Path:
Periodical volume 25. December 1880, Nr. 13

Full text: Der Bär Issue 7.1881

153 
H ^ür die ganze, damals bekannte civilistrte Welt in dreien Welt- 
§ rtheilen maßgebend, führte bald den Sylvestertag überall bin als 
Merkstein des Jahres, während eigentlich nicht der erste Januar, 
ß sondern der sechste als Geburtstag Christi festgestellt wurde 
D zum Zeichen, daß Gottvater nicht allein den Adam, sondern 
R auch seinen Sohn am sechsten Tage erschaffen habe, weshalb 
UJulian der Abtrünnige grade wieder consequenter Weise des 
» Jahres Ansang auf den ersten Januar verlegte. Die Kirche hat 
W-eigentlich sehr viele Jahrhunderte hindurch des Jahres Ansang 
§ -auf Weihnachten verlegt, die Saturnalien der alten Zeit boten 
D wohl das Analogon, bis erst Papst Jnnocenz XII. 1691 selbst 
wieder den 1. Januar als Jahresbeginn ftxirte, was jedoch an 
Wchen Sonntagsbuchstaben, den Jndictionen (15jähr. Cyclus) Nichts 
g ffndcrtc. Daß viel Heidenthum den feierlichen Jahresbeginn pro- 
sanine, wiffen wir aus Winfrieds Klage beim Papst Zacharias, 
daß in Rom sich der Amuletenhandel bis in die Kirche drängte; 
M-der symbolische Janus, der alte vor- und rückwärtsschaucnde 
MEtruskergott, ist noch heut in vielen französischen Kirchen zu sehen, 
Mso an dem Straßburger Münster. Der Sylvestertumult, der ja 
K auch in Berlin stets einen Skandal repräsentirt, stammt principiell 
aus der Heidenzeit, der Januar ist der Trinkmonat Aijvhov, und 
«die Monatsreimen deuten ebenfalls darauf hin. Der tiefere Sinn 
K des Janus ist jedoch als nicht allein zeitliches, sondern typisches 
K Moment zu kennzeichnen, als das Entscheidende für die Zukunft. 
|| Deshalb schon war der Neujahrstag an sich kein eigentlicher Rühe 
ns tag, die Behörden arbeiteten im alten Rom Ealenclls Januariis 
U -recht eifrig, denn so wie es da zuging, so war es im ganzen 
U Jahre dem Glauben nach bestellt. Sehr instructiv war Professor 
K-Cassel's Hinweisung aus die dualistische Bedeutung des Principium 
8 .(Anfang und Grundsatz), und des In kam,, initiare, beginnen, 
-einweihen. Daß selbst Kaiser Caligula im Hofe stehend sich 
Ei -Geld von den Vorübergehenden omuis causa schenken ließ, ist 
-bekannt, daher noch heut: wer Geld am Neujahrstage bei sich 
1 steckt oder zählt, hat solches das ganze Jahr hindurch. Doch muß 
- dies Mittel, so einfach es ist, nicht überall ausreichend vorhanden 
sein, denn es sind noch die bekannten vielkörnigen Sämereien als 
L Ursprung der Geldfülle anzuführen, wenn sie am Neujahrstage 
U-genossen werden, wie Hirse, Rogen (Laich) von Fischen, die recht 
A-viel Schuppen haben (Karpfenschuppen), Mohn, daher Mohn- 
K striezeln, Mohnpielen u. s. f. Daß diese Hirse bereits seit grauen 
«Tagen im Sinne des Symbols der Fülle gebraucht wurde, zeigte 
D'der Vortragende durch die im Curtius vorkommende Anekdote 
vom Könige von Persien, welcher dem großen Alexander einen 
Sack Hirse anstatt der Unterwerfungs-Urkunde zusandte, andeutend 
. die Masse der ihm zu Gebote stehenden Krieger. Der witzige 
. Maeedonier ließ jedoch einen Hahn herbeiholen, der ebenfalls sym 
bolisch, doch unbewußt handelnd, die Hirse sofort verzehrte. 
Preißkraut und gelbe Rüben bedeuten Silber und Gold in 
dieser Zeit. Das Schwelgen am Sylvester- und Neujahrstage hat 
dieselbe symbolische Erklärung. Der Kirche war dies stets so zu- 
wider und mit Recht, daß sie, jedoch vergeblich, aus dem 1. Ja 
nuar einen Fasttag machen wollte. Die abergläubischen Kuchen- 
Msormen wurden ebenfalls erklärt (Perdeken, Potizen, Hunde — 
Die letztere Art sollte damals, in Ermangelung 
| einer organistrten Löschmannschaft, ein ausgebrochenes Feuer wieder 
-auslöschen können. Der Aberglauben in seiner finstersten Gestalt, 
auch in der Mark gang und gäbe, zeigte sich z. B. im Malträtiren 
der Ferkel, einem augurinm der eigenthümlichsten Art, um aus 
(dem Quieken dieser damals noch weit beliebteren, weil unverdäch- 
tigten Thierchen, die Zukunft zu erspähen. Ebenso, wenn man 
- den Schatten an der Wand sah, der mißgeformt oder ohne Kopf 
erschien, zeigte dies die mehr oder minder besorgliche Zukunft an. 
