Path:
Volume 8. Januar 1881, Nr. 15

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

179 
wie der gelehrte Pastor Schwebet, der das Gretchen aus 
Stralow längst geheirathet hatte, jetzt Geistlicher im Lande 
Lebus und nur zum Besuch in Berlin war, da war der noch 
gelehrtere Professor Hölzlein aus Frankfurt an der Oder, der 
wohnte im Sandthurme und zankte sich alle Tage dreimal 
mit seinem Wirth über lateinische und deutsche Urkunden aus 
der Zeit des großen Waldemar, bei welchem Streit dann der 
Rathsherr Riedel, der noch gelehrter war als Alle Mammen, 
den Schiedsrichter machen mußte. Kamen die gelehrten Herren 
bei ihren Streitigkeiten aber zufällig in die Nähe des Bären 
zwingers, so schwiegen sie klüglich still, denn der Junker von 
Nippern hatte den gewaltigen Brummer dressirt wie einen 
Hund, so daß er ein mächtiges Geknurr erhob, wenn man 
nicht fein sacht mit seinem Herren umging. Die vier Herren 
standen jetzt freilich in sehr friedlichen: Gespräch an der Wasser 
kunst, der Junker von Nippern überragte sie Alle, iväre der 
eisgraue Vollbart nicht gewesen, der ihm ganz gegei: die Sitte 
der Zeit über die Brust fiel, kein Mensch hätte ihm den Sech 
ziger angesehen, denn seine grauen Augen blitzten jugendlich 
hell. Die stattliche Figur war in zwiefach grau und gold 
gekleidet; die Züge seines Antlitzes waren ernst, wenn aber 
sein Weib den Weg herauf kam oder sich auf seinen Arn: 
lehnte, dann leuchtete es auf in seinen Zügen und der ge 
fürchtete Junker von Nippern hatte gar nichts mehr vom 
Zauberer. Die schöne Else von Dahlewitz und Kiekmahl sah 
so recht aus wie eine märkische Edelsrau; obgleich sie auch die 
Jüngste nicht mehr war, hatte sie doch ein weiß und rothes 
Antlitz mit blondem Haar und blauen Augen, eine volle 
stattliche Gestalt und ein sehr würdevolles Benehinen. Gegen 
Niemand aber war sie so würdevoll und herablassend, wie 
gegen die beiden Franzosen. Offenbar gefielen ihr diese beiden 
Gäste ihres lieben Eheherrn gar nicht und sie stimmte darin 
mit Frau von Scharben überein, die gar keine Freude bezeugte, 
auch einmal Landsleute zu sehen, obgleich diese sie mit einem 
Schwall von Liebenswürdigkeiten überstürzt hatten. Die bei 
den Frauen waren mißtrauisch, gegen die Dame nanientlich, 
die sich von den Herren so ungescheut den Hof machen ließ, 
daß sie selbst den Professor Hölzlein, in den Kreis ihrer Anbeter 
zog. Nur Einer schien von den dunkeln Augen der Französin 
nicht angezogen zu werden, gerade der, welcher sonst einem Paar 
schöner Frauen-Augen am wenigsten aus dem Wege ging, Levin 
von Scharben; der tollte mit Jda und den Söhnen des Junkers 
im Rupfgarten herum, als sei Clotilde von Bethune gar nicht 
in der Welt. Den Rupfgarten nannten sie die Gartenwildniß 
hinter dem Junkerthurm, weil die kleinen Junker schön von 
früh an darin Alles abrupfen dursten, was ihnen behagte, sie 
konnten auch pflanzen, was sie wollten, und so ivar denn end 
lich die Wildniß entstanden, die Jda's höchstes Entzücken her 
vorrief und ihr tausendmal besser gefiel, als der Lustgarten 
hinter dem Wohnhaus. Mit leuchtenden Augen folgte Levin 
jeder Bewegung der geschmeidigen Gestalt, er sah, wie die 
Sonne auf dem Blondhaar spielte, daß es schimmerte wie 
fließend Gold, und er sah, wie tausend Kobolde in den blauen 
Augen zu lachen schienen. Da lehnte sie an dem wilden 
Rosenstrauch und bog einen Zweig desselben über ihre weiße 
Stirn, selber eine wilde Rose, und der junge Mann seufzte 
tief auf. 
