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Volume 11. December 1880, Nr. 11

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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aber ein tiefes Weh zog durch ihr Herz. Ihr Mann brauchte j 
keine Glückwünsche, dem war sie ja nur eine Last- 
Gerade als der Kurfürst auch diese zweite Audienz been- j 
bet hatte und Alle verabschieden wollte, wurde draußen im 
Vorzimmer ein Lärmen laut, wie er in der Nähe des Herr 
schers höchst unstatthaft war. Die Augen Friedrich Wilhelms 
blitzten auch sofort zornig auf, so daß Lottchcn heftig er 
schrak. Die Kurfürstin und Frau von Scharben erhoben sich; 
der Kammcrrath ging nach der Thür, aber schon wurde diese 
aufgerisien und mit verdrückter Perrücke, schiefem Halstuch, 
den Säbel in der Faust, stürmte Derflinger herein. 
(Fortsetzung folgt.) 
Tylr Wardtnbergs Verurtheilimg. 
Sittenbild aus Berlin's Vorzeit. 
Bon .tillinn. 
Vorwort. 
Zum besseren Verständniß des zur Darstellung gelangenden, 
mittelalterlichen Gerichtsverfahrens erscheint es nothwendig, einige 
historische Bemerkungen vorauszuschicken, um einen allgemeinen 
Ueberblick von den Zcitverhältnisscn zu gewinnen, in denen die 
Thatsachen sich zugetragen, auf welche das Prozeßverfahren Bezug 
nimmt. 
Der ritterliche Kaiser Ludwig der Baier war im Jahre 1347 
verstorben, nachdem er seinen drei Söhnen, Ludwig dem Aelteren, 
Ludwig dem Römer und Otto, den Besitz der Mark Brandenburg 
und deren Erbfolge gesichert hatte. Sein Nachfolger war der 
König von Böhmen, welcher nicht ohne Widerspruch eines Theils 
der Kurfürsten, und nur durch Vermittelung des Papstes Clemens VI. 
als Karl IV. zum deutschen Kaiser gewählt wurde. Zwar besaß 
er nicht den edlen, ritterlichen Sinn seines Vorgängers, aber eine 
für seine Zeit hohe Bildung und Staatsklugheit, sowie Sinn und 
Verständniß für Künste und Wissenschaften. Er gründete 1348 
zu Prag die erste deutsche Universität, schuf daselbst herrliche Bau 
werke, und belebte in Böhmen Handel und Gewerbe. Von seiner 
Tüchtigkeit als Finanzniann spricht auch das Landbuch der Mark 
Brandenburg — ein Verzeichniß aller Ortschaften und der dem 
Kaiser daraus zu leistenden Abgaben, — welches er im Jahre 1375 
austrehmen ließ, und das noch heut eine Quelle für unsere Ge 
schichtsforschung bildet. 
Aber seine Handlungen bezweckten nur den Glanz und die 
Verherrlichung seiner Krone, die Befestigung seiner Dynastie, so 
wie die Begünstigung und Vergrößerung seines Erblandes Böhmen. 
Für das große deutsche Vaterland besaß Karl IV. kein Herz; und 
schon das im Jahre 1356 zur Feststellung der fürstlichen Gewalten 
in Deutschland erlassene Gesetz — wegen des daran befestigten 
goldenen Majestätssiegels die „goldene" Bulle genannt — trug 
dazu bei, die Gesammtmacht Deutschlands zu zersplittern und die 
Freiheiten der Städte zu beschränken. 
Was aber dem Charakter des Kaisers am meisten zum Vor 
wurf gereichte, war, daß seiner Staatsklugheit die Ehrlichkeit fehlte; 
er vermied den Krieg nicht aus Friedensliebe, sondern aus Feig 
heit; er suchte nach dem Grundsatz, daß der Zweck die Mittel 
heilige, auf Schleichwegen und durch List seine Ziele zu erreichen. 
So verfolgte er auch, langsam aber sicher, den Plan: die 
Mark Brandenburg den baierischen Fürsten zu entziehen und seinen 
Staaten einzuverleiben. Zunächst stellte er dem Markgrafen Ludwig 
eine zweifelhafte Person, den „falschen Waldemar", als Präten 
denten gegenüber; nahm dann, als er seinen Zweck nicht erreicht, 
aus einen Erbfolgevertrag mit den baierischen Fürsten Bedacht, und 
umgarnte den Jüngsten derselben, Otto, mit stets engeren Fesseln, j 
indem er ihn mit einer seiner Töchter verheirathete und seine 
Schwächen dergestalt zu benutzen verstand, daß derselbe, um nur 
der peinlichen Lage zu entgehen, den völligen Besitz seines Landes 
abtrat. 
