Path:
Volume 18. December 1880, Nr. 12

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

139 
eifersüchtig zu sein?" daß er sich auf die Lippen biß und 
schwieg. Es wurmte ihn überhaupt, sie so kühl und ruhig 
zu finden^ keine Freude über seine Ankunft, kein Schmerz über 
seine Abwesenheit und sie war doch sein Weib. In seltsamer 
Ungerechtigkeit verlangte er von ihr, was er nicht gedachte 
ihr zu geben. 
„Soll ich öffnen?" fragte sie. 
Er nickte schweigend und Beide traten über die Schwelle 
des Zimmers. Das gelbe hieß es von dem schreiendgelben 
Anstrich, der die Wände bedeckte, von dem gelben Bezug der 
Stühle und Ruhebetten; das viele Gelb schimmerte kalt und 
hart durch das Halbdunkel, welches in dem niedrigen Gemach 
herrschte, dessen Fenster dicht verhangen waren; nie durften 
sie geöffnet werden, nie die Sonne Zugang erhalten, und es 
hätte hier die fürchterlichste Luft herrschen müssen, wären nicht 
in der Decke ein paar Luftlöcher angebracht gewesen, die selten 
nur geschloffen wurden. Auf einem Ruhebette, gerade in der 
Mitte des Gemaches unter einer mattbrennenden Ampel lag 
eine Fraucngestalt in weißen Gewändern, die großen ver 
blaßten Augen starr auf das Licht in der Ampel gerichtet; 
ihr Alter ließ sich schwer bestimmen; das Gesicht, dem Luft 
und Tageslicht seit länger denn zwanzig Jahren fehlten, war 
wachsweiß, das Haar ergraut; die Hände, die auf der Brust 
gefaltet lagen, schienen fast blutlos und die weißen Lippen 
sahen aus wie die einer Todten. Mit leiser Stimme sang 
sie vor sich hin, die süßesten Liebeslieder, abwechselnd mit 
Wiegenliedern: 
Scheid nicht mit Leid, 
Gott weiß die Zeit, 
Die Wiederkehr bringt Freuden! 
„Mutter," sprach Heinrich Lindholz, auf die bleiche Frau 
zutretend, in tiefer Bewegung, „ich bin wieder da." 
„Wer ist da?" fragte sie ohne den Kopf zu erheben. 
„Dein Kind, Dein Heinrich!" 
„Mein liebes, kleines Kind," wimmerte sie plötzlich, „es 
fiel ja in das Blut, in das rothe Blut und die Sonne schien 
darauf und Philipp Adam war todt, und Peter verschwand 
und ich bin auch todt und verschwunden." 
„Immer das Alte," seufzte Heinrich, „hat sich nichts ge 
ändert?" 
„Rein," entgegnete Lottchen, „so liegt sie Tag und Nacht; 
die Nahrung, die sie braucht und nimmt, wird immer weniger; 
sie singt vor sich hin, wenn sie wacht und wenn der Mond 
voll wird, schläft sie drei Tage und drei Nächte, dgß man 
sie für todt halten könnte. Wacht sie dann auf, so hat sie 
Krämpfe, die ihren ganzen, armen Leib erschüttern; nur mir 
gehorcht sie dann, mir nur wie früher der alten Röse, die 
der strenge Winter hinnahm, so jetzt der Hanne, meiner Magd. 
Wie mag sie nur so geworden sein?" 
Sie hatten das Ziminer wieder verlassen und begaben 
sich in das Wohngemach, wo Alles unverändert war. Ein 
Gefühl der Behaglichkeit überkam Heinrich Lindholz doch in 
den alten Räumen und die ruhige Geschäftigkeit, mit der 
Lottchen ihn bediente, that ihm auch wohl. 
„Wie die Mutter so geworden ist," sagte er sinnend, 
während er ein Stück Brod abschnitt, „Du weißt ja, der 
Vater hat es uns oft erzählt, mein Bruder Philipp hatte sich 
selbst verwundet mit einer Waffe, die Mutter, die mit mir 
ausgegangen war, fand ihn als Leiche in dem gelben Ziminer 
liegen, sie ließ mich vom Arme fallen, erschrak, genas zu früh 
eines todten Kindleins und hat ihren Verstand nicht wieder 
erhalten." 
