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Periodical volume 18. December 1880, Nr. 12

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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führte, soll er zu seinem Adjutanten gesagt haben: „Soll mir doch 
sehr Wundern, ob sic ihr wirklich ausjehangen haben!" 
Papa Wrangel befand sich auf seinem Landsitz Steglitz, als 
sich in Berlin das Gerücht von seinem Tode verbreitete. Es drang 
sogar bis zu den Ohren seiner Frau, die in Angst und Sorge einen 
Boten nach Steglitz abfertigte, der ihr sofort Nachricht bringen 
sollte. Wrangel beschloß, noch am selben Abend wieder nach Berlin 
zu kommen, gab dem Boten aber ein Zettelchen mit, worauf stand: 
„Liebe Frau, ich bin nich dot. 
Mach mich ein jutes Abendbrod!" 
Die falsche Nachricht vom Ableben des alten Herrn verbreitete 
sich übrigens mehrere Riale in Berlin. Als an so einem Tage 
eine bekannte, mit dein Feldmarschall befreundete Börsengröße beim 
Morgenspazierritt Wrangel begegnete, der aus seinem Fuchs ritt, da 
erfuhr Wrangel durch den beglückwünschenden Gruß des Banquiers, 
daß man ihn wieder einmal todt gesagt hätte. „Also Widder eene 
Börsenspekulation mit mich!" meinte der originelle Herr. 
Soldat von ganzem Herzen, betheiligte sich Feldmarschall 
Wrangel — wie bekannt — als er 1866 kein Kommando erhalten 
konnte, als Freiwilliger in seinem Kürassierregiment am Kriege 
gegen Oestreich. Der König hatte ihm das gestattet, und so fuhr 
den» der damals 82 jährige den bereits vor dem Feinde stehenden 
Truppen nach. An der Grenze angelangt, sagte er zu seinem Ad 
jutanten: „Es schickt sich nich vor eenen Feldmarschall, in Fein 
desland hinein zu fahren, er muß hinein reiten," verließ den Wagen 
und stieg zu Pferde. Sv ritt er den ersten, so den zweiten Tag, 
allein er hatte das Unglück, sich durchzureiten. Der Adjutant be 
merkte das und drang in den alten Herrn, seinen Wagen zu be 
steigen, er verschwieg freilich dabei, daß er selber auch lieber fahren 
als reiten wolle. Anfangs weigerte sich der alte Herr, dann aber, 
als sein Uebel stieg, mußte er sich seufzend zum Besteigen des 
Wagens bequemen. „Hast recht, mein Sohn, alter Mann ist zu 
nichts mehr nutze, aber Du reitst. Du reitst!" Nun allein 
im Wagen, begann Wrangel denselben zu durchsuchen und fand 
dabei allerlei seine Sachen, wie es jüngere Offiziere gern haben. 
Da waren Eonserven, Weine, Cigarren u. s. w., die er der Reihe 
nach aus dem Wagen warf. Nun war am Abend Schmalhans 
Küchenmeister, und die jedem Soldaten gelieferte Feldportion machte 
den ganzen Reichthum der Tafel aus. Schmunzelnd meinte der 
Feldmarschall: „Scheenes Leben des Soldatenleben, so eenfach, so 
jesund!" Illach der Mahlzeit forderte er seinen Adjutanten auf, 
zu rauchen. „Ich habe keine Cigarren." „Na dann werde ich 
Dich welche holen!" Stand aus und ging in den Stall zum 
Burschen des Adjutanten, den er mit den Worten — „Gleich giebst 
du die Cigarren, die du deinem Herrn genommen hast" — in nicht 
geringen Schrecken versetzte und zur Herausgabe veranlaßte. Mit 
der Beute erfreute er dann den rechtmäßigen Eigenthümer. 
Ein Lieblings-Wahlspruch Wrangels, den er oft im Munde 
führte, lautete: „Mit Beharrlichkeit kommt man am Ziele!" 
Alls einem Maskenball beim Fürsten Putbus in Berlin redete 
eine sehr hochgestellte Dame, welche vor Kurzem Mutter geworden 
und als Bäuerin verkleidet war, den alten Wrangel mit den 
Worten an: „Maske,, ich kenne Dir!" „Ich kenne Dir ooch" 
— erwiderte Wrangel — „Du bist eene Amme!" 
