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Periodical volume 1. Januar 1881, Nr. 14

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Anblick der Stadt Paris ist von der Seite, woher ich kam, der 
schönste und imposanteste, den man sich denken kann. So weit 
das Auge reicht, sicht man die berühmtesten Bauten, die Tuilerien, 
das Louvre, zur Rechten der Seine das Hotel des Invalides, den 
Palast Bourbon, die Münze, das College des quatre nations. 
Diese Gebäude präsentircn sich um so vortheilhaftcr, als sic sämmtlich 
irci stehen. Bon jenem Corsoplatze aus sicht man in der Entfer 
nung die majestätischen Brücken über die Seine, als Hont Royal. 
Font du ehange, Pont de St. Michel, Pont neuf mit der Statue 
Heinrichs des Vierten und der Samaritcrin. Alle diese Herrlich 
keiten sind in der Ferne von den Thürmen der Notre-Daine-Kirche 
begrenzt. Wenn nicht mehrere Brücken mit ziemlich hohen Häusern 
beladen wären'), so hätte man den kostbarsten Blick die ganze 
Seine und somit fast die ganze Stadt entlang. Trotzdem aber 
machte der Anblick der Stadt und ihrer Schönheit einen so entzückenden 
Eindruck auf mich, daß ich plötzlich still stand und ausrief: Hier 
gehe ich nie wieder fort! — Worte, die Hachard mit Enthusiasmus 
wiederholte. Ich ahnte das Elend und die Leiden nicht, die 
meiner dort harrten. 
Wir setzten unsern Weg fort, gingen über den Greve-Platz, 
wo das Stadthaus ist, das jedoch für eine Stadt wie Paris nicht 
nobel genug aussieht und verloren uns in die rue de la mortellerie, 
um uns in die Herberge der Pcrrückenmacher zu begeben, wo wir 
bis zum Antritt unserer Stellungen zu bleiben gedachten. Ich 
hatte bis dahin nicht viel Zeit mehr zu verlieren, denn die Reise 
und die Stationen, die wir unterwegs gemacht, hatten meinen 
Geldbeutel erschöpft, so daß ich nur noch einige ersparte Franken 
besaß, mit denen ich nicht weit kommen konnte. 
Als ich in diese Straße de la mortellerie einbog, die schmutzig, 
eng und düster ist —, und einen Vergleich mit dem eben Gesehenen 
anstellte, traute ich kaum meinen Siniren und fragte mich, ob diese 
abscheuliche Straße mit ihrem erstickenden Gestank zu Paris ge 
hören könnte. Aber dies war noch nichts gegen das, was uns 
vor Augen und Nase kam, als wir den Fuß in unsere Herberge 
setzten. Alan stelle sich meine Uebcrraschung vor, als ich in ein 
Zimmer trat und dort 20 — 30 junge Leute fand, meist schmutzig 
und mit schändlichen Krankheiten behaftet, aus denen sie kein Ge 
heimniß machten, in das allertiefste Elend versunken. Die Wirthin, 
schon in vorgerücktem Alter, war sammt ihrem Manne ebenso 
schmutzig und erbärmlich gekleidet wie die übrige Umgebung: wer 
es nicht sah, hat nur eine unvollkommene Anschauung von dieser 
gräßlichen Scene. Das Zimmer, in das wir eintraten, diente zu 
gleich als Küche; von da ging es in das Schlafgemach, um dessen 
Wand entlang sich ein mit Stroh, schlechten Tüchern und 
Decken belegtes Feldbett ausdehnte. Müde wie wir waren, mußten 
wir die Nacht dort zubringen. Hachard schlief neben mir und 
wir blieben angekleidet. Als ich ein Glas Wein und ein Stück 
Brot genossen hatte, schlief ich ruhig ein trotz des Abschreckenden 
und Widerlichen, das ich gesehen hatte. 
Am Morgen nach unserer Ankunft pflogen wir nach gründ- 
licher Reinigung unserer Kleider und Haare ernstlichen Rath, 
welchen Entschluß wir fassen wollten. Da wir kein Geheimniß 
aus unserer Abneigung gegen die Herberge inachten, so redete uns 
ein ebenfalls dort logirender Deutscher mit diesen Worten an: 
Ihr müßt wiffcir, ihr Landeskinder, daß ihr in ganz Paris nichts 
Besseres finden werdet; uird was Dich betrifft. Freund Normanne —, 
er wandte sich an mich —, Du wirst keinen Laden finden, wenn 
Du von hier fortgehst, ohne placirt gewesen zu sein. Alle an 
wesenden Burschen bestätigten dies. Ich warf dem Deutschen ent 
gegen, daß ich augenblicklich zum Einschreibebureau gehen wollte, 
um eine Stellung zu bekomincn. 
„Schon gut," versetzte er, „wenn cs offene Stellen giebt." 
') Nach der Revolution >vurde» diese Häuser entfernt. 
