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Volume 25. December 1880, Nr. 13

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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die Kirchenväter Justinus, Augustinus, Ambrosius und 
Cyprian aufgefaßt haben, indem sie sich natürlich durch die christ 
liche Negation der Sklaverei überhaupt auch gegen die Sklaven- 
spicle erklären mußten. Die Sage von Frau Holle, die selbst 
den guten Lüden (Aussätzigen) frische Weiße Wäsche zu Neujahr 
schenkte, zeigt, wie sehr allgemein der neue Anzug zu Neujahr 
Mode gewesen und geworden. Die Sage vom See bei Blumen 
thal in der Mark ward erklärt. Die Neujahrswünsche wurden 
ihrer Geschichte nach genauer erörtert, daß auch sie namentlich zu 
Weihnachten dargebracht wurden, bis Kaiser Joseph II. vor 99 
Jahren dieselben auf das Neujahrsfest verlegt hat. Verschiedene 
Formen der Wünsche wurden in Betrachtung gezogen; so wünscht 
man sich z. B. im Schwarzwalde: „gute Gesundheit und heiligen 
Geist!" Aus die Niedertracht der jetzt modernen unsittlichen Neu- 
jahrswünsche wies der Vortragende gebührend hin. Endlich ward 
noch die wendische Legende von der Entstehung des Christbaums 
im schneeigen Walde mit rothen Aepfeln erläutert. Zum Schlüsse 
theilte der Redner noch einen vor 200 Jahren erschienenen humo 
ristischen Neujahrswunsch mit, in dem unter Andern auch prophe 
zeit wurde, daß auch in diesem Jahre viele Sachen aus Mangel 
an Geld nicht gekauft, viele Reiche sterben, und die schwarzen 
Kühe fortfahren würden, Weiße Milch zu geben. 
Äie Schützcngilde von Berlin. 
Passirt man in den Wochentagen Nachmittags die Linicn- 
straße zwischen der Neuen König- und Prenzlauerstrahe, so hört 
man am Anfange der Straße anhaltendes Schießen, das einen 
jeden Nichtberliner um so mehr in Erstaunen setzen muß, als es 
streng verboten ist, mitten in der Stadt zu schießen, die Schieß- 
ständc des Militärs aber weit außerhalb der Stadt liegen. Jeder 
Berliner weiß indessen, daß das Grundstück Linienstraßc 3—5 das 
der hiesigen Schützengilde gehörige Schützcnhaus ist, hinter 
welchem sich die Schießstände der Gilde befinden, der einzigen 
Gilde hier am Orte, welche sich bis in die neueste Zeit hinein 
nicht nur zu erhalten gewußt hat, sondern die es auch verstanden 
hat, trotz der dem Gildewesen so ungünstigen Zeiten den alten 
Glanz auftecht zu erhalten, wenn ihre Mitglieder auch dem Ursprünge 
lichen Zweck der Gilde, der Stadt in Zeiten der Noth zum Schutze 
gegen äußere und innere Feinde gn dienen, schon lange nicht mehr 
entsprechen und das Schießen nur noch zu ihrem Vergnügen, 
oder höchstens als Vorübung für die Jagd treiben. 
Wann die Berliner Schiitzengilde eigentlich gegründet worden 
ist, läßt sich nicht mehr feststellen, da hierüber alle Urkunden fehlen. 
Anzunehmen ist wohl, daß die Gilde zu eben der Zeit sich bildete, 
als Berlin vom einfachen Fischerdorfe zur Stadt sich aufschwang, 
möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß ihre Anfänge schon vorhanden 
tvaren vor der Constituirung des Ortes als Stadt. Doch fehlt, 
wie gesagt, hierüber jede Urkunde, nur in Urkunden, die andere 
Interessen der Stadt berühren, wird auch gelegentlich einmal der 
Schützengilde gedacht, die älteste Urkunde aber, die über die Gilde 
selbst noch vorhanden ist, datirt vom 22. Juli 1568 und enthält 
die Bestätigung der Privilegien der Gilde durch den Kurfürsten 
Joachim II. Dieselbe lautet: 
„Wir Joachim, dieses Namens der Andere von Gottes Gnaden 
Markgraf re. bekennen rc. Nachdem das S ch i eß en zum V o g el ein 
altes Herkommen, löbliche Gewohnheit und ehrliche rittermäßige 
Uebung ist, welche nicht allein von ehrlichen vornehmen Geschlechtern 
und Bürgern in Städten, sondern auch von hohen Ständen in 
Teutschen Landen jederzeit rühmlich und gebräuchlich hergebracht, 
desgleichen von unseren Vorfahren hochlöblichen Gedächtnisses, 
nichts weniger dann von uns je und allwege darob gehalten und 
mit allen Gnaden befördert worden und dann solch löblicher Ge 
