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Periodical volume 18. December 1880, Nr. 12

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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holz," befahl der Kurfürst, der deu Ankommenden er 
kannte. 
„Der Feind," ineldete Heinrich Lindholz, „hat bei Kuker- 
nese die Memel passirt, die Schlösser Tilsen und Ragnit weg 
genommen, noch che der Generallieutenant von Görzke in 
Preußen anlangen können, hat Insterburg erobert und streifet 
vor Königsberg, welche Stadt sie in Kurzen! wegzunehmen 
sich Hoffnung machen." 
„Will ihre Hoffnung zu Wasier machen," lachte der Kur 
fürst ingrimmig. 
„Wollen Durchlaucht wirklich nach allen Fatiguen, wo 
Sie Ruhe so nöthig haben, jetzt Ihr Leben auf's Spiel setzen?" 
mahnte die Kurfürftin. 
Hinter Derflinger hatten sich eine Menge Offiziere und 
Hoflcütc hereingcdrängt, auch Jda und Levin waren unter 
ihnen; Lvttchen war wieder zu sich gekommen, sie stand bleich 
und zitternd wenige Schritte von ihrem Gemahl entfernt, aber 
dessen Blicke glitten über sie hinweg. 
„Euer Liebden hindern mich doch sonst nicht an meinen 
Pflichten," gab der Kurfürst scharf zur Antwort. „Ich habe es 
meinen treuen preußischen Landständen versichert, daß ich alle 
Gefahr mit ihnen theilen, daß ich sie selbst retten will, ich 
werde nicht zögern, morgen, meine Herren, brechen wir nach 
Preußen auf." 
Ein lauter Jubelruf antwortete ihm. 
„Ich begleite Euer Liebden," sprach die Kurfürstin ent- 
schloficn, und Friedrich Wilhelm küßte ihr dankend die Hand. 
„Nicht einmal im Kriege läßt sie ihn und dem Heere," 
murrten die Offiziere. 
Es erging der Befehl, den Kurfürsten allein;u lassen, 
und rasch war das Gemach geleert. Draußen faßte Levin 
von Scharben die Hand des Lieutenants Lindholz: „Will- 
kommen daheim, Heinrich," sagte er mit seiner klangvollen 
Stimme, „hast Du noch Dienst, dann will ich Deine Frau 
heimgeleitcn, die eben eine Audienz beim Kurfürsten hatte, 
oder willst Du es selbst thun?" 
„Meine Frau, hier," rief Heinrich sichtlich erschreckt, „damt 
faßte er sich und sagte: „Ich danke Dir, Scharben, aber es 
versteht sich, daß ich meine Frau heimgeleite." 
Er wandte sich um und blickte gerade in Lottchens 
braune Augen. Große traurige Augen, hatte Mem Hardt ge 
sagt, den eine Schwedenkugel vor Stettin an seiner Seite gc- 
tödtct hatte. Eine schone Frau mit großen, traurigen Augen; 
er hatte Recht gehabt, diese Frau da war schön, war sie es 
erst geworden, seit er sie verlaßen hatte, oder war sie es 
immer gewesen, und er hatte nur nicht darauf geachtet. Oder 
hatte er jetzt erst ein Auge ftir Frauenschönheit bekommen? 
Und doch hatte er keine Freude daran, daß seine Frau schön 
war, er hätte es lieber gesehen, sie als ein häßliches, kleines 
verkümmertes Ding zu erblicken, wie er sie sich seit Jahren 
in seiner Phantasie ausmalte. Aeußerlich stieß er sich jedoch 
voir diesen Gefühlen nichts merken; er schritt auf seine Frau 
zu, reichte ihr den Arm und sagte: „Ein paar Stunden habe 
ich Zeit für Dich unb mein Haus, ist es Dir nicht zu kalt 
zum Gehen?" 
„O nein," cntgeguete sie ruhig, „ich habe ineine Pelze." 