Als Wrangel Regimentscommandeur geworden war und sein 
Regiment zum ersten Male cxercirte, rief er vor Beginn die Offi 
ziere vor die Front. Die Herren ritten ihm zu langsam, er sagte 
deshalb: „Ich bitte, nochmal inzutreten", und rief dann zum 
zweiten Male: „Die Herren Offiziere!" Die Herren kamen gerade 
wie zuvor in gewohntem, ruhigen Galopp. „Wenn ich Ihnen 
rufe, meine Herren, denn kommen Sie in dem Carriere; ich bitte 
noch mal inzutreten!" Als nun die Offiziere zum dritten Male 
gerufen wurden, sah man ein Jagen und Wettrennen ohne Gleichen; 
ein junger Offizier war seines feurigen Pferdes nicht Herr, und 
ritt in vollstem Lauf seinen Regimentscommandeur derartig an, 
daß das eine Bein desselben über den Pferderücken zurückgeschoben 
und Wrangel selbst, aus dein Sitz gebracht und mit dem anderen 
Fuß im Bügel, an der Seite seines erschreckten, in langen Sätzen 
davoneilenden Pferdes hing. Mit den Händen hielt er sich in der 
Mähne fest, seiner Truppe ein merkwürdiges Schauspiel bietend. 
Nachdem es ihm gelungen war, den einen Fuß aus dem Bügel 
zu ziehen, ließ er sich fallen und bestieg das Pferd eines Wacht 
meisters, der aus der Front heraus seinem Commandeur nachge 
jagt war. Wrangel kam nun zu den versammelten Offizieren 
zurück und sagte: „So, meine Herren, wünsche ich von Sie, 
daß das Reiten im Regiment künftig betrieben wird!" 
Auf einer Jnspicirungsreise als commandirender General des 
II. Armeecorps berührte Wrangel einst einen kleinen Ort, in welchem 
eine Batterie kantonnirte. Wrangel traf spät Abends ein, wollte 
daselbst nur nächtigen und anderen Tages früh seine Reise fort 
setzen. Der Batteriechef empfing ihn, übergab den Rapport und 
wagte unvorsichtiger Weise: „Befehlen Euer Excellenz die Batterie 
zu sehen?" Unnöthiges Reden im Dienst war gegen Wrangels 
Natur; er stutzt und antwortet: „Ja wohl, mein Sohn, morgen 
früh um Vieren!" Es war Sommerszeit, aber die Batterie völlig 
um ihre Nachtruhe gebracht; Pferde, Geschütze, Monturen re. mußten 
wie man zu sagen pflegt „auf Deubel hol" geputzt werden, um 
zur Morgendämmerung bereit zu stehen und keinen Anlaß zum 
Tadel des scharfen alten Herrn zu geben. Wrangel kam pünktlich 
zur Stelle, sah sich die Batterie genau an, ohne ein Wort zu ver 
lieren und bestieg dann seinen Wagen zur Fortsetzung der Reise. 
Kamn hatte er Platz genommen, so rief er dem neben ihm sitzen 
den Adjutanten triumphirend zu: „Der fragt mir nie wieder!" 
Kurz vor Ausbruch des Krieges 1866 wollte Wrangel in 
Berlin einen Bekannten besuchen, er fand diesen jedoch nicht, da 
derselbe die Wohnung gewechselt hatte. Dies veranlaßte den Feld 
marschall, einen im Hause befindlichen Laden zu betreten, um dort 
vielleicht zu erfahren, wohin der Bekannte gezogen sei. Die Laden 
besitzerin wußte es auch nicht, sagte aber: „Ich will mal im 
Wohnungsanzciger nachsehen." „Du bist eene kluge Frau!" 
erwiderte Wrangel und als sie nach Frauenart während des 
Blätterns mit ihm Unterhaltung machen wollte, und sich erkundigte, 
ob wir denn wirklich Krieg bekämen, versetzte er: „Erst nachsehen!" 
Dann aber, nach erhaltener Auskunft: „Heute nich, morgen ooch 
nich, vielleicht aber übermorgen!" 
Auf der Straße begegnete Wrangel einst einem Stabs-Offizier, 
den er mit den Worten stellte: „Wat sind Sie?" — „Ich bin 
Major!" — „Ne, wat Sie sind!" — „Major und Bataillons 
commandeur, Eurer Excellenz!" — „Ne, nicht balbiert sind 
Sie, Herr!" 
Bei einem Manöver, welches der damalige commandirende 
General des III. Armeecorps abhielt, hatte ein Ulanenrittmeister 
mit seiner Schwadron eine vom Standpunkt des Reglements nie 
zu rechtfertigende Sünde begangen. 
Der Rittmeister sah, als er seinen eigenen Fehler bemerkte, sich 
von Exe. Wrangel scharf beobachtet; — sein Schicksal kannte er. 
Gleich nach der Attaque ließ Exe. W. „Halt" und gleich 
darauf „Officier-Ruf" blasen und begab, sich, zu der nunmehr sol-
        
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