus des 
Prinzen zu klein war, um sein Gefolge zu fassen. Mir war diese 
Einrichtung recht lieb, denn ich konnte mit den Pagen meine 
Uebungen ungestört fortsetzen. In der Begleitung des Prinzen 
befanden sich nur die Personen, welche ihm unumgänglich nöthig 
erschienen. Mara, Bilguer und selbst die Edelleute, sofern sie 
nicht Militairs waren, blieben in Berlin. Da der Prinz ein guter 
Musiker war und die Viola de Gamba fertig spielte, so nahm er 
in jedem Jahre zwei seiner Musiker mit, die ihn beim Spiel be 
gleiten mußten. Einer derselben, Namens Mathiß, ein prächtiger, 
gutherziger Mensch, hielt sich zu mir. Er überredete mich, mir 
von ihm Violinstunde umsonst geben zu lassen, und so fing ich 
mit großein Eifer an; da ich aber schon zu alt war und nicht die 
gewünschten Fortschritte machte, so verringerte mein Lehrmeister 
seinen Eifer bald, während ich den Muth nicht verlor und täglich 
mehrere Stunden übte. Ich brachte es durch meine Ausdauer 
doch dahin, daß ich recht gut begleitete und mir dadurch in meinem 
eigenen Hause später sehr angenehme Stunden verschaffte. Leider 
hinderte mich meine Kurzsichtigkeit. 
Bevor ich von meinen Funktionen beim Prinzen in Spandau 
erzähle, muß ich eine Idee von seiner Lebensweise und von seinen 
regelmäßigen Beschäftigungen geben, von denen er nur aus Reisen 
wich. Des Morgens las er die eingegangenen Briefe und Zeitungen, 
wohlverstanden französische, denn er las, wie der König Friedrich, 
nie etwas Deutsches; dann gab er seinem Sekretair die Befehle 
für die Correspondenz und ritt oder ging bis Mittag spazieren, 
wo er sein Regiment exerciren ließ. Die Lektüre ging von 5—7 
Uhr Abends vor sich. Während dieser Zeit beschäftigte er sich 
damit, Blumenzeichnungen, Schmetterlinge und andere Vorlagen 
auszutuschcn, mit denen er dann seine Zimmer in Rheinsberg 
tapeziren ließ oder die er verschenkte. Diese Art Arbeiten machte 
er sehr geschickt und trieb sie, so lange ich bei ihm war, sowohl 
in Berlin als in Spandau und Rheinsberg. In Spandau war 
ich sehr viel mit ihm allein und das waren Stunden, in denen 
er mich zu meiner Verwunderung über viele Gegenstände belehrt hat. 
Allabendlich um 9 oder 10 Uhr, wenn er die Tafel aufhob, 
! bei der er nur den Zuschauer abgab, denn er aß nie Abendbrot, 
mußte ich in sein Zimmer kommen, um ihm in der Regel bis 
! Mitternacht oder ein Uhr Gesellschaft zu leisten. Ich wollte hier 
' gern einen Schleier über die Schwächen des guten Prinzen werfen, 
' die er mit Seinesgleichen theilte. Diese Herren entschädigen sich
        
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