„So hat's der Vater erzählt," nickte Lottchen, „aber das 
kann nicht Alles sein, warum spricht sie von Blut, in das 
sie ihr Kind fallen ließ?" 
„Der Todte wird wohl geblutet haben," meinte Heinrich, 
„vielleicht kam ein Blutfleck auf mein Kleid." 
„Es ist da nicht Alles in Ordnung," murmelte sic, „Hein- 
rich," sagte sie dann plötzlich, „weißt Du, was eine cgyptischc 
Maske ist?" 
„Rein," entgegnete er erstaunt, „ich höre das Wort zum 
ersten Mal, was hat es mit meiner Mutter zu thun?" 
„Das weiß ich eben nicht, erwiderte sie, „Ohm Anton 
hat das Blatt, auf dem es stand, aus dem großen Buch ge 
rissen und verbrannt; Dein Bruder hat kurz vor seinem Tode 
noch darin gelesen, Ohm Anton weiß mehr, als er sagen will." 
„So laß ihm sein Geheimniß," meinte Heinrich, „ich 
denke, je weniger wir es zu ergründen suchen, desto besser ist 
es für uns." 
„Du magst Recht haben für Dich," entgegnete sic ernst, 
„aber mich peinigt oft ein schwerer Gedanke, mein Vater ver- 
schwand bei Deines Bruders Tode, wie wenn er Deines 
Bruders —" sie zitterte und vermochte nicht weiter zu sprechen. 
„Lottchen," rief er entsetzt, „hätte Dich dann der Vater 
mein Weib werden lassen?" 
Sie strich mit der Hand über die Stirne; „ich sage mir 
das auch zum Trost," erwiderte sie, „aber immer wieder 
kommt der entsetzliche Gedanke; ich hatte ihn schon als Kind, 
sie redeten unvorsichtig vor meinen Ohren von all' diesen 
dunkeln Geschichten, er hat meine Kindheit vergiftet, inich scheu 
und ängstlich gemacht; immer wieder habe ich es versucht. 
Deiner Mutter mehr davon zu entlocken, immer vergebens, 
ich habe meinen Vater nie gesehen, ich weiß nichts von ihm, 
denn die Mutter sprach wenig von ihm, sollte ich ihn mir 
als Mörder denken? Deinen Vater mochte ich nicht fragen, 
Ohm Anton schweigt und Deine Mutter auch." 
Heinrich aß nicht mehr. Voll tiefen Mitleids blickte er 
auf das arme Weib, das ihres Vaters Unschuld erfahren 
wollte von einem Halbeinfältigen und einer Wahnsinnigen. 
Er war aufgestanden und legte den Arm um ihren Racken. 
Einen Augenblick lehnte ihr Kopf wie der eines müden Kindes 
an seiner breiten Brust, ihre Augen sahen so liebeverlangend 
zu ihm auf, es war ihm, als müsse er sich niederbeugen und 
ihren schönen Mund küffen; hatte er denn früher nie gesehen, 
wie liebreizend dieser Mund war? Da machte sie sich leise los, 
es kam wie Scham über sie, warum drängte sie sich dem 
Manne aus, der sie doch nicht liebte. Es ließ es geschehen, 
es düntte ihm roh, einem Weibe seine Liebkosungen auf 
dringen gn wollen, und wenn es auch sein rechtmäßiges Ehe 
weib war. 
Dann ging er hinüber in das kleine Gemach, das er 
seit seiner Knabenzeit bewohnt hatte; auch hier war Alles 
unverändert. Man sah, daß eine Frauenhand diesen Raum 
sorglich in Ordnung hielt; es sah aus, als sei er erst gestern 
fortgegangen und doch waren es Jahre. Wo waren sie ge 
blieben? Er trat ans Fenster und blickte hinunter; tiefer 
Schnee bedeckte den Molkenmarkt, von einein Hause zuin an 
dern ließ er die Blicke gleiten, kannte er doch jeden Giebel,
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.