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Periodical volume 25. December 1880, Nr. 13

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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stand am Rande des Haffs, im vordersten saß der Kurfürst 
mit seiner Gemahlin und seinem Sohne, die Beide alle 
Strapazen dieses furchtbaren Feldzuges mit ihm theilten. Das 
ganze Fußvolk wurde nun auf die Schlitten gesetzt und dahin 
sauste die brand enburgische Armee über das breite Haff. Die 
Kälte ließ etwas nach, dafür siel in dichten Flocken der 
Schnee, langsam und leise rieselte er herab, droben schrieen 
die Krähen immer lauter. 
Zu ihrem größestcn Erstaunen hatten die Offiziere, ja der 
große Kurfürst selbst mit scharfen Augen einen Schlitten bc- 
nierkt, der mit rasender Eile vor ihnen her flog. War's ein 
Spion, der seinen Plan errathen hatte und die Feinde warnen 
wollte? Der Kurfürst selbst gab Befehl zur Verfolgung des 
Schlittens, als dieser plötzlich, wahrscheinlich in Folge der un 
sinnigen Schnelligkeit, mit welcher der Kutscher seine Pferde 
antrieb, stürzte. Jetzt waren ein paar brandenburgische 
Schlitten heran, man sah eine Dame anscheinend leblos auf 
dem Eise liegen, der Kutscher ließ die Pferde dahinsausen und 
beugte sich besorgt über die Dame. Er trug unter seinem 
Pelz eine Kleidung, die für einen Kutscher viel zu reich war 
und antwortete den Brandenburgern, die ihn anredeten, in 
franzvsischer Sprache. Das machte sie stutzig. Die Franzosen 
standen mit Polen und Schweden im Bunde gegen Branden 
burg, was hatten diese Beiden hier aus dem Kurischen Haff zu 
thun? Hastig holte man die Befehle des Kurfürsten ein und 
dieser befahl, die beiden Verdächtigen auf einen Schlitten zu 
setzen, dessen Bewachung dem Lieutenant Lindholz anzuver 
trauen sei. Hin und her jagten die Reiter, Lindholz vernahm 
bcn Befehl, er sah, daß man eine halb ohnmächtige Dame 
heran führte, eine bange Ahnung flog durch seine Seele, sic 
wurde in seinen Schlitten gehoben, er schaute in das bleiche, 
von langen braunen Locken umwallte Antlitz von Clotilde 
Bethum. Ihr Begleiter sprang leichtfüßig hinter ihr in den 
Schlitten und summte eine französische Melodie zwischen den 
Lippen, während er sich fester in seine Pelze hüllte; die Kälte 
schien ihm das einzig Unbequeme bei der ganzen Affaire zu 
sein- Heinrich Lindholz kannte dies glatte Franzosen-Antlitz 
mit den glühenden dunkeln Augen, die dem Frauenzimmer so 
gefährlich waren, olnvohl sie beinah zu dicht nebeneinander 
standen, so daß die starken dunkeln Augenbrauen wie zu 
sammengewachsen schienen. Ob Jean, wie ihn Clotilde einfach 
nannte, der Bruder, Vetter oder Dieuer der Dame war, er 
hatte cs nie recht erfahren können, wie so Vieles um die schöne 
Französin dunkel lind unschön trotz ihres großen vornehmen 
A'aincnS. ©in eigenthümliches Spiel des Schicksals hatte 
ihn zum Wächter des Weibes gemacht, das er geliebt wider 
seinen Willeil, das er aber doch geliebt hatte. Ohne eine 
Miene Zli verziehen, obgleich sein Herz schlug, als müsse es 
zerspringen, vernahm er den Befehl; mit fester Hand erhob er 
die Pistole, die er bis dahin im Gürtel getragen, und richtete 
ihre Mündung auf die Brust des Mannes, lvährend die Linke 
am Degen lag und die Augen sich nicht voil dem Antlitz der 
Dame wandten. 
Diese schien iloch immer ohnmächtig, aber während die 
Schneeflocken dichter fielen und die Schlitten rascher dahin 
eilten, bewegten sich ihre Lippen lind er hörte sie sprechen: 
„Was sagte ich Dir, Heinrich Lindholz, Du würdest rnich aus 
Deiner Spur finben überall, jetzt bin ich Deines KurfüHen 
Gefangene und so gut meint es das Schicksal mit mir, daß 
er Dich zu meinem Wächter macht. Dll hast ein leichtes 
Aint, denn ich denke gar nicht daran Dir zu entfliehen!" 
