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Volume 1. Januar 1881, Nr. 14

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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geffen, wie uns die dreißig Jahre Krieg gethan, die wir noch 
nicht überwunden? Ich sage Euch, Ruhe muß es werden in 
diesem lieben Lande Brandenburg, wenn es ganz mächtig und 
herrlich werden soll!" 
„Ei, Altmeister Hörmann," nahm ein Anderer das Wort 
und reichte sein geschliffenes Venetianerglas mit dem hohen 
Fuß, in dem schlesischer oder märkischer Rebensaft gar nicht 
übel funkelte, zu dein Alten hinüber, um mit ihm anzustoßen, 
„Ihr sollt doch nicht zu arg gegen den Krieg reden, denn 
iin Frieden werden doch nicht halb so viel Degengefäße ver 
braucht als im Kriege." 
„Mag sein," entgcgnete der alte Hörmann, „aber für 
den Bürger ist der Friede beffer als der Krieg." 
„So, und was macht der Derfflinger mit uns, seinen 
blauen Kindern?" rief der Oberstwachtmeister Lindholz, „soll 
er uns Alle garten schicken?" 
„Gott bewahre uns vor den gürtenden*) Soldaten," 
rief der Handschuhmacher Dießbach mit aufgehobenen Händen, 
„wir kennen sie voin Kriege her." 
„Es giebt ja doch immer Krieg auf dem Erdboden," 
rieth ein Rathsherr und zupfte an dem Linnenkragen, der 
sauber gefältelt über das knapp anschließende Wams von 
holländischem Tuch fiel, „sic müssen eben einem andern Herrn 
dienen." 
„Wer dem großen Kurfürsten gedient," entgegnete Lind 
holz, „der dient keinem Andern." 
Er hob seinen mächtigen Krug, denn die feinen Venetia- 
nischen Gläser und den Wein verschmähte er mehr und mehr, 
und leerte ihn auf einen Zug. 
„Ich will's Euch sagen," meinte Wiebeck bedächtig, „die 
Soldaten müffen hier bleiben, unsere Städte und Marken 
bewachen, damit der Feind gar nicht erst hineinfällt." 
„Schöne Kommission, das Bürgerpack zu bewachen," 
brummte Lindholz in seinen Krug hinein; der alte Hörmann 
aber sagte: „Sonst bewachten wir uns selbst, und im Kriege 
sogar haben unsere Fahnen lustig geweht neben denen von 
Brandenburg, Stendal, Soltwedel und den Andern." 
„Das geht nun eben nicht mehr," belehrte der Schneider 
meister List die Gefährten, „es ist eben eine andere Zeit ge 
kommen." 
„Aber keine bessere!" klagte Hörmann. 
„Nun da soll doch der Teufel siebenzehn Mal Rad 
schlagen," fuhr Lindholz auf, „ich dächte, das müßte ein 
Blinder einsehen." 
„Aber kein Alter", lachte der Zimmermeister Kneib, einer 
der angesehensten in der ganzen hochberühmtcn Zunft, „die 
' finden immer nur die Zeit schön, wo sie jung waren; nun, 
Herr Oberstwachtmcister, wollet Ihr uns schon verlassen?" 
wandte er sich an Lindholz. 
„Muß wohl," entgcgnete er, „habe eine Botschaft an 
meines Bruders Tochter, an die junge Lindholzin auf dem 
Molkenmarkt." 
„Eine wackere Frau," riefen mehrere der Meister zugleich, 
„ein tüchtig Weib, eine Berliner Hausfrau, wie sie im Buche 
steht." 
Erstaunt sah Lindholz die Männer an. „Ihr meint 
*) Verabschiedete Soldaten, die sich von Plünderung und Raub 
ernähren. 
wohl meine Schwägerin?" ftagte er dann ganz betroffen 
über solches Lob. 
„Nein, nein, die kleine Lotte," schallte es zurück, „die 
wir Alle haben aufwachsen sehen." 
„Seltsam, seltsam," murmelte Andreas, schon einmal 
hatte er Lottchen loben hören, draußen vor Stettin von Einein, 
der nun auch schon todt war. Ob Heinrich sich zu solchem 
Lobe gefreut hätte, wußte er nicht, denn dieser sprach niemals 
von seiner Frau, am wenigsten mit dem Obristwachtmeister. 
„Bin doch neugierig, wie sie meine Botschaft aufnehmen 
wird," dachte Andreas, während er durch die dunkelnde 
Nacht dem Molkenmarkt langsam zuschritt. Jetzt stand er 
vor dem Hause und klopfte; eine Magd, die eine Laterne in 
der Hand trug, öffnete vorsichtig. 
„Laßt mich nur ein, Dirne, ich gehöre zum Hause," 
sagte er mit tiefer Stimme. 
„Kann Jeder sagen", klang es zurück, „weist Euch deut 
licher aus!" 
„Holla Dirne," schalt der Obristwachtmeister, „keimst Du 
den blauen Rock von Derfflinger Dragonern nicht, soll Andreas 
Lindholz vor der Thüre seines Vaterhauses um Einlaß betteln?" 
„Oeffnc, Johanna," sprach eine weichere Stimme da 
zwischen, „es ist mein Ohm, ich höre es." 
Die Hausthür wurde jetzt ganz geöffnet, der Obristwacht 
meister riß dem Mädchen die Laterne aus der Hand. „Muß 
doch sehen, wie der Wciberkopf aussieht, der mir den Weg 
versperrte." 
Er hob die Laterne und leuchtete dem Mädchen in's 
Gesicht. 
„Donnerwetter", fluchte er bann, „das ist ja ein Pracht 
mädel!" 
Unmuthig trat Johanna zurück, aber vor dem alten 
Krieger stand Lottchen Liudholz in tiefer Traucrkleidung, die 
sie noch kleiner und blasser als sonst erscheinen ließ. Zu 
dein dunkeln Haar und den braunen Augen ließ die Trauer 
überhaupt nicht gut, sie sah neben der großen stattlichen 
Johanne wieder einmal recht unbedeutend aus, dennoch sagte 
sie nicht ohne Würde: „Tretet näher, Ohm, der Hausflur 
ist doch kein geziemender Ort für Euch!" 
Der kupferne Leuchter in ihrer Hand bebte leise, sic ahnte 
nicht, was diesen rauhen Mann, vor dem sie sich immer heim 
lich fürchtete, jetzt hierher führte. Eilig rief sie der Magd 
noch einen Befehl zu, dann ging sie ihrem Gast voran in 
die Wohnstube. 
„Du bist in Trauer?" sagte Lindholz auf der Treppe. 
„Vor acht Tagen haben wir Marie Lindholz begraben," 
entgegnete sie und eine Thräne trat in ihr Auge. 
„Ich glaube gar, Du heulst, statt Gott zu danken, daß 
Du die Last los bist." 
Lottchen antwortete nicht; der harte Mann hätte es doch 
nicht verstanden und begriffen, daß ein Frauenherz allemal 
die vermißt, die von ihm abhängig waren, denen es gut 
thun konnte, auch wenn es noch so viel Last mit ihnen 
hatte. 
„Ich habe eine Botschaft an Dich", nahm er das Wort, 
nachdem er sich gesetzt. 
„Von Heinrich?" sagte sie lebhafter. 
„Hast Du Dich nicht gewundert, daß er nach dem Frie 
den nicht zurückgekommen?"
	        
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