Wie die Regierung des im Jahre 1377 verstorbenen Kaisers, 
so auch waren die gesellschaftlichen Zustände im ganzen Reich und 
besonders in der Mark Brandenburg beschaffen. Wegelagerung 
und Befehdungen, alle Ausbrüche frecher Gewalt und entfesselter 
Leidenschaften lasteten auf dem Volke und — Hülfe war bei den 
Fürsten nicht zu erlangen. Jeder mußte sehen, wie er sich selbst 
half. Darum vereinigten die Städte des Landes sich zu einem 
Bunde, um Gewalt und Unrecht mit gewaffneter Hand zu be 
kämpfen und sich gegenseitig, wenn es Noth that, ausgerüstete 
Bürger zu senden. Die Feinde einer Stadt wurden als die aller- 
übrigen betrachtet. 
Die baierischen Fürsten hatten diesen Städtebund geduldet, 
obgleich in der goldenen Bulle das alte Fehdegesetz aufs Neue 
anerkannt und den Städten, bei Verlust ihrer Privilegien, jede 
Verbindung unter einander verboten worden war. 
Die Besorgnis; nun, daß der Kaiser, wenn er in den Besitz 
der Mark gelangt, bei der strengen Befolgung seiner Gesetze den 
Städten auch das Mittel der Selbsthülfe entziehen würde, lag 
damals gewiß sehr nahe. Die Geschichte spricht es zwar nicht ge 
radezu aus, aber die Thatsachen und Umstände lassen entnehmen, 
daß der im Jahre 1373 erfolgte Uebergang jenes Besitzes an den 
Kaiser nicht von Allen mit gleicher Sympathie begrüßt wurde. 
In dem Schooße der Städte, und namentlich in Berlin, dem 
Haupte des märkischen Städtcbundcs, bildeten sich Parteien; die 
eine aus Hoffnung und Vorsicht für den Kaiser, eine andere aus 
Besorgniß und Abneigung gegen denselben. An der Spitze der 
Letzteren stand Tyle Wardenberg, ein Mann von großer Energie 
und vielleicht allzugroßcr Freihcitsliebe. Zu den wohlhabensten 
und angesehensten Bürgern gehörig, hatte er es verstanden, dic 
Mehrheit derselben für seine Ansichten zu gewinnen und ihnen eine 
gleiche Abneigung gegen den Kaiser einzuflößen. So gelang es 
ihm, seine Gegner im Rath und in der Gemeinde zu überstimmen 
und sie zur Rüstung gegen den Kaiser zu zwingen. 
Wie aber die Thaten gewöhnlich nach den Erfolgen gerichtet 
werden, so auch unterließen Wardenbergs Gegner nicht, nach dem 
unglücklichen Ausgange jenes Kampfes alle Schuld auf ihn zu 
wälzen, seine Handlungen während der Zeit seines Stadtregimcnts 
auf feindselige Weise zu tritisiren und in Form eines Sündenregisters 
im Stadtbuche zu verzeichnen. So hoffte man den Kaiser wieder 
zu versöhnen. Aber gleichwohl gelang es nicht, Wardenbergs Po 
pularität zu schwächen. Nur auf kurze Zeit wurde er — lediglich 
vielleicht, um der Anordnung des Kaisers zu genügen — seines 
Amtes entsetzt. Dann wieder in den Rath gewählt, übte er nach 
wie vor an der Spitze der Verwaltung eine Macht und einen 
Einfluß aus, die in der heutigen Zeit kaum zu begreifen, wenn 
man nicht erwägt, daß in den ersten Jahrhunderten des Städte 
lebens dem regierenden Bürgermeister vom Züchter der Gottes 
und Gerichtssriede gewirkt, er dadurch gewissermaßen unantastbar 
gemacht, und in der Achtung und Meinung des Volkes gehoben 
wurde. 
Für Wardenbcrgs überwiegende Klugheit und außergewöhn 
liche Eigenschaften spricht am besten der Umstand, daß er sich 
trotz seiner Gegner beinahe fünfzehn Jahre hindurch in seiner 
Stellung und in der Gunst der Mehrzahl zu behaupten wußte. 
Diesen, von seiner Zeit gerichteten Mann nach seinem Charakter 
zu schildern, soll in der heutigen Darstellung versucht werden. 
Um das Bild zu beleben, ist von der streng historisch erzäh 
lenden Form abgewichen, und da hiermit zugleich die Darstellung 
eines alten Gerichtsverfahrens verbunden sein sollte, so ist 
die dramatische Form gewählt.
	        
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