Path:
Periodical volume 25. December 1880, Nr. 13

Full text: Der Bär Issue 7.1881

151 
„Ah, Du hast Dich in Dein eigenes Weib verliebt," l 
entgegnete sie mit schneidend scharfer Stimme, „dann ist ftei- 
lich mein Reich zu Ende, aber hüte Dich, soll ich Dich nicht j 
lieben, so will ich Dich hassen und wen Clotildc Betthüne 
haßt, der mag sich in Acht nehmen." 
Sie hatte die kleinen Hände zornig geballt, und die 
weißen Zähnchen aufeinander gebissen, dem Brandenburger 
schlug das Herz höher, da prasselte die Flamme im Kamin 
empor, und es war ihm, als sähe er aus der Flammen ein 
zartes bleiches Angesicht blicken, mit großen traurigen braunen 
Augen, als höre er ein Lachen, lieblich wie das eines Kindes; 
o das Weib vor ihm war schön, aber sein eigen Weib daheim 
in Berlin, das war noch schöner, warum ließ er sein Herz 
so unruhig schlagen bei Clotilde's Anblick? 
„Du willst mir also nicht danken für Alles, was ich an 
Dir gethan. Du willst nicht wissen, wie es mir gelang, von 
allen Bewegungen Deines Kurfürsten unterrichtet zu werden 
und Dich hier zu erwarten." 
„Mehr als einmal, meine gnädige Frau, habe ich Euch 
gedankt für Eure Sorge um den Verwundeten, dessen Ihr 
Euch zu Stettin so mild annahmt", erwiderte Heinrich ernst, 
„was Euch damals nach Stettin, was Euch heut nach Königs 
berg geführt, ich will es nicht wissen, möglich, daß solche 
Wissenschaft nicht geeignet ist für einen brandenburgischen 
Offizier. Offen und ehrlich will ich Euch bekennen, daß mehr 
als einmal mein Herz Euch zufallen wollte, daß Euer Bild 
mir Sinne und Gedanken beherrschte, aber das Dunkel, das 
Euch umgiebt, stieß mich zurück, mehr noch als der Gedanke 
an mein Weib daheiin. Ihr seid Französin, Ihr könnt's nicht 
ehrlich meinen mit Brandenburg, und darum darf Euch 
Friedrich Wilhelms Krieger nicht lieben, auch wenn er frei wäre!" 
„O über diese Bären!" rief Clotilde, „fragt Ihr Eure 
Geliebten immer erst, ob sie an Friedrich Wilhelms Stern 
glauben, kommt bei Euch Allen erst der Kurfürst und Bran 
denburg und dann die Liebe?" 
„Es soll bei uns Allen zuerst die Ehre kommen," sprach 
Heinrich immer mit dem gleichen Ernst, „Clvtilde, mein kleines 
schwaches Weib hat daheim auf meine Ehre gehalten, muthig 
8 in allen Dingen, meint Ihr, ich sei gesonnen, ihr mit einem 
U Treubruch zu lohnen? Bteint Ihr, ich sei ehrlos genug, einem 
andern Manne den Schimpf anzuthun, den ich nur mit Blut 
D abwüsche, wenn er mir gethan würde. Ich denke an Euren 
»Gemahl und an mein Weib, und darum laßt unsere Wege 
sich scheiden, wenn es auch uns Beiden schwer wird." 
„Das giebst Du zu," jauchzte sie aus, „also ganz von 
KStein bist Du doch nicht, mit Deiner lächerlichen deutschen 
K Tugendhaftigkeit und Deinem Gespenst von Ehre; ein Berliner 
W> Bürgerjunge fabelt von Ehre wie Bahard!" 
Heinrich Lindholz verneigte sich schweigend vor der Dame, 
es hatte ihn etwas wie Widerwillen erfaßt, er mußte immer 
an Lottchen denken, und es war ihm, als sei dort bei ihr in 
dem alten Hause auf dem Molkennmrkt die Luft reiner ge 
wesen wie hier in dem Zimmer der französischen Dame, die 
an sein Leben geschleudert worden war, wie ein glänzender 
Meteor. Wohl hatte der Glanz ihn angezogen, aber er hatte 
den klugen Berliner nicht ganz zu blenden vermocht; umsonst 
war auch dieser ernsthafte, fast pedantische Mann nicht mit 
Spreewaffer getauft. Die schöne Dame sah ihm nach mit 
funkelnden Augen, aus denen Liebe und Haß zugleich sprachen, 
und ihre Lippe murmelte: „Ich finde Dich doch, hüte Dich 
vor mir!" 
