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Periodical volume 25. December 1880, Nr. 13

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Lebenswandel geführt, nichtsdestoweniger aber aufgenommen wurden, 
zur Besserung ermahnt, und wenn das nichts fruchtet, ausgestoßen 
Werden. 
Die Gilde soll jährlich an den Pfingstseiertagen gehalten 
und Montags der Königsvogel aufgesetzt werden, nächstdem ein Ge 
sellenvogel, nach welchem alle Brüder, die nach dem ersten geschossen 
haben, ebenfalls schießen sollen. Im Herbst, oder wenn es den 
Brüdern am besten gelegen ist, soll noch ein Frcischießen stattfinden. 
Von den jährlich zwei neu zu wählenden Gildemeistern soll 
einer ein Brauer oder Brauer-Erbe sein, damit er als solcher bei 
sich die Gilde halten, der Andere aber die übrigen Geschäfte be 
sorgen kann. 
Jährlich, Ausgangs der Gilde, wenn der Vogel abgeschossen 
ist, soll „ein brüderliches Verhör", darin alle und jede Mängel 
und Irrungen vor dem König, Gildenmeister und Letzten (wahr 
scheinlich den jüngsten Mitgliedern), vorgetragen, gebüßt und bei 
gelegt werden. (Ein Ehren- und Schiedsgericht wie es in ähn 
licher Weise noch bei anderen Handwerkergilden zu finden ist.) 
Die Brüderschaft hatte „Willkür", d. h. vollkommene Freiheit zu 
strafen. Stirbt eines Gildebrudcrs Frau oder Kind, so müssen 
die anderen, von jeder Familie wenigstens ein Mitglied, der Leiche 
folgen bei Strafe in den Gottcskasten. Ist der Verstorbene zu 
arm, so daß die Beerdigung nicht von der Familie bestritten 
werden kann, so soll dies durch den Gildemcister aus der Lade 
geschehen. Wenn die Gilde gehalten war, werden die Seelsorger 
mit ihren Weibern und Töchtern einen Tag gespeist und getränkt 
nach der Predigt in der St. Peter-Kirche, in der die Gilde einen 
Altar hatte. 
Sämmtliche Gildebrüder mußten bei Vermeidung eines Groschens 
Strafe am Pfingstmontag „zum Gvtteskasten" gehen, voran König 
und Gildemeister. 
Am Vogelschießen darf ei» jeder Bruder, mit seinem Schieß- 
zcug gerüstet, ebenso die Herrschaft (d. h. der Kurfürst) und der 
selben Räthe theil nehmen. Ausgeschlossen sind die Brüder, die 
nicht Bürger oder Bürgerssöhne und nicht angesessen sind in den 
Ringmauern von Kölln, außer es müßte einer geloben, noch in 
demselben Jahre das Bürgerrecht zu gewinnen und sich ansässig 
zu machen. Jeder Schütze hatte zum Königsschießen 6 Groschen 
zu erlegen. Zwei Gewinne von einem Vogel sollte kein Schütze 
mit einem Schuß gewinnen können, doch hatte er die Wahl, 
welchen er nehmen wollte. 
Der König erhielt vom Rathe ein golden Ringlein von 
einem Gvldguldcn Rheinisch, und zwei Schock Groschen an Geld, 
damit er die Unkosten, die er zu tragen hatte, decken konnte und 
keiner sich wegen Armuth voin Vogelschießen zurückzuziehen brauchte, 
denn der König hatte den Brüdern und Schwestern eine Mahlzeit 
und jedem '/, Stübchen Wein zu geben. Tie Mahlzeit mußte 
aus 3 Gängen, einer Eierspeise, Braten und einer Milchspeise be 
stehen, tvozu die Gilde ein Viertel Bier gab. 
Der König erhielt — wie schon erwähnt — 5 freie Brauen 
Bier und war während des Jahres seiner Königswürde befreit 
von allen Schössen, Steuern und Unpflichten. 
Für den silbernen Vogel, den der König erhielt, mußte der 
selbe mit einer gewissen Summe Bürgschaft leisten, und hatte er 
denselben bei Strafe von 4 Groschen bei allen Schießen in Berlin ! 
und Kölln, an den 3 hohen Festen in der Kirche oder im Amte ' 
am Halse zu tragen. Wer 3 Jahre hinter einander die Königs- ; 
würde erhielt, konnte den Vogel als Eigenthum behalten, doch ' 
stand der Gilde das Recht zu, denselben mit y 3 Mark Silber oder 
6 Gulden Münze wieder auszulösen. 
Der Gildemeistcr, bei dem als Wirth die Gilde gehalten 
wurde, mußte für Speise und Trank sorgen, und durfte für eine 
Mahlzeit Esten 1 Groschen fordern, es mochte theure oder wohl- ; 
feile Zeit sein, auch war keiner gezwungen, bei ihm zu esten. Für 
Gäste, die mitzubringen erlaubt war, zahlte man 1 Groschen für 
Essen und 2 Groschen für Bier. Wenn Gildebier (beim Königs 
schießen) getrunken wird, sollte sich jeder mäßig, christlich und 
ehrlich verhalten, und nicht betrinken, auch keinen durch Zutrinken 
dazu zwingen, und Abends hübsch zeitig zu Hause gehen, weil 
um S Uhr der Keller geschlossen wird. 
