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Periodical volume 22. Januar 1881, Nr. 17

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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violette Dächer bekommen, weil ich keine andere Farbe mehr 
hatte; so, da ist auch der goldgelbe Thurm von Breisach, hei 
und das braune Pferd in Annhoff, das war einst mein höchster 
Wunsch, wie kommt das Buch hierher, ich schenkte es einst 
Heinrich Lindholz, sollte der zu der Flotte da im Hafen ge 
hören und im Wappen von Algarbien wohnen?" 
Er wollte sich erheben, als ein Schatten über den Weg 
fiel und der Spielgefährte vor ihm stand. Sein Antlitz war 
gebräunt durch Seewind und südliche Sonne, aber das blonde 
Haar fiel ihm voll und dicht aus die Schultern und die 
blauen Augen sahen klug und verständig drein. 
„Scharden," rief er, dem Andern die Hand hinstreckend, 
„Dein Holländer nannte mir Deinen Namen, wir haben uns 
lange nicht und das letzte Mal nur flüchtig gesehen, finde ich 
Dich nun wie in den Tagen unserer Kindheit beim Thesaurus?" 
„ES ist noch immer keine märkische Stadt drin," ent- 
gegnetc Levin, die Hand ergreifend; das Buch aber ließ er 
nicht los, „weißt Du noch, wie wir nach Frankfurt am Main 
gehen und Eberhardt Kiefern, Bürger und Kupferstecher, der 
das geliebte Buch publizirt und verlegt hat, zwingen wollten, 
Berlin und Cöln an der Spree mit hinein zu thun? Und 
dies Kleinod läßt Du, Undankbarer, unter einer Aloe liegen, 
wär's noch 'ne märkische Kiefer!" 
„Ich sitze gern dort auf der zerbrochenen Säule und 
meinen Thesaurus trägt mir Niemand fort," erwiderte Heinrich, 
„aber komm' in den Hof, da ist's kühl, und wir können bei 
einem Becher Portwein von daheim plaudern, oder soll Dir 
die kleine Alma, meiner Wirthin Tochter, die Toffa vor- 
tanzen?" 
„Mache mir nichts aus den schwarzbraunen schmutzigen 
Dingern," wehrte Levin ab, „aber gegen Portwein habe ich 
nichts einzuwenden. Wein braucht nicht nothwendig blond zu 
sein, Weiber aber immer, das heißt, wenn sie mir gefallen 
sollen." 
Arm in Arm gingen die beiden Freunde in den kühlen 
Hof, die kleine Alma, die allerdings schwarzbraun und schmutzig 
war, aber die schönsten dunkeln Augen von der Welt hatte, 
brachte den schweren tiefrothen Wein, geröstete Kastanien, 
weißes Brod, Butter und Sardellen. Dann verschwand sie 
im Hause, und Heinrich Lindholz fragte: „Wer soll anfangen 
mit dem Erzählen?" 
„Du," cntgegnete Levin, „denn Du hast unter dem rothen 
Adler gestritten, und das ist weit wichtiger als unser Leben 
daheim." 
„Doch möchte ich zuvor wissen, ob meine Frau sich in 
erwünschtem Wohlsein befindet," fragte Heinrich etwas steif 
und förmlich zwar, aber er fragte doch nach ihr. 
Levin schlug sich vor die Sttrn. „Das hätte ich Dir 
freilich erzählen sollen. Deine Mutter ist heim." 
„Gott sei Dank," sagte Heinrich, aber er fuhr sich doch 
mit der Hand über die Augen. „Und Lottchen?" fragte er 
dann. 
„Sie ist gut und lieb wie immer," cntgegnete Levin, 
„und wird alle Tage schöner." 
Heinrich sah in seinen Becher, seine Lippe zuckte. 
„Und nun erzähle," bat Lcvin, „mich drängt zu hören, 
wie Ihr den Spanier faßtet?" 
Die blauen Augen des Lindholz leuchteten auf. „Es 
war ein tollkühnes Unternehmen," sagte er, „sechs Fregatten 
von 24 Kanonen mit 600 Matrosen und 301 Soldaten, die 
sollten gegen Spaniens Seemacht ziehen. Das war ein Ge 
danke, den nur Friedrich Wilhelm fassen konnte, und das 
Glück war' mit uns. Hast Du's gehört, daß wir an den 
niederländischen Küsten ein spanisches Schiff eroberten, den 
Karl den Andern, der mit Brabanter Spitzen und Leinwand 
geladen war." 
„Freilich," nickte Levin, „die Weiber sogar redeten von 
nichts Anderem als von der Kriegsbeute, welche die Branden 
burger zur See errungen und mit großen Kosten hat sich Dein 
Weib, ich weiß nicht wie viel Ellen solcher Spitzen in Pillau 
kaufen lassen; sic trägt sie Sonntags in der Kirche und läßt 
sich anstaunen, denn Du hast sic doch miterobert." 
Es flog ein leichtes Roth über das gebräunte Männer- 
antlitz, als er von solchem Thun seines Weibes vernahm, 
hastig aber sprach er weiter: „Die Spanier haben ehrlich ge 
tobt, wir aber segelten lustig nach Amerika und machten noch 
zwei Prisen. Dann kreuzten wir in den portugiesischen Ge 
wässern, denn die Portugiesen sind unsere besten Freunde, 
schon weil die Spanier unsere Feinde sind, aber nun machten 
die Spanier Ernst, zwölf Galiottcn schickten sic gegen uns; 
zwei Stunden haben wir uns bis auf's Blut gewehrt, dann 
segelten wir hierher nach Lagos. Wir können den Spanier 
zur See uicht überwinden, er zertrümmert uns, wenn er auch 
nur einen Theil seiner Kriegsschiffe gegen uns sendet, wir 
kehren in diesen Tagen heim, aber den Schreck und den 
Schaden hat er doch davon." 
„Und die Zeit wird kommen, da auch zur See Branden 
burg herrscht," meinte Levin, „weißt Du, wohin ich schiffe?" 
„Wie soll ich's wissen?" 
„Nach Afrika," cntgegnete Scharden, „dort lebt ein 
Mann, der hat gewaltige Pläne für Brandenburg, ich habe 
Briese an ihn von Nippern, der hat ihn einst gekannt, hat ihm 
wohl seinen Reichthum zu danken." 
„Ihm und nicht dem Stein der Weisen?" 
Levin lachte. „So wenig wie Du und ich besitzt Joachim 
von Nippern den Stein der Weisen, jener Mann aber kann 
uns sehr wichtig werden. Es umgeben ihn Geheimniffe aller 
Art, nicht einmal seinen Namen weiß ich, aber ich glaube, es 
ist der Vater Deines Weibes." 
Heinrich sprang auf. Levin drückte ihn wieder auf seinen 
Sessel. „Es ist so, ich kann mich nicht von dem Gedanken 
losreißen, und da es doch gailz gleich war, wohin ich ging, 
so will ich Deines Weibes Vater aufsuchen, freilich alle Zeit 
im Dienste Brandenburgs!" 
„Warum willst Du thun, was mir zustünde," erwiderte 
Heinrich und sah sich den Freund mißtrauisch an, „ich habe 
noch nie daran gedacht." 
„Von Kind auf hat mich die dunkle Geschichte Eures 
Hauses beschäftigt," nahm Levin das Wort, „und ein Stück 
Abenteurerthum steckt noch in uns Allen vom großen Kriege 
her. Du weißt es ja von Dir selber, das müssen erst lange 
Friedensjahre herausbringen." 
„Treibt Dich nur die Lust nach Abenteuern vom Hause 
fort?" fragte Heinrich. 
„O nein," lachte Levin, „vielmehr meine Mutter, ich 
soll mein Herz prüfen, ob es die vergessen kann, der es ge 
hört in Freud' und Schmerz, wenn» auch nur ein namenlos 
Kind ist."
        
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