Während Heinrich wieder durch die Straßen schritt 
schwebte ihm plötzlich auch das Bild der armen Magd vor, 
die ihn geliebt wie die Französin, die sein Weib gehaßt hatte 
und die ihm doch so deutlich gezeigt, welchen Schatz er an 
ihr besaß. 
„Sie hat Recht mit dem Kiesel und dem Edelstein, die 
Märchen-Hanne," dachte er, während Clotilde auf Rache sann. 
Auch die Märchen-Hanne hatte so manchen abenteuerlichen 
Plan geschmiedet, bald hatte sie Heinrich von seinem Weibe 
j getrennt, bald ihn mit demselben vereinigt, aber alles nur in 
ihren Träumen, in der Wirklichkeit war sic eine fleißige stille 
Magd geblieben. Die Französin träumte nicht, sie rechnete 
j kalten Blutes und die rechnenden Menschen kommen eher zum 
Ziel als die träumenden, was aber eben kein Lob für die 
Rechner ist. 
Als Heinrich Lindholz in seinem Quartier ankam, mußte 
er alle Gedanken an Frauen und Liebe aufgeben; er fand 
eine Ordre vor, sich unverzüglich mit seinen Leuten auf den 
Marsch nach Labiau zu begeben; zu gleicher Zeit sollten sie 
so viel Schlitten und Pferde wie möglich mitnehmen. Ver 
wundert sahen die Königsberger dem Zuge nach, noch verwun 
derter die Litthaucr, die mit ihren Wagen in die Stadt kamen, 
um zu kaufen und zu verkaufen. Verwundert schob mancher 
! Handwerksmann die Zobelmütze aus der Stirn, denn der 
Königsberger trieb große Hoffahrt in der Kleidung, verwun- 
dert liefen die Kaufleute im Junkerhof, da sic ihre Trinkstube 
hielten, zusammen, nur die Brandenburger wunderten sich nicht, 
sie ahnten, was ihr Kurfürst wollte. Waren sie doch vor 
wenigen Tagen zu Schlitten über die zugefrorenen Gewäffer 
des Frischen Haffs gezogen; sie hatten den Winter, der mit 
seiner grimmen Kälte ihnen so feindlich schien, sich zum 
Bundesgenossen gemacht und was einmal geschehen, konnte 
auch zum zweiten Mal geschehen. 
Als die Brandenburger, brennend vor Ungeduld, sich 
mit den alten Feinden zu messen, in Labiau ankamen, waren 
diese längst davon, wie denn dieser ganze Feldzug mehr einer 
Jagd glich als einem Kriege. Die Kurfürsten von Branden 
burg aber verstehen sich auf die Jagd so gut wie auf den 
Krieg, und Friedrich Wilhelm zumal war ein Jäger, der nicht 
abließ, bis er sein Wild gestellt hatte, wenn er erst auf der 
Fährte desselben war. 
Eisig pfiff der Wind aus Norden, als die Truppen in 
Labiau ankamen, wie ein Spiegel lag das Curische Haff vor 
ihnen; von Labiau bis Memel dehnt es sich in einer Länge 
von fünfzehn Meilen aus und erreicht an einzelnen Stellen 
die Breite von fünf Meilen. Die Dange, die Minge und die 
Memel ergießen ihre Gewäffer in das Haff, heut' stand Alles 
starr, unter der unabsehbaren Eisdecke ließ sich kein Leben 
spüren, die bleiche Wintersvnne flimmerte darauf, daß sie die 
! Männer blendete. Nichts als Eis, Reif und Schnee war zu 
E sehen; Eis aus dem Haff, Schnee auf den Sanddünen der 
j Nehrung, jenem schmalen Landstreifen, der das Haff von der 
- Ostsee trennt. Reif in den Bärten der Krieger, deren Glieder 
| den Dienst versagen wollten in diesem rauhen Lande. Mit 
heiserem. Gekreisch zog ein Krähenvolk dahin, wie schwarze 
Punkte hoben sich die flatternden Vögel von dem eintönig 
grauen Himmel ab. Eine ganze Wagenburg von Schlitten
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.