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Periodical volume 29. Januar 1881, Nr. 18

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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was sagt mein Freund, daß ich ihn gleich bei seiner Heim 
kehr begrüßte, bin ich nicht zärtlicher und aufmerksamer als 
sein Weib, das in Tempelhof dem geliebten Junker von 
Scharben nachweint, der die blauen Augen der kleinen Jda 
schöner fand, als ihre braunen Sammetaugen!" 
„Clotilde," sagte Heinrich, dicht vor das schöne Weib 
hintretend, „Ihr seid ein Dämon, aber ich bin entschlossen, 
dem Kampf mit Euch nicht mehr aus dem Wege zu gehen, 
sondern ihn aufzunehmen und fortzusetzen bis an's Ende." 
Sie erhob sich. „Es sei," sagte sie, „daß ich Geduld 
habe, das habe ich Euch bewiesen, seit Jahr und Tag bin 
ich in Berlin, die Fäden meines Netzes ziehen sich über Eurem 
Haupte zusammen und kann ich Euch uicht treffen mit meiner 
Rache, so treffe ich Euch doch eines Tages in Eurem Heiligsten!" 
Drohend war ihre Hand erhoben, ihre Augen sprühten 
Flammen. „Versucht's," entgegnete er kalt. „Mein Heiligstes 
ist von jetzt an mein Weib und mein Haus und daß Ihr 
seine Schnelle nicht überschreiten sollt, dafür stehe ich 
Euch." 
Der Ausdruck in den schönen Zügen der Dame änderte 
sich, weicher blickten die Augen. „Armer Heinrich," sagte sie 
leise, „ich habe doch Mitleid mit Dir, Du hast Niemanden, 
der Dich liebt, sieh Dir Dein Weib an, ob sie nicht dahin 
siecht an einer unerwiederten Liebe, o Heinrich, wenn Du einst 
müde und reuig zu meinen Füßen zurückkehrst, dann sollen 
alle Intriguen aufhören —" 
Sie kam nicht weiter, Andreas kehrte mit Jda's Buch 
zurück, er begleitete sie zu ihrem Wagen und begab sich dann 
wieder zu seinem Neffen, der erregt im Zimmer auf und ab 
schritt. 
„Wie kamst Du zu dem Weib," herrschte er den 
Oheim an. 
„Aber Junge," lachte dieser, „es ist ja Deine alte Flamme, 
weißt Du noch, wie wir sie für eine Spionin Frankreichs 
hielten, weil sie Bethune heißt, und wie sie schließlich unserem 
Kurfürsten große Dienste leistete. Sie steht sehr in Huld und 
Gnade am Hofe, und die Weiber sind ihr spinnefeind. Deine 
Frau vorab, die am ganzen Leib zittert, wenn sie nur ihren 
Namen hört und doch keinen Grund dafür angiebt." 
Heinrich erstaunte über diese Mittheilung; hatte Lottchen 
nur eine dunkle Ahnung, daß diese Frau ihre bitterste Feindin, 
oder wußte sie von den Beziehungen ihres Mannes zu der 
Französin, hatte diese selbst ihr Gift in's Ohr geträufelt? 
Was wollte sie aber mit ihren Andeutungen über eine Nei 
gung Lottchen's zu Levin? Heinrich wußte, wie falsch und 
verlogen Clotilde war, und dennoch siel dies Wort ihm schwer 
auf die Seele! Er hatte ja immer an eine tiefere Liebe 
zwischen diesen Beiden geglaubt, lag sie nun lediglich auf 
Lottchen's Seite? 
„Ich weiß nur gar nicht, tvie Jda dazu kommt, sie her- 
zuschicken, die liebt sie doch sonst nicht so," sprach der Oberst 
wachtmeister weiter, „und das Buch hätte sie doch auch nicht 
so eilig gebraucht." 