Die Brüder der Gilde sollten vom Rath allen an 
deren Bürgern vorgezogen, und „in allen ehrlichen 
Sachen und Händeln" gefördert, geschützt und gehand- 
habt werden, und überall den Vorgang erhalten. Die 
Gildenmeister haben über Handhabung der Ordnung und Einziehung 
der Pön zu wachen bei eigner Strafe; wer sich hartnäckig unge 
horsam zeigt, wird vom Rathe selbst in Strafe genommen. 
Alle Jahr soll das Statut bei der Gilde vorgelesen und pu- 
blicirt werden, damit Niemand sich mit Unwissenheit entschul 
digen kann. 
Aber schon unter Johann Georg nahm das Interesse an der 
Gilde merklich ab, da dasselbe immer mehr durch das Interesse, 
welches die religiösen Wirren erweckten, verdrängt wurde, und 
wenn auch noch im Jahre 1614 Johann Sigismund die Pri 
vilegien der Gilde erneuert, und ihr sogar den Schützenplatz zwischen 
dem Bcrnau'schcn Weg (Neue Königstraße) und ihrem Schießhause 
vor dem Georgen-Thore hinter der kurfürstlichen Meierei in der 
berlinischen Vorstadt geschenkt hat, so geht doch unter seinem Nach 
folger Georg Wilhelm während der traurigen Zeit des 30 jährigen 
Krieges, die auch Berlin ziemlich hart traf, jeder Bürgersinn da- 
sebst verloren, und auch die Schützengilde kann sich dem allgemei 
nen Verfall nicht entziehen. Und tvenn sie auch nicht ganz aufge 
hört hat, so ist ihre Wirksamkeit doch während dieser Zeit auf 
ein so geringes Maß zusammengeschrumpft, daß nichts davon 
auf die Nachwelt gekommen ist. Erst im Jahre 1651 ist wieder 
von der Schützengilde, aber nicht von der Berliner, sondern der 
Köllnischen die Rede, welcher nachdem, wie in der Urkunde aus 
drücklich gesagt wird, in derselben bei 30 Jahre das Schießen 
nicht getrieben wurde, die alten Privilegien bestätigt werden. 
Der berliner Gilde tvird erst in einem Erlasse vom 1. März 
1655 Erwähnung gethan, in dem auf Grund einer Beschwerde 
derselben gegen den Magistrat, welcher den alten Privilegien ent 
gegen die freie Einlage hiesigen und fremden Bieres nicht dulden 
wollte, auf die erfolgte Erneuerung der Privilegien hinge 
wiesen, und Magistrat ermahnt wird, alle das Recht der Gilde 
berührenden und zu Streitigkeiten mit derselben Veranlassung 
gebenden Verordnungen zu vermeiden. Im Jahre 1663 kommen die 
Schützenkönige beider Gilden, der Berliner sowohl als der 
Köllnischen, darum ein, ihnen statt der ihnen zustehenden 
Privilegien 200 Thaler aus der Kontributions-Kaste zu zahlen, 
werden aber hiermit unterm 20. Februar 1663 abgewiesen, doch 
kurz darauf werden die verlangten 200 Thlr. dennoch bewilligt, 
wie aus Nachfolgendem hervorgeht. Denn wenn auch beide Gilden 
noch lange an den Folgen des 30 jährigen Interregnums gekrankt 
haben, wie aus einem im Jahr 1677 an den Kurfürsten gerichteten 
gemeinschaftlichen Gesuche beider Gilden, der Berlinischen und der 
Cöllnischen um Erlaß einer neuen Schützenordnung hervorgeht, in 
dem namentlich hervorgehoben wird, daß nur noch wenige Bürger 
sich den Gilden anschließen, da ihnen alle Beneficia entzogen, sie 
auch nicht mehr im Stande seien, ohne Schützenhäuser und Plätze 
erhalten zu können, so wird doch auch ausdrücklich darin erwähnt, 
daß die durch Kurfürstliche Verordnung vom 25./2. und 14. 4. 1663 
dem Schützenkönige zugesicherten 200 Thlr. Prämium bis dahin 
noch nicht gezahlt worden seien; es wird daher wiederholt um 
Zahlung der Prämie gebeten. Diese sich mehrfach wiederholenden 
Gesuche hatten auch schließlich den gewünschten Erfolg, doch wurde 
die Zahlung der Prämie Veranlassung zu häufigen Streitigkeiten, 
da nach den Statuten am Königsschießen außer den Bürgern und
        
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