brauch und altes Herkommen bei unserer Stadt Berlin bisher 
geblieben und mit besonderem Fleiß getrieben worden, — daß 
wir demnach auch den Gildemeister und gemeinen Brüder der 
Schützengilde bcmeldeter unserer Stadt Berlin unterthänigstes 
fleißiges Suchen, ihnen nicht allein die durch den Rath daselbst 
versiegelten Ordnungen in allen Punkten und Artikeln confirmirt 
und bestätigt, sondern sie noch darüber aus besonderen Gnaden, 
damit wir ihnen gewogen, solgcndergestalt privilegirt, befreiet und 
begnadet haben: Nämlich, welcher ihrer Mitte unter denen Gilde 
brüdern den Königsvogel abscheußt, daß derjenige in demselben 
Jahre acht Brauen Bier, ohne einige Erlegung der alten und 
neuen Bierziese, zu brauen und zu gebrauchen, oder anderen zu 
übergeben Macht haben, auch dazu aller und jeder Steuern, 
Schöste und anderen Verpflichtungen, wie die Namen haben mögen, 
desselbigen Jahres ganz ftei sein und damit nicht beschwert 
werden und sollen die Schützen alle Jahr zum Königsvogel schießen 
und solch Ritterspiel in aller Ehrbarkeit üben, denn so sie dasselbige 
unterlassen werden, soll ihnen dies unser Prievilgium nicht für- 
träglichen und dadurch aufgehoben sein, es geschehe denn in sterb 
lichen Zeiten und Kriegesläuften. Und wir, der Landesfürst con- 
sirmircn und bestätigen gedachten Schützen ihre Gilden und Ord 
nungen, begnadigen, privilegircn und befteien sie nach oben ge- 
zeigtcrmaßen allenthalben in diesem Brief ganz kräftiglich und 
wollen, daß es hinfort zu ewigen Zeiten also, ohne mannigliche 
Verhinderung, stets fest und unverbrüchlich gehalten werden soll. 
Und da den Gildemeister und Brüder gedachter Schützengilde mit 
Vorwissen des Raths, was an Statuten oder sonst zur Auf 
munterung und Förderung der Schützengilde und guter vernünftiger 
ehrbarer Sitten, dienstlich auch gnädigst bestätigt und confirmirt 
haben, auch sie neben unserem Erben'und Nachkommen bei ober- 
örtetcr Befreiung der Ziese, Schöffe und Unpflichten aus Chur 
fürstlicher Obrigkeit schützen und handhaben und mit nichten 
dawider Beschweren, nach diesem unsern Privilegio in keinerlei Weise, 
wie es inner- und außerhalb geschehen konnte oder mochte, zu 
und gegen handeln oder was vornehmen lassen. Alles getreulich 
und sonder Gefährde, Urkundlich re. und gegeben zu Cölln an der 
Spree, Donnerstags am Tage Maria Magdalena Christi unseres- 
Herren Geburt im 1568 ten Jahre." 
Aus den in dieser Urkunde ausgeführten Privilegien kann 
man ersehen, daß noch zu Joachims Zeit die Gilde für sehr wichtig, 
und nützlich gehalten worden sein muß, namentlich wichtig für die 
damalige Zeit ist das Privilegium der fteien Brauen. Die Brau 
gerechtigkeit wanderte bekanntlich im Mittelalter in den Städten 
von einem damit privilegirten Hause zum anderen. Wenn also- 
dem Vogelkönig damals 8 freie Brauen, von denen keine Brauziese zu 
entrichten war, als Prämie zugestanden wurden, so ist der daraus 
zu erzielende Werth bei dem Durste, den auch unsere Altvorderen 
entwickelten, gewiß ein ganz bedeutender gewesen, und gewiß ein 
größerer, wie das spätere dafür gezahlte Aequivalent an Geld, 
wie wir weiter unten sehen tverden. 
Leider sind die Statuten, deren dieses Privilegium erwähnt, 
nicht auf uns gekommen, sondern verloren gegangen. Wir können 
indessen wohl annehmen, daß dieselben im Wesentlichen denen der 
Stadt Kölln glichen, wie solche aus dem Jahre 1572 noch vor 
handen sind, in welchem Jahre sie durch Johann Georg bestätigt 
wurden. Nach diesen aus 36 Artikeln bestehenden Statuten konnte- 
gegen Entrichtung eines Einkaufsgeldes von 12 Groschen jeder 
Bürger oder Bürgerssohn zu Kölln, so wie die kurfürstlichen ge 
schworenen Hofbedienten, Schützenbruder werden, doch ist Bedingung, 
der Mitgliedschaft ein ziemlicher, ehrlicher, christlicher und züchtiger 
Wandel, namentlich hat sich der Schützenbruder bei Vermeidung, 
schwerer Geldbuße alles Fluchens und Lästerns zu enthalten, auch- 
sollen Gildebrüder und Schwestern, die früher keinen unbescholtenem
	        
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