Es war ein eigeilthümliches Gefühl, sich von ihm helfen 
uild bedienen zu lassen, sie sah wohl, wie fein Auge mit einer 
gewissen Bewunderung aus ihr ruhte; aber keine Spur von 
Freude, von Liebe lag in seineil Zügeil. Erkältend wehte es 
sie an, ihr Herz hatte wärmer geschlagen, als er zur Thür 
hinein getreten war; jetzt zog es sich wieder scheu zurück. 
Sie bedankte sich bei dem Kammerrath, bei Frau voll Schar 
ben uild Leviil, iilan fand es natürlich, daß sie jetzt mit 
ihrein Manne ging, auf den Jda die großen, verwundcrteil Ailgen 
heftete, bis sie plötzlich mit der ihr eigenen rücksichtslosen 
Lebendigkeit sagte: „Ei, Herr Lindholz, Ihr solltet imiiler mit 
Eurer Frau gehen, Ihr seid ein gar schönes Paar!" 
Lindholz verbeugte sich gegen die kleine Dame, ein wellig 
fühlte er sich doch geschmeichelt. 
Ein paar Minuteil später wareil sie auf der Straße; 
stumm und verlegen gingen sie nebeneinander her; sie wußten 
nicht, was sie mit einailder reden sollten. Vorsichtig leitete 
Heinrich ihre Schritte, sonst hatte er daran nicht gedacht, er 
hatte aber draußen auch gelernt, ivie mail mit Frauen um 
geht, und durch Lottchens Seele ging ein scharfer Schmerz. 
Nicht sic war seine Lehrerin geweseil. Andere hatten ihn zum 
Cavalier gemacht, der selbst Levin nichts nachgab, vielleicht 
dachte er an diese Anderen, während er sein Weib am Arme 
führte. 
Sie standen vor dem alten Hause ain Molkeinnarkt; 
Hanila öffnete die Thür, er starrte in ihr schönes Gesicht, als 
rufe es ihm eine Erinnerung zurück; aber er erkannte die 
Züge doch nicht, die einst so gewaltigen Eindrllck auf ihn 
gemacht hatten. Er folgte feiner Frau, und Hanna sailk leise 
iveineild iil der dunkeln Hausflur auf die Kiliee. 
Dreizehntes Kapitel. 
Durchs ganze Kaus. 
Auch zu der Liebe schwimmet nicht stets das Glück, 
Wie zu dem Kaufmanne nicht der Indus schwimmet. 
H. fl. filtilt. 
„Sieh sie Dir noch einmal an," sprach Lottchen, die mit 
ihrem Manne vor der Thür des gelben Ziminers staild, „sie 
wird schwach und schwächer, leichtlich möchtest Du sie in 
diesem Sehen nicht wieder sehen." 
„Ich will Dir's wünschen," entgegnete Heinrich mit ge 
dämpfter Stimme, „Du wärest einer großen Last ledig." 
Sie schüttelte den dlinkeln Kopf. „Es war mir nie eine 
Last, und sie wird rnir fehleil, wenn sie hinüber ist; sie und 
der Ohm Anton sind die Eiilzigen auf Erden, die mich wirk 
lich brauchen." 
Wohl traf die leise Klage, die durch diese Worte tönte, 
das Herz des Mannes, aber er mußte ihr eigentlich Recht 
gebeil, er brauchte sie ja auch nicht, iin Gegentheil, sie stand 
zlvischen ihiii unb einem schönen Frauenbilde, das seine gange 
Seele allsfüllte. 
„Du hast es einsam hier," sagte er trotzdem rnitleidig, 
„liild ich kailn Dir nicht eiilmal eine baldige Wiederkehr ver 
sprechen." 
„Ich verlange sie auch nicht," entgegnete sie kühl, denn 
! sein Mitleid verletzte sie tiefer als alles Andere, „die Familie 
! steht mir mit Rath und Trost bei, ich habe ineine Mutter, 
! ich habe Schardens." 
„Besonders den schönen Junker," entgegnete er herbe. 
I Sie sah ihn so stolz abweisend an mit den kleinen braunen 
; Augeil, als wollte sie ihn fragen: „Welches Recht hast Du,
        
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