Die große Bedeutung der Fortuna von alten Zeiten her als 
Mlückswenderin ward vom Vortragenden besonders signalisirt, und 
die ironische Aeußerung des Momus in Lucians Todtengesprächcn, 
alle anderen Götter außer der Fortuna seien abgesetzt, ventilirt. 
Der Tempel des Traf an, ihr zu Ehren gestiftet als der prirui- 
genia Fortuna, ward am Neujahrstage von Opfern überfüllt — 
der (Deus) plumbeus, der bleierne Unbeholfene, ward gefügig ge 
macht. Daher das Blei- und Zinngießen noch heut überall von 
der Themse bis zur Donau. Und welch' sinniges Symbol giebt 
nicht das Schwimmcnlassen von Lichtchen auf Nußschaalcn ab? 
Daß das Leben nämlich und die Zukunft von den allerunbcdeu- 
tendsten leichtesten Dingen abhängen. Hierher gehört die Ber 
liner Sage von dem Engel, der dem Nachtwächter erschienen. 
Diesem zeigte Ersterer eine mit Nüssen gefüllte Kiste, von denen 
die eine Hälfte taub, die andere voll war und der Beschenkte nach 
Gefallen hineingreifen konnte, bis der Morgen graute. Ein Bild 
der großen Menschenmenge, die wohl im Großen gleich aussähe, 
doch einen verschiedenen, oft gar keinen Kern hätte. Daß die 
Muskatnuß vor Schaden den schütze, der sic am Rcujahrstage in 
der Tasche trägt, erklärte Redner sehr einfach aus dem mittelalter 
lichen sehr vielfachen Gebrauche dieses Gewürzes, mit dem sogar 
der Reichen Teppiche parfümirt worden, so daß ein Fall auf die 
letzteren eben nicht sehr schaden konnte, wie man im Parcival 
(Wolfram v. Eschenbach) finden kann. Hierauf wies der Redner 
den innigen Zusammenhang der Weihnachtslieder mit den Ncu- 
jahrsgesängen nach, so daß diese beiden congruenten Begriffe sich 
auch etymologisch decken. So heißen im jüdischen Mittelalter die 
Weihnachtslieder Kalenden, und noch heut spricht man bei den 
Albanesen von Colendre, bei den Neugriechen heißt das Weihnachts 
klopfen (wendisch-heidnisch Julklappcn) Kalenos, KaXijvo?, und in 
vielen ftanzösischen PLtoismundarten Chalande — Weihnachtslied. 
Des Strohes als eines ganz specifisch heiligen Krippensymbols 
ward genauer Erwähnung gethan. Die Neigung zur Erforschung 
der Heirath, namentlich bei der Frauenwelt zur Sylvesterzeit, ist 
nach Jacob Grimm's Forschung ein besonderes germanisches 
Erbtheil, von dem sich im heidnischen Alterthum eine Spur nicht 
findet. Um Mitternacht geht die Magd in den Hühnerstall und 
greift hinein; ist's ein Hahn, dann ist die Heirath vor der Thür. 
Aepfelschalcn hinter sich geworfen, zeigen den Anfangsbuchstaben 
des Bräutigams; Haupthaar ins Wasser geworfen, wenn es sich 
ringelt deutet eine baldige Trauung an u. s. f., was auch in 
Berlin ganz besonders geübt wird, wobei Redner noch die Specia 
litäten des Blei- und Zinngießens beibrachte. Das hohe Lied als 
symbolisches Neujahrsgedicht ist noch zu erwähnen. Der Spcc- 
takel des Neujahrsabends ward vom Vortragenden dahin 
psychologisch erklärt, daß der Mensch, ein Grauen vor der Zukunft 
in sich tragend, sich selbst, einem einsamen Pilger im Walde ver 
gleichbar, Muth zuschreit, um alle Gefahr zu verscheuchen, eventuell 
den Teufel zu bannen, wie Jener mit dem Schießgewehr, mit 
welchem der Teufel, des Gebrauches unkundig, weil neu erfunden, 
sich in den Mund schoß. Das Schießen in die Obstbäume soll 
um Mitternacht Unholde verscheuchen und gute Ernte bewirken. 
Wer in der Neujahrsnacht den Kopf zum Fenster hinausstecke, 
könne denselben leicht einbüßen. Auch das Nennen ftuchtbringender 
und Ueberfluß bedeutender Namen war sehr genehm, wie des 
Düngers und gewisser Aftermiether des unsauberen Menschen, wo 
gegen schädliche Thiernamen, wie Wolf, Mäuse, streng verpönt 
waren und nicht ausgesprochen werden durften. So sprach einst 
ein Bauer seinen Prediger Wolf um Neujahr mit den entschuldi 
genden Worten an: Ach, Herr Prediger, ich nenne Sie heut lieber 
Herr Ungeziefer", denn Ihren werthen Namen darf ich nicht 
aussprechen! Auch auf die jetzt noch als Carnevalsseier existirende 
heidnische Sitte des cervulos facere der Sklaven bei den Römern 
kam Redner zu sprechen und wie diese Spiele zur Zeit der Satur 
nalien von den servis (nicht blos servis fugitivis, entlaufenen 
Sklaven) mit Hirschkopsmasken ausgeführt wurden und wie dies
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.