„Aber dieser Teufel benutzt jeden kleinen Umstand und | 
hat seine Späher überall," knirschte Heinrich zwischen den 
Zähnen. 
„Deine alte Flamme scheint Dir recht im Wege zu sein," j 
lachte Andreas, „na, sei nur still, ich verrathe ja nichts an 
Lottchen, brauchst ja meiner Oberstwachtmeisterin auch nicht ; 
alle meine Abenteuer mitzutheilen, obwohl sie sehr nach 
sichtig ist." 
„Mein Weib könnte ruhig erfahren, tvas zwischen mir 
und Clotilde vorgegangen," entgegnete Heinrich ernst, „ich 
Braut vor dieser schillernden Schlange hütet." 
Nach einer Stunde etwa kam die Frau Oberstwacht- 
- Meisterin zurück, und meldete Heinrich, daß Alles im Hause 
j für ihn bereit sei. Ihr Antlitz tvar aber finster wie die Nacht 
und Andreas fragte, was ihr zugestoßen. 
„Ich habe dem Thund aufgekündigt," sagte sie zornig, 
„was hat er von der französischen Dame Geld zu nehmen 
und sie Euch unangemeldet in's Zimmer zu schicken. Wenn 
die Frau vom Haus nicht daheim ist, geht eine ehrbare Frau 
ihres Weges und wer fremder Leute Dienerschaft besticht, der 
hat nichts Gutes im Sinn." 
Kein Wort wagte das fidele Bierhuhn gegen das Haus 
regiment seiner Frau Oberstwachtmeisterin. 
Im Abenddämmern wanderte Heinrich Lindholz in sein 
leeres Haus zurück, in dem ihn Johanne, die in Lottchens 
Abwesenheit öfter dort nach dem Rechten sah, erst hatte 
legitimiren müssen. Als der Oberstwachtmeister mit seiner 
Gemahlin allein war, sagte er gutmüthig: „Wir hätten den 
Heinrich hier behalten sollen, in unserer Gaststube ist Platz 
genug, er sitzt in dem großen Hause so allein." 
„Laß Du ihn da nur sitzen, Oberstwachtmeister," er 
widerte Johanne, „Lottchen hat so viele Jahre allein drin 
aushalten müssen, jetzt kann er sehen, wie's thut." 
„Er dauert mich aber." 
„Mich auch, aber es ist ihm besser so!" 
Das war die Herzensmeinung Johanne's; sie wollte jetzt 
über den Beiden wachen, und die französische Madame, die 
in Alles ihre Nase.steckte und immer so spitze Reden gegen 
Lottchen führte, sollte sich vor ihr hüten. 
Der Oberstwachtmeister hatte inzwischen seine Pfeife aus 
geraucht und sah traurig in den leeren Bierkrug. 
„Hannchen," rief er, „mein Krug ist leer." 
„Das Abendbrod ist gleich bereit," schallte es zurück, 
„und Du sollst einen guten Nachttrunk haben, aber erst sag', 
wie steht's mit dem Katechismus?" 
Der Oberstwachtmeister kratzte sich hinter den Ohren. „Es 
tvird mir doch furchtbar sauer, Hannchen," seufzte er. 
„Darum belohne ich Dich auch," entgegnete sie und blieb 
mit untergeschlagenen Armen vor ihm stehen. „Ich kann 
aber keinen Mann brauchen, der von Katechismus und Bibel 
und Religion nichts mehr weiß." 
Und seufzend nahm Andreas Lindholz Luther's kleinen 
Katechismus hervor, aus dem er alle Tage eine Seite aus 
wendig lernen mußte, sonst erzählte ihm seine Frau kein Mär 
chen und keine Sage und verkürzte ihm seinen Nachttrunk um 
die Hälfte. 
So erzog die Frau Oberstwachtmeisterin ihren doch immer 
hin etwas verwilderten Oberstwachtmeister allgemach wieder 
zu einem ehrlichen Christenmenschen. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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