Sie lachte leise in das Schneewetter hinein, obwohl ihre 
Zähilc vor Kälte ancinanderschlugen; ihm bcganil vor dieser 
Frau zll grauen und doch ließ seine Hand plötzlich den Degen 
los. Er zerrte sich den Mantel von der Schulter und warf 
ihn über sie, aber er sah sie nicht an dabei, so daß ihm der 
heiße Blick ihrer strahlenden Augen entging. Die Schnee 
flocken tanzten auf und nieder vor ihm, sic schienen sich zu 
verdichten, sie bildeten ein blasses, schönes Frauenantlitz, 
„Lottchen," sagte er unwillkürlich und es war, als bräche dieser 
Name den Zauber, der von den glühenden dunkeln Augen 
ausging. Starr und stumm stand er, die Hand am Degen, 
die Pistole in der Rechten, kein Lächeln, kein Zähneknirschen 
der schönen Dame inachte ihn irre in seiner Pflicht. Er war 
nur seines Kurfürsten Offizier, der zwei der Spionage dringend 
verdächtige Personen bewachte. 
So sausten sie dahin übers Haff, der Kurfürst mit den 
Seinen vorauf, auch Friedrich Wilhelm sah das Krähenvolk 
auffliegen, aber vor seinem inneren Blick verwandelte es sich 
in bunte Adler, die durch den Nebel zur Sonne aufflogen. 
Er sprach nicht, er schaute unverrückt aufs Ziel, umzusehen 
brauchte er sich nicht, er wußte, daß seine Getreuen ihm folgten 
auch durch Eis und Schnee. 
Drei Meilen hatten die Schlitten zurückgelegt, vor ihnen 
lag wieder Land. Sic waren dem Feind auf der Ferse; jetzt 
mußten sie ihn fassen und halten. Lindholz war seines 
Wächter-Amtes enthoben, er verbeugte sich kühl gegen die 
Dame, die ihm ein höhnisches „Auf Wiedersehen!" zurief und 
- begab sich zu seinen Leuten. 
Bald klang das Vorwärts! des Kurfürsten, der Schnee 
hörte auf, die Soune brach siegreich durch die Wolken und 
die schwatzenden, kreischenden Krähen hatten sie hinter sich ge 
lassen. Heinrich Lindholz schüttelte die Erinnerung an Clotilde 
ab, Friedrich Wilhelm aber führte seine Getreuen vorwärts, 
immer vorwärts zu neuen Siegen und Ehren! 
(Fortsetzung folgt.) 
Sagen und Gebräuche aus der Zeit zwischen Weih 
nachten und Neujahr. 
Nach einem Vortrag des Herrn Professor Dr. pnutiis (fasset. 
Für unsere heutige Nummer geben wir im Nachstehenden 
den Auszug eines größeren Vortrags, den Herr Professor 
Cassel vor längerer Zeit im Berliner Geschichtsverein hielt, und 
welcher der Mehrzahl unserer Leser kaum bekannt sein dürfte. 
Der Redner schilderte die historische Bedeutung des Sylvester- 
tages, indem er die Legende vom Kaiser Constantin dem Großen 
zu Grlinde legte, welcher, an einer heftigen Hautkrankheit leidend, 
den heidnischen Rath des Magiers, sich im Blute unschuldiger 
Kinder zu baden, zurückwies, und lieber sterben wollte, und dadurch 
Gott bewog, ihm durch die Erscheinung Petri und Pauli auf 
dem Serap tim berge zum Bade der Taufe zu verhelfen und zu 
heilen. Der mittelalterliche Mcndelberg Mont Jouart, Mons 
Jovis, der Drache Seraptim, Scrapis, wurden angeführt. Da 
j der vermittelnde Mönch Sylvester, Bischof von Rom, dieses 
Wunder am Kaiser vollbracht, wurden zum immerwährenden An 
denken das alte Jahr dem heilenden Sylvester übergeben und 
des Jahres letzte Stunden ihm geweiht. Der römische Kalender,
        
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