„Mein Sohn," sagte da plötzlich seiner Mutter Stimme 
dicht neben ihm, die doch immer so ganz anders klang wie 
die der anderen Frauen des Landes; er wandte sich um und 
bot ihr den Arm, um sie nach dein Lustgarten zurückzuführen, 
sie wehrte ihn ab nnd deutete auf eine Brettcrbank, welche die 
kleinen Junker offenbar selbst gezimmert hatten. Er geleitete 
sie dahin und setzte sich neben sie. 
„Ich sah, mein Sohn," begann die Johanniterin, „daß 
Deine Augen Jda nachblickten, wahrscheinlich hast Du dieselbe 
Entdeckung gemacht wie ich; sie ist kein Kind mehr und ihre 
Erziehung muß einer anderen Hand übergeben werden als der 
meinen, die zu schwach ist dieser lieblichen Mädchenblüthe 
gegenüber. Die Kurfürstin hat schoi: ein paar mal angefragt, 
ob ich sie nicht ihren Hoffrauenzimmern einreihen will; der 
Kurfürst will ihr Rainen und Titel geben, ich darf nicht 
länger zögern." 
Ein Schatten flog über Levins schönes Antlitz. „O Mutter, 
wärmn wollt Ihr aus der wilden Rose eine Treibhauspflanze 
machen, warum wollt Ihr sie nicht lassen wie sie ist?" 
„Warum?" Die Dame sah den Sohn durchdringend 
an, der den Blick vor ihr senkte. 
„Ich weiß es," brach er plötzlich los, und seine Augen 
flammten, „Ihr seid eine kluge Frau, Ihr habt gesehen, daß 
mein Herz an diesen: Kinde hängt, da wollt Jhrs hineinschicken 
in die trübe heiße Hofluft, damit ihr der Reiz genommen 
werde, damit es werde wie die Anderei:, wie diese lachende 
schwatzende Dame Clotilde vielleicht, und Levin von Scharden 
erkenne, daß er sein Herz in eine Pfütze geworfen." 
„Was habe ich ineinen: Sohn gethai:," entgegnete die 
Dame ernst, „daß er vo>: mir glaubt, ich gehe darauf aus, 
ihm weh zu thun? Will ich nicht vielleicht dies wilde Rös- 
lcin darun: an den Hof bringen, daß sie lerne was einer 
künftigen Patrizierftau zukommt; will ich's nicht vielleicht darum 
thun, weil's inciixc Pflicht ist, daß sie auch >wch andere 
Männer sehe, als dei: einen Levii: von Schardci:, dainit sie 
mir nicht einst sagen könne, daß sic ahnungslos in ein Schicksal 
gegangen, das sie nicht gekannt. Soll mein Kind, denn wie 
mein Kind liebe ich diese sremde heimathlose Blume, mich oder 
Dich einst mit so todestraurigen Augen ansehen wie Lottchen 
Lindholz?" 
Der Sohn hatte vor der Mutter das Knie gebeugt und 
küßte ihre schmale Hand. „Vergebt mir," bat er. 
Sie strich ihm über das dunkle Haar, „Liebe ist rück 
sichtslos," sagte sie mild, „das ist nicht anders." 
Er stand auf und führte sie zur Gesellschaft zurück, dann 
aber eilte er wieder nach dem Rupfgarten. Jda und die drei 
Knaben Nipperns saßen auf dem Rasen, und gaben sich 
Räthsel auf; wahrscheinlich hatten sie sich müde getollt und 
wollten nun ausruhen. Auch Lottchen saß da unter den 
Kindern, sie hatte sich vor den Gluthblicken des Franzosen 
hierher geflüchtet. „Rathet," sagte eben Jda, „was ist das? 
Man schneidt mich, daß es schmerzt, wie zeugen meine Thränen, 
Die doch von mir die Aerzt ohn Ursach, nicht entlehnen. 
Wenn nun die Soinmerhitz mich ganz getrocknet ab. 
Alsdann ich meinen Feind mit Laub und Früchten lab'." . 
„Der Wein," rief Levin, „Ihr habt gewiß an Lottchens 
Weinberg gedacht, der mit seinen glotzenden und strotzenden 
Trauben den Winzersleuten seine milde Sanftmuth gleichsam 
Preis bot, welche doch vor etlichen Monaten von denselben 
hart verletzet und übel behandelt worden ist, daß sie es mit 
häufigen Thränen oft beklagen müssen und nichts desto minder
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.