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Periodical volume 4. December 1880, Nr. 10

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Ausdehnung wegen nicht mit einem Zaun umgeben werden kann, 
zu verbessern. Zunächst ist dies durch eine konsequente Schonung 
der Rohrnutzung, wodurch auch ein äußerer Schutz gegen die zahl 
reichen Seepiraten geschaffen worden, gelungen; dann ist gleich- 
salls fast allein durch Schonung, aus dem Buschwald des Randes 
eine fast undurchdringliche Wand in Höhe von 30—40 Fuß, aus 
Eichen, Erlen, Haselnüssen, Linden und Weiden hergestellt worden. 
Als Ausgangspunkt für die Eultur der Insel hat Dr. Bolle den 
alten Hof genommen, und hier zunächst eine einfache zweistöckige 
Billa von lebhafter Farbe im Schweizer Styl, mit breiter Gallerie 
an zwei Seiten umgeben, errichtet (siehe unsere Illustration). Der 
Blick von hier über die seeumflossene Insel ist ein unvergleichlich schöner. 
Nach Norden und Osten dehnt sich der Park, aus dessen Bestandtheile 
wir später zu sprechen kommen werden, aus; nach Süden geht vom 
Hause eine Allee canadischer Eichen, welche die Koppel (den Viehgar- 
len) vom Gemüsegarten trennt. Weiterhin sind überall gartenähnlich 
von Pflanzungen durchschnittene Roggen- und Kartoffel-Aecker, auf 
denen allein 2000 Kirschbäume, einstweilen, bis ihre Wurzeln zu 
dem fetten feuchten Untergrund vorgedrungen sind, noch zum 
Theil erst ein Stadium der Vorbereitung für endgültiges üppiges 
Gedeihen durchmachen. 
Von den Feldern bis zur Südspitze der Insel, wo noch manche 
Furche die „tiefen Eindrücke" der Bomben und Granaten nach 
weist, dehnen sich die jüngsten Culturen in prangenden Tannen, 
Lärchen und Laubhölzern aus. 
Vor der Gallerie des Wohnhauses liegt ein großes Gewächs 
haus, und sendet allsominerlich eine Fülle ftemdcr Bäume, und 
exotischer Pflanzen, darunter viele Lianen, welche die Hauswände 
umranken, empor; ihre Wurzeln stehen aber nicht in Kübeln, 
sondern im Mutterboden. Sie werden im Winter umgebogen und 
eingedeckt. Während dies Gewächshaus im Winter künstliche 
Wärme empfängt, hat Di-. Bolle eine andere Methode den 
Italienern abgelauscht, welche ohne Heizung den südlichen Ge 
wächsen die Existenz auch in unserem Clima gestattet. An be 
sonders geschützten Stellen hat er den Boden etwa 5 Fuß tief 
ausgehoben, die Grube an den Seiten ummauert und die Wände 
etwa noch 7 Fuß über das Niveau des Erdbodens geführt. In 
diese Stellen sind nun eine Anzahl der schönsten Pflanzen südlicher 
Zonen, wie Feigen, echter Jasmin, japanische Bambus, Myrthe, 
Lorbeer, Banksiarosen ec., welche herrlich gedeihen, eingesetzt worden 
und angewurzelt. Steht der Winter bevor, so legt man die 
so heimisch gewordenen ftemden Gäste um, oder verschneidet die 
zu gewaltig emporgeschossenen und setzt über den ganzen Raum 
ein hohes spitzes Rohr- und Stroh-Dach, sodaß der Fleck dann wie 
eine große Miethe aussieht. 
Weit mehr in Erstaunen setzt der Park, der etwa 1200 ver 
schiedene bei uns ausdauernde Gehölze, unter ihnen die schönsten 
Eoniseren, zählt. Dort steht eine Gruppe Gebern (Cedrus Libani), 
welche biblische Species übrigens bereits im vorigen Jahrhundert 
als Waldbaum in den den Sec umgebenden Forsten cultivirt 
wurde, aber durch Ungunst des Klimas wieder verschwunden ist; — 
hier überragt eine einige 30 Fuß hohe Douglastanne, die höchste 
der in der Mark vorhandenen eine Gruppe japanischer Tannen; — 
mehr am Hause sehen wir auch eine schön gewachsene Wellingtonia 
gigantea, jenen Riesenbau»! Calisorniens. Zu besonderer Schönheit 
haben sich im Part auch Tlmua, Cupressus und Cryptomeriu ent 
wickelt ; aber man würde ungerecht sein, wenn man von den 
zahlreichen Laubhölzern 'Nord-Amerikas, von den italienischen Eichen, 
den Rosenstämmen, die ihren berühmten 800jährigen Verwandten 
in Hildesheim nach dein vorliegenden zehnjährigen Wachsthum 
schon in 20 Jahren schlagen möchten, — wenn man von den 
echten Kastanien (Castanea vesca), die hier Anfangs Juli wie mit 
einem dichten Schleier bedeckt blühen, ganz schweigen wollte. In 
dem an der Hinterfront der mit wildem Wein und Epheu dichtbe- 
j laubten Wirthschaftsgebäude erstreckenden Parktheil bilden sich die 
lauschigsten Plätzchen und dichte Laubgänge, in denen wohl manche 
; der duftigen poetischen Blüthen des Besitzers entstanden sein mögen. 
' Unsern davon erhebt sich auch ein großer weit mebr als hundert 
jähriger Apfelbaum, unter welchem Alexander von Humboldt häufig 
als Kind gespielt haben soll. Wer weiß, welche Bedeutung Scharfen 
berg aus das kindliche Gemüth des Knaben und seine Liebe zur 
; Natur dereinst gehabt hat! 
An Meerstradskiefern, Ilex und Californischen Riesenthugas 
denen dichte Wachholder- und Fliederhecken sich anschließen, entlang 
führt der Weg auf den schon besprochenen, zum Theil mit Wein 
und Pfirsichen besetzten Berg an der Nordspitze. Ein mit mächtigen 
Granitblöcken garnirter breiter Gipfel ladet besonders zum Ruhen 
ein; denn von hier schweift der Blick ungehindert über den 
! weiten inselgeschmückten See bis Dorf Tegel; im Osten sieht man 
: am Scerandc die vcrhängsnißvolle Algenbrutanstalt unserer Stadt, 
! alias Tegeler Wasserwerke; im Westen das feste, zu Heiligensee ge- 
! hörige Land so nahe an Scharfenberg heran, daß eine große Fähre 
leicht den Wagenverkehr zwischen beiden Territorien vermittelt. — 
Ueberblicken wir nochmals die ganze Schöpfung und fragen 
j wir uns, was verleiht Scharfenberg den eigenthümlichen Reiz, so 
j ist es, abgesehen von seiner natürlichen Lage, die Urwüchsigkeit der 
ganzen Anlage. 'Nirgends tritt uns das Gesicht des künstlich Ge- 
! machten entgegen; Bäume und Sträucher stehen, als ob die launige 
Natur sie hier und dort hingesetzt hätte; dann aber ist dafür 
bedeutsam, daß die Insel auch die Abwechselung zwischen Wald, 
fetter Trift und Feld in reichen! Maaße bietet. Wenn Scharfen 
berg auch ohne Zweifel das vorzüglichste Arboretum (Baum- 
museum) Nord - Deutschlands genannt werden muß, so erinnert 
doch nichts an eine Baumschule, ja nicht einmal an künstliche Be 
pflanzung. 
Noch einen kurzen Blick auf die Fauna Scharfenbergs, die 
sich wie die Flora hier auch urwüchsig gestaltet! Gänse und 
Enten treiben sich den Sommer über frei umher; sie fliegen wie 
ihre wilden Verwandten, fallen heut ain Tegeler-, morgen am 
j Saatwinkler-User ein, kommen aber, da ihnen Futterstellen auf der 
j Insel offen gehalten werden, immer wieder, sicher zum Herbst, nach 
ihre»! alten Heim zurück. Pfauen spazieren oder fliegen ftei auf 
der Insel umher, und suchen nur int kältesten Winter das schützende 
Dach eines Schuppens aus. Der Waidinann vernimmt erstaunt, 
wenn er dort beim Hause unter dein inächtigen Geäst der- austra 
lischen Akazie steht, den Ton der Californischen Schopswachtel; aber 
auch unserer einheimischen wilden Thierwelt scheint die Insel ein 
Eldorado zu sein, denn alle erdenklichen gefiederten Sänger nisten 
in dem dichten Usergebüsch und das stolze Reh und der sonst so 
ängstliche Lampe riskiren eine Wasserreise, uin die Insel schwim- 
nienb zu erreichen. Dafür erwidert der Besitzer besonders beim 
Reh auch das Vertrauen der Gäste, und läßt sie unbehelligt um- 
herspazieren. Doch auch Feinde, andere noch als die früheren 
Kugeln des martialischen jenseitigen Strandes, besuchen die Insel. 
Reinicke, der Schlauberger, ein ebenso guter Schwimmer uue Eis- 
läufer, trifft aus den benachbarten Forsten öfter zuni Besuch — 
manchmal mit seiner ganzen Sippe — ein, und stört dann Wohl 
einmal arg den Frieden Scharsenbcrg's. Wer sich auf die Stim 
men der Thierwelt versteht, vernimmt aus den Klagelauten einer 
großen einsam einhcrschreitenden Pute, daß sie die einzige einer 
zahlreichen Familie ist, welche vor kurzem den rothhaarigcn vier 
beinigen Mordgesellen entgangen ist. Aber auch der Adler stellt 
sich neben anderem flüchtigen Raubgesindel ein, und erst vor 
wenigen Wochen streckte ein gut gezielter Schuß den Räuber eines 
Huhns, aus der Klasse der Schreiadler, (Aquila naevia, L.) zu 
Boden. 
Wenn wir uns, abgesehen von den sich jährlich einstellenden 
Rebhühner-Völkern, der Bevölkerung der Insel zuwenden, so ist
        
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