„Ich hoffe es", erwiderte ich, „denn mein Geld geht auf die 
Neige und ich muß doch leben." 
„Wenn Du keine findest, so lebe wie wir: Du hilfst Sonn 
abends und Sonntags aus. Die Meister kommen und holen uns 
dazu und nicht umgekehrt; man giebt uns 24 Sous und Essen und 
Trinken für die beiden Tage. Außerdem — Du bist ein hübscher 
Kerl und wirst bald ein nettes Weib in Paris finden, die Dich 
wie einen Prinzen unterhält und wenn Dir die Art Leben nicht 
behagt, •— nun, Freundchen, wir haben hier eine Wirthin, die 
borgt". 
Die gute Wirthin bestätigte mir das mit näselnder Stimme, 
da ihre Nase reichlich mit Schnupftabak versehen war. 
All diese Vorschläge und diese Lebensart, dazu das Bild der 
Erbärinlichcn, die mich umgaben, waren nicht verführerisch genug, 
um mich zur Nachfolge bewegen zu können. Was meinen Kame 
raden betraf, so erklärte man ihm, er könnte, da er Uhrmacher 
wäre, seine Herberge aufsuchen, da er mit der der noblen Per 
rückenmacher nicht zufrieden wäre. Diesen Bescheid schnarrte ihm 
die Wirthin entgegen, er aber machte keine Schwierigkeiten, dem 
Rath zu folgen, worauf wir uns trennten, er, um noch an dem- 
selben Tage Arbeit zu finden, ich, um welche zu suchen. 
In einer so ungeheuren Stadt lvic Paris hätten wir uns 
vielleicht nie wieder getroffen, wenn wir uns nicht das Wort ge 
geben hätten, uns an bestimmten Tagen in meinem „Hotel" — 
so nannte man diese Spelunke — zu sehen, um uns von Zeit zu 
Zeit über unsere Lage Mittheilung zu machen. 
Kaunr war Hachard gegangen, als der Deutsche der Wirthin 
auftrug, für nrich zu sorgen und mir ein sauberes Bett neben dem 
scinigcn aufzuschlagen, falls ich nicht noch heute in einen Laden 
träte. Von jetzt an zeigte sich dieser Mann, den ich für crzliederlich 
gehalten hatte, von der vorthcilhaftesten Seite. Es war ein sehr 
netter Mensch von etwa 26 Jahren, sehr geschickt in seinem Hand 
werk. Er hatte seit einigen Tagen einen Laden verlassen, um in 
einen besseren einzutreten, den er sammt der Meisterstochter zu er 
langen Hoffnung hatte. Er theilte mir alles mit, was ich zu 
beobachten hätte, um in meinem Fach fortzukoinmeir unb gab mir 
manchen Wink für ein anständiges Leben, den ich von ihm nicht 
erwartete, da er sich so unvortheilhaft bei mir eingeführt hatte. 
Er brachte mich nach dem Büreau, wo er mich empfahl und wo 
ihm der Expedient auffallende Rücksicht erwies, was er, wie ich 
später erfuhr, nur seinem Talent und seiner Führung zu danken 
hatte. Daraufhin lud der Expedient mich ein, oft bei ihm vor 
zusprechen und machte mir Aussicht auf ein baldiges Engagement. 
Mein Vater war Pächter eines königl. Sekretärs, Namens 
de Boissel. Dieser Herr war damals in Paris, wo er ein großes 
Haus ntachtc. Ich begab mich zu ihm, um ihm meine Aufwartung 
zu machen und hegte die Hoffnung, durch die Vermittlung eines 
Kammerdieners, den ich von Montivilliers her kannte, an ihm eine 
Stütze zu haben. Leider war derselbe todt. Ich nannte mich den 
Bedientet:, uitd bat sie, mich ihren: Herrn zu melden. Der Herr 
ließ mir sagen, es passe ihm nicht, mich zu sprechen. Dieser Be 
scheid empörte mich ebenso wie das Benehmen der Lakaien, die 
mich zwar einluden, mit ihnen in der Offiz zu effen, nur aber dort 
ein Tischchen in: Winkel deckten, da sie mich nicht für würdig 
hielten, mit ihnen an demselben Tisch zu speisen. Diese Behand 
lung bestimmte nüch, meinen Fuß nie wieder in dies Haus zu 
setzen. 
Einige Tage nach diesen: demüthigenden Besuche wurde ich 
als dritter Gehülfe mit neun Franken monatlich bei einen: sehr 
wohlhabenden Meister ain Sorbonne-Platz eingestellt. Dort gab 
cs die feinsten und vornehmsten Kunden der ganzen Gegend. Ich 
war nicht ungeschickt, aber noch weit entfernt, die Elegants nach 
ihrem Geschmack zu frisiren. Man beklagte sich bei meinem Bour 
geois —, so nennt man die Meister, — und derselbe